
- Hedwig Appelt: Die Amazonen - Konrad Theiss Verlag
Noch heute sind in unserer Welt Amazonen zu finden. Sie spiegeln sich in Filmheldinnen wie Lara Croft wider, fungieren als Vorbilder für die Werbekampagne eines Parfüms von Jil Sander und haben einem Online-Buchhändler seinen Namen gegeben.
Aphrodite und Ares – Der Ursprung des Mythos Amamzonen
Die Amazonen sind die Töchter der Liebe und des Kriegs. Entstanden sind sie aus einer Liasion zwischen der verheirateten Aphrodite, der Göttin der Liebe, und dem Kriegsgott Ares. Aphrodite gebar nach diesem göttlichen Seitensprung ihre Tochter Harmonia, die Jahre später ihrem Vater Ares begegnete und mit ihm die kriegsliebenden Amazonen zeugte. Davon erzählen zumindest antike Autoren wie Herodot und Plutarch. Sie berichten von den kriegerischen Frauen, die einen Staat gründeten, um sich gegen die Männer zur Wehr zu setzen.
Wie Hedwig Appelt in ihrem guten Sachbuch aber ausführt, kommt im Fall der Amazonen mit historischen Hinweisen auf kriegerische Frauen eine weitere Bedeutungsdimension hinzu. Nach dem zweiten Ursprungsmythos waren die Amazonen ursprünglich die Ehefrauen der Skythen und gründeten ihren eigenen Staat nach einer vernichtenden Niederlage ihrer Männer . Dadurch erklärt sich auch eine Besonderheit der Amazonen: Obwohl sie göttlicher Herkunft sind, leben sie auf der Erde.
Absage an die Liebe – Hippolyte und Penthesilea
Die Amazonen sind also starke, kriegerische und unabhängige Frauen, die in einer Welt leben, in der Männer fast keine Rolle spielen. Sie sind für die Amazonen lediglich Reproduktionsgehilfen. Aber die Amazonen mussten für ihre Lebensweise auch Opfer bringen und unter anderem auf Liebe verzichten. Dieses Opfer hat die wohl tragischsten Geschichten des Amazonenmythos begründet, denn die unerlaubte Liebe zweier Amazonenköniginnen führte nicht nur zu einem Konflikt zwischen Staat und liebender Frau, sondern auch zu dem Ende der Amazonen. Zunächst verliebte sich Hippolyte in Theseus, den König von Athen, und stellte sich bei der entscheidenden Schlacht gegen ihr eigenes Volk. Später wurde Penthesilea durch einen Traum getäuscht und glaubte, sie sei in Achill verliebt. Die Tragik dieses Missverständnisses ist bis heute die wohl bekannteste Ausprägung des Amazonenmythos.
Hedwig Appelt über Mythos und historische Wahrheit
Diese Mischung aus Mythos und Geschichte, von historischer Überlieferung und Sagenstoff wird von Hedwig Appelt genutzt, um eine spannende Geschichte über die Amazonen zu schreiben, die sich sehr gut lesen lässt. Sie verbindet die verschiedenen Stränge zu einer stimmigen Abhandlung, die dem Leser als gute Einführung in die Thematik dient. Zudem verweist sie zum Abschluss des Buches auf den heutigen Stand der Wissenschaft zu den Amazonen, nach dem sich zwar belegen lässt, dass Frauen als Kriegerinnen gekämpft haben, die Existenz eines eigenen Staates hingegen lässt sich nicht nachweisen.
Amazonen: Feministisches Vorbild oder Männerfantasie?
Besonderes Augenmerk legt Hedwig Appelt auf die Rolle der Amazonen in der von Männern beherrschten Welt der Antike, und es ist offenkundig, dass sie insbesondere von der Forderung der Amazonen nach radikaler Freiheit und ihrem unbedingten Wunsch nach Selbstbestimmung fasziniert ist. In ihren Augen sind die Amazonen eine Antwort auf die Geschlechterfrage, indem sie eine radikale Gegenfigur zu den betont männlichen Helden darstellen. Es waren erstaunlicherweise vor allem die griechischen Geschichtsschreiber, die die Amazonen als kriegerisches Volk beschrieben und zugleich voller Bewunderung für sie waren. Die von Männern dominierte griechische Gesellschaft stand den Amazonen zwiespältig gegenüber, sie waren zugleich abstoßende Wilde als auch eine Männerfantasie. Und diese Mischung durchzieht den Amazonenmythos bis heute.
Lara Croft und Britney Spears – Moderne Amazonenbilder
Im Mittelpunkt des Buches stehen eindeutig die antiken Geschichten und Mythen. Erst zum Ende des Buches kommt Hedwig Appelt dann auf einen sehr interessanten Aspekt zu sprechen: Das Fortleben der Amazonen in der Gegenwart. Hier skizziert sie eine Linie von der Antike über Elisabeth I. und Schillers Jungfrau von Orléans bis hin zu Leni Riefenstahls Amazonenfilmprojekt und Helmut Newtons Frauenfotos. Außerdem verweist sie auf die Bilder der kämpferischen, starken und unabhängigen Frauen, die auch die Popkultur in Film, Musik und Werbung prägen. Hier wären weitere Ausführungen sicherlich wünschenswert gewesen, aber nichtsdestotrotz bietet das Buch einen unterhaltsamen Überblick über die Geschichten der Antike und eröffnet dem Leser neue Sichtweisen auf die Rolle sowie das Wesen der Amazonen.
Hedwig Appelt: Die Amazonen. Töchter von Liebe und Krieg. Theiss 2009. Hardcover, 192 Seiten mit 10 farbigen Abbildungen. Euro 19,90.
