
- Buchcover Verbrechen - Piper Verlag
Ferdinand von Schirach ist Rechtsanwalt und unter den Strafverteidigern in Deutschland kein Unbekannter. Mandate für prominente Straftäter, wie den ehemaligen SED-Führungsfunktionär Günter Schabowski oder den BND-Spion Norbert Juretzko hatten dem in München geborenen und in Berlin tätigen Juristen bereits vorab einen gewissen Bekanntheitsgrad als Promi-Staranwalt eingebracht. Seit im August 2009 sein Buch „Verbrechen“ beim Piper-Verlag erschien, ist er überdies auch zum Starautor geworden. Das Buch hält sich seither ununterbrochen in den Bestsellerlisten und wurde mittlerweile in über zwanzig Länder verkauft. Das gleichzeitig erschienene Hörbuch, das von Burghart Klaußner eingelesen und bei DAV - Der Audio Verlag veröffentlicht wurde, findet ebenso wie die geschriebene Fassung reißenden Absatz bei den Buchhändlern der Nation. Grund genug, zu fragen, warum dieses Buch die Menschen begeistert und was sich hinter dem schlichten Titel eigentlich genau verbirgt.
Wahre Fälle mit realen Tätern
Wie das Wort „Verbrechen“ bereits verrät, handelt es sich bei den elf Episoden, in die das Buch unterteilt ist, um Schilderungen von Kriminalfällen. Nun könnte man von Schirach zunächst einmal leichtfertig unterstellen, dass er sicherlich, schon allein durch seine alltägliche Berufspraxis, ein guter Krimiautor hätte werden können. Aber, und hier zeigt sich bereits die erste Besonderheit des Buches, die hier dargelegten Fälle sind nicht fiktional, sondern haben sich allesamt tatsächlich so zugetragen. Alle Täter wurden vom Autor in ihrer Sache vor Gericht vertreten. Ganz egal, ob es sich dabei um gutbürgerliche wohlhabende Personen, mittellose Einwanderer oder um Angehörige der Unterwelt handelte. Sie alle einte die Außergewöhnlichkeit ihres jeweiligen Deliktes, weshalb ihre Geschichte schließlich auch Eingang in das Buch gefunden hat.
Der Leser kann sich selbst ein Urteil bilden
Eine weitere, sich durch das gesamte Werk hindurch erstreckende Besonderheit ist in der Erzählweise des Autors zu sehen, der auf betont sachliche, ungeschönte Weise die ihm bekannten Zusammenhänge eines jeden Falls darlegt und es dem Leser damit ganz bewusst selbst überlässt, sich wie ein Richter oder ein Schöffe vor Gericht über die geschilderten Fakten ein eigenes Urteil zu bilden. Ganz, wie man es von einem guten Verteidiger erwarten kann, schildert von Schirach seinen Lesern dabei vor allem die Umstände, die einen Menschen zur Ausführung einer Straftat, wie Mord, Totschlag oder Raub bewogen haben. Eine Sichtweise, die in vielen Kriminalromanen oftmals in den Hintergrund rückt oder lediglich zum Ende hin eine Rolle spielt.
Von Schirach stellt die Frage nach der Schuld
Durch die nüchterne Darstellung der Geschehnisse aus der Sicht des juristischen Vertreters der beschriebenen Personen wird dem Leser zum Einen bewusst, dass jeder, egal, ob arm oder reich, jung oder alt durch das Zusammenspiel verschiedener dazu beitragender Faktoren zum Straftäter werden kann. Zum Anderen fragt man sich mehr als einmal während der Lektüre, ob man anstelle des Täters nicht ebenso gehandelt hätte, wie dieser. Ob da nun die Rede ist von dem gesellschaftlich angesehenen Arzt, der seine ihn ununterbrochen peinigende Frau nach fünfzigjähriger Qual mit einer Axt umbringt. Oder aber von dem aus Deutschland entflohenen, in Afrika heimisch und gesellschaftlich anerkannt gewordenen Bankräuber, der nach einer erzwungenen Rückkehr nach Deutschland einen zweiten Bankraub begeht, um Frau und Kind wieder sehen zu können. Von Schirach lässt die Charaktere mit ihrem Handeln und mit den in ihnen aufwallenden Gefühlen für sich sprechen und stellt dem Leser damit ganz beiläufig die Frage nach der Schuld. Eine Herangehensweise, die nicht nur die einzelnen Fälle, sondern auch die Generalaussage des Buches zur Besonderheit werden lässt.
Straftäter als Opfer der sie umgebenden Umstände
Am Ende der Lektüre aller Fälle ist man nicht nur fest der Meinung, das die Wirklichkeit ebenso spannend und aufreibend, wie ein erfundener Handlungsstrang sein kann. Man hat auch eine andere einfühlend menschliche und nicht mehr vorverurteilende Haltung gegenüber Personen bekommen, die zu Tätern werden. Offensichtlich ist die ungewöhnliche Darstellung und Herangehensweise von Schirachs bei den geschilderten Fällen ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Buches. Die Hörbuchfassung, die um drei Fälle gekürzt, aber dennoch dank der ausdrucksstarken Stimme von Burghart Klaußner äußerst hörenswert ist, steht der gedruckten Fassung ebenfalls in nichts nach. Man darf gespannt sein, ob von Schirach aufgrund des großen Erfolges einen Nachfolger schreiben wird. Krimifreunden, aber auch psychologisch Interessierten und gesellschaftskritisch denkenden Menschen ist „Verbrechen“ in jedem Falle zu empfehlen.
Ferdinand von Schirach: Verbrechen: Piper Verlag München 2009, Gebunden, 208 Seiten, Euro 16,95
Als Hörbuch erschienen im DAV – Der Audio Verlag, Berlin 2009, gelesen von Burghart Klaußner, 3 CDs im Digipack, Spielzeit: 237 Minuten, Euro 19,99
