
- Chuck Palahniuk - Das Kainsmal - Manhattan
Als gefeierter Kultautor könnte sich Chuck Palahniuk eigentlich gemütlich zurück lehnen, sich auf seinem Ruhm ausrasten und - wie so viele andere Bestseller auch - immer und immer wieder dieselbe Geschichte erzählen. Doch Chuck, wie er von seinen Fans kurz genannt wird, reicht das nicht. Er erfindet sich mit jedem Buch neu, bleibt seinem Stil dabei treu und fordert seine Leser doch dazu heraus, ihm noch ein Stückchen weiter in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele zu folgen.
"Oral History" - eine mündliche Biographie
Diese Art zu erzählen kennt man für gewöhnlich eher aus Werken, die eine Zeitspanne in unserer Geschichte beschreiben oder aus Biographien echter Menschen. Dabei werden viele Leute, die mit der betroffenen Person in Kontakt waren oder sie kannten, befragt und erzählen aus dem Nähkästchen Anekdoten aus dem Leben der Hauptperson. Am Ende werden alle gesammelten Interviews und Geschichten zu einem kohärenten Werk zusammengefügt, dass sich dann flüssig liest, dem man aber eindeutig anmerkt, dass verschiedene Personen verschiedene Dinge erzählen und das Gesagte nicht immer übereinstimmt.
Die Idee, seinen Protagonisten gar nicht selbst sprechen, sondern einfach seine Freunde, Familie und entfernte Bekannte seine Geschichte erzählen zu lassen, führt Palahniuk mit Bravour aus. So erzählt etwa nicht jeder der Charaktere immer die Wahrheit, der Erzählstil der verschiedenen Person unterscheidet sich gewaltig und man merkt deutlich, wer Buster Casey mochte und wer nicht.
Subkulturen, nutzloses Wissen und typisch Chuck
Dass auch in diesem Werk wieder Subkulturen näher untersucht werden, ist für Fans keine Überraschung. Was aber neu ist, ist, dass es sich um einen dystopischen Roman handelt - also eine Geschichte, die in der Zukunft spielt und in der die Gesellschaft in zwei Klassen geteilt ist: die Nachtmenschen und die Tagesmenschen. Nachtmenschen dürfen etwa nur in der Nacht außer Haus gehen und werden bestraft, wenn sie bei Tageslicht erwischt werden. Daraus hat sich eine ganz eigene Nachtkultur entwickelt mit Ladenöffnungszeiten, Sportarten und Schulen.
Ein Hobby der Nachtmenschen (von denen auch Buster "Rant" Casey einer war) ist das sogenannte Party Crashing - und damit ist nicht gemeint, unangemeldet auf fremden Feiern aufzutauchen. Vielmehr handelt es sich um ein ausgeklügeltes System und Spiel, bei dem sich Gruppen von Menschen verkleiden und in ein Auto setzen und dann andere Mitspieler rammen - allerdings nach strikten Regeln. Chuck Palahniuk schafft es nicht nur, dieses Hobby faszinierend zu beschreiben, sondern auch, den Gedanken weiterzuspinnen.
Zeitreiseparadoxa
Ebenfalls neu und sehr gewagt ist das Thema Zeitreise. Palahniuk scheut sich nicht vor Fragen wie "Kann man in die Vergangenheit reisen und seinen eigenen Großvater umbringen? Und wenn ja, hört man dann selbst auf zu existieren?". Rant Casey hat dazu seine eigenen Theorien, die hier aber nicht verraten werden sollen. Schließlich ist ein großer Teil des Spannungsbogens die Auflösung vieler ungelöster Rätsel, die sich im Laufe der Lektüre stellen.
Mit "Rant" ist Palahniuk wieder einmal ein kleiner Meisterstreich gelungen und Fanherzen jubeln auf, weil sich der Autor nicht mit Mittelmäßigem zufrieden gibt.
Chuck Palahniuk: Lullaby. Manhattan HC 2007. Taschenbuch, 352 Seiten. Euro 14.95.
Chuck Palahniuk: Lullaby. Vintage 2008. Paperback, 336 Seiten. Euro 8.55.
