Rezension zu Chuck Palahniuk - Lullaby

Der Autor von "Fight Club" entführt in neue, verrückte Welten.

Lullaby - englisches Buchcover - Vintage
Lullaby - englisches Buchcover - Vintage
Was, wenn es ein Wiegenlied gäbe, das jeden, der es hört, tötet? Genau ein solches entdeckt der Protagonist - und genießt seine neue Macht. Doch wer weiß noch davon?

Trotz mehrerer Bestseller und inzwischen schon zwei erfolgreichen Literaturverfilmungen ist der Name Chuck Palahniuk zumindest in Europa immer noch eher unbekannt. Den Film "Fight Club" hingegen scheint jeder zu kennen. Dass die Romanvorlage von niemand anderem als dem völlig normal wirkenden Amerikaner stammt, wissen die wenigsten. Dass sich hinter seinem durchschnittlichen, recht sympathischen Äußeren, die seltsamsten Gedanken und Ideen befinden, ist auch erstaunlich.

Doch er tut es immer wieder. In seinen zehn Romanen, einer Non-Fiction-Geschichtensammlung und einer Art Reisebericht über seine Heimatstadt Portland, Oregon, überzeugt der Autor seine Leser davon, dass ihm wohl nie die Ideen ausgehen werden, und dass es immer - und wirklich immer - noch schlimmer geht.

Chuck Palahniuks Lullaby - Ein Schlaflied in den Tod

In diesem Roman, der sowohl auf Deutsch als auch im englischen Original den Titel "Lullaby" trägt, ist eigentlich ein Schlaflied die wirkliche Hauptperson. Ein Journalist untersucht Fälle von plötzlichem Kindstod, von Menschen, meistens Kleinkindern, die ohne ersichtlichen Grund eines Morgens nicht mehr aus ihrem Schlaf erwachten. Dabei stößt er auf eine Sammlung von Kinderliedern und -geschichten, darunter ein altes Afrikanisches Wiegenlied. Als er dieses auf seine vermeintlich tödliche Wirkung testet, tötet er prompt und eigentlich recht ungewollt seinen Chef.

An und für sich ist die Entdeckung eines derart mächtigen Verses schon eine Katastrophe. Chuck Palahniuk spinnt die Geschichte weiter - und zwar in verschiedenste Richtungen. Einerseits stellt der Protagonist immer wieder Überlegungen an, wie die Welt aussehen würde, wenn dieses Lied an die Öffentlichkeit geraten würde. Worte wären plötzlich tödliche Waffen, jemandem zuzuhören lebensgefährlich. Radios, Fernseher, Durchsagen und Telefone würden schlicht und ergreifend aus der Welt verschwinden.

Zweitens, und damit muss der Leser von Anfang an rechnen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Protagonist der einzige ist, dem dieses Lied und seine Wirkung aufgefallen sind, recht gering. So macht er sich auf, andere zu suchen, die mit seltsamen, unerklärlichen Todesfällen in Verbindung stehen. Zusammen mit der exzentrischen Immobilienmaklerin und ihrer Sekretärin, die gleichzeitig Mitglied eines Hexenkultes ist, macht er sich auf den Weg, alle noch existierenden Exemplare des Geschichtenbuches zu vernichten und der Menschheit einen Dienst zu erweisen. Doch wie das bei Palahniuk so oft der Fall ist, läuft kaum etwas wie geplant und der Leser ist in jedem zweiten Kapitel überrascht, welch unerwartete Wende diese seltsame und faszinierende Geschichte doch genommen hat.

Auf den Spuren von Fight Club - Sex, blutige Gemetzel und die Hässlichkeit der menschlichen Seele

Was Chuck Palahniuk auszeichnet und ihn bei seinen treuen Fans so beliebt macht ist, dass er seinem Stil treu bleibt und sich trotzdem in jedem Buch neu erfindet. Er verwendet seine guten, alt bewährten Stilmittel - regelmäßige Wiederholungen von Sätzen, die einem bis in den Schlaf folgen, scheinbar unnützes Wissen, scheinbar willkürlich in eine Geschichte gestreut.

Aber Chuck Palahniuk lehrt seine Leser mit jedem Roman neue Dinge. Er versucht nicht nur zu schockieren - wobei das meist ein Nebeneffekt seiner Geschichten ist - er hält der Menschheit, besonders der westlichen Gesellschaft, einen Spiegel vor, der unbeschönigt die dunkelsten und bösesten Ecken der menschlichen Seele zeigt. Das bewältigt er meist mit einer Portion schwarzen Humors oder durch schockierende, oft auf wahren Ereignissen basierenden, Szenen.

Für Fans von Bret Eason Ellis oder des Filmes "Fight Club" ist dieser Autor ein Muss.

Für Neugierige steht Chuck Palahniuks umfangreiche Homepage, The Cult, zur Verfügung.

Chuck Palahniuk: Lullaby. Goldmann-Verlag 2006. Taschenbuch, 256 Seiten. Euro 7,95.

Chuck Palahniuk: Lullaby. Vintage 2003. Paperback, 272 Seiten. Euro 9.49.

Nadine Gemeinböck, Nadine Gemeinböck

Nadine Gemeinböck - Nadine Gemeinböck begann ihre Karriere im zarten Alter von 3 Jahren, mit dem sie das Lesen und Schreiben erlernte. Von dahin war es ...

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