
- Vargas: Die dritte Jungfrau - Aufbau-Verlag
In mittlerweile zehn Romanen hat Fred Vargas eine eigene Krimiwelt erschaffen, in der bestimmte Gesetze und Regelmäßigkeiten herrschen. Neulinge werden sich in dieser Welt ebenso schwer zurechtfinden wie Liebhaber konventioneller Kriminalromane. Plausibilität und Realismus, sonst herrschende Kriterien eines Kriminalromans, sind in dem „Kosmos Vargas“ eher zweitrangig. Es scheint bisweilen, als passe sich die Realität der Intuition des ermittelnden Kommissars an. Und je weiter die Reihe um Kommissar Adamsberg fortschreitet, desto ausgefeilter und skurriler werden Charaktere und Handlungen.
Die Handlung von „Die dritte Jungfrau“
Es ist fast unmöglich, die Geschichte des Romans nachzuerzählen, zumal sie sich fast wie ein Märchen anhört. „Die dritte Jungfrau“ handelt von einem Gespenst in Adamsbergs neuem Haus, von zwei ermordeten Jungfrauen, von Hirschen, denen Herzen herausgerissen wurden, und einem Ereignis aus Adamsbergs Kindheit in den Pyrenäen. Diese Handlungsstränge sind miteinander verwoben und scheinen einander zu bedingen. Aber erst nachdem Adamsberg die Morde an Jungfrauen und Hirschen aufgeklärt hat, kann er auch die anderen Rätsel lösen.
Der Erzählstil von Fred Vargas
„Die dritte Jungfrau“ beginnt gewohnt gemächlich. Langsam wird der Leser in die verschiedenen Handlungsstränge eingeführt und kann sich dank detailliert-poetischer Beschreibungen von Charakteren und Milieus langsam in die Welt des Kommissars Adamsberg hineinversetzen. Lange Zeit ahnt der Leser nicht, wohin ihn die verschiedenen Plots führen werden. Dabei wird er insbesondere von einer Nebenhandlung gefangen genommen: dem Auftauchen eines Schattens aus Adamsbergs Vergangenheit.
Veyrenc, der Bergmensch aus den Pyrenäen
Lieutenant Veyrenc ist ein neuer Mitarbeiter in der Pariser Brigade, er hat rotgeschecktes Haar und spricht in fast perfekten Alexandrinerversen. Ebenso wie Adamsberg stammt er aus den Pyrenäen, allerdings aus einem Dorf auf der anderen Seite des Berges, das mit Adamsbergs Heimatort traditionell verfeindet ist. In seiner Kindheit wurde Veyrenc Opfer eines grausamen Überfalls, bei dem ihn Jugendliche übel zurichteten. Seine Erinnerungen an die Ereignisse sind nur noch trübe, aber ihn quält der Gedanke an eine Gestalt im Halbdunkeln, die an einem Baum gelehnt alles gesehen hat. Über seine Gründe, sich ausgerechnet in Adamsbergs Brigade versetzen zu lassen, wird vielfach gerätselt – zumal zwei Bergmenschen nicht miteinander arbeiten können.
Dieser Handlungsstrang droht die Aufklärung der Mordfälle an Spannung zu übertreffen. Das liegt vor allem an der Figur Veyrenc. Er ist ein weiterer Charakter aus der Feder von Vargas, der mit einer fast schon überzeichneten Originalität den Leser – und das Romanpersonal – gleichermaßen fasziniert. Dabei gewinnt er durch das Talent seiner Erfinderin eine Strahlkraft, die Kommissar Adamsberg sowohl in dem Interesse des Lesers als auch in der fiktiven Welt des Romans übersteigt. Hier korrespondieren in einmaliger Weise die Wahrnehmungen des Lesers mit denen der fiktiven Figuren, die sukzessive zu Veyrenc „überlaufen“. Einzig der treue Danglard bleibt gegenüber dem Neuen skeptisch und bestätigt manches Misstrauen des Lesers. Zumal es nicht ausgeschlossen ist, dass das plötzliche Auftauchen von Veyrenc und die Mordfälle zusammenhängen.
Die Welt von Kommissar Adamsberg
Das Schattenhafte durchzieht die Handlung wie ein roter Faden und verbindet die Handlungsstränge. Von der spukenden Nonne in Adamsbergs Haus wurden bislang nur Schatten gesehen, auch Veyrenc erinnert sich nur an eine schemenhafte Gestalt. Die Mörderin der Jungfrauen könnte an einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung leiden, deshalb weiß der eine Teil ihrer Persönlichkeit nicht, was der andere getan hat, und auch hier liegt also vieles im Halbdunkel. Zudem scheint sie ebenfalls ein Schatten aus Adamsbergs Vergangenheit zu sein.
Der Leser verliert sich gewissermaßen in dieser wundersamen Vargas-Welt, die auch die von Kommissar Adamsberg sein könnte. Die Autorin schickt den Leser auf einige falsche Fährten, aber die Auflösung der Handlungsstränge ist ebenso überraschend wie plausibel. Denn durch ihre Sprache, ihre Poesie und ihre Originalität ist es Fred Vargas gelungen, den Leser über manche Handlungsbrüche hinwegzuführen. Deshalb ist „Die dritte Jungfrau“ sicherlich nicht der beste Adamsberg-Roman der Reihe, aber immerhin noch ein sehr guter Kriminalroman.
Fred Vargas: Die dritte Jungfrau. Aufbau-Verlag 2008. Broschiert, 474 Seiten. Euro 9,95.
