
- Cover zu Jochen Rauschs Buch Trieb - Berlin Verlag
Eigentlich sind Jochen Rauschs Protagonisten ganz normale Menschen. Sie haben Träume, Sehnsüchte, gehen regelmäßig arbeiten und verfügen über ein geregeltes Einkommen. Mit einem Lächeln gehen sie morgens aus dem Haus und grüßen freundlich ihre Nachbarin. Doch was in ihren Köpfen vorgeht, das ist von außen nicht ersichtlich. Erst, wenn sie in eine Extremsituation getrieben werden, zeigen sie, zu was sie fähig sind.
Verschmähte Liebhaber, anormale Sexualpraktiken und blutige Rache
Die Protagonisten in Jochen Rauschs Erzählungen gehören verschiedenen Gesellschaftsschichten an – was sie nicht davon abhält, ihren Aggressionen völlig enthemmt Lauf zu lassen: Ein junger Arzt beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit einer Kollegin. Er verspricht ihr, sich scheiden zu lassen und mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Doch dann entscheidet er sich für seine Ehefrau. Die Geliebte ist wütend und verletzt, einen Familienurlaub in Schweden nutzt sie aus, um das Ferienhaus des Arztes anzuzünden. Zwei Kinder sterben, die traumatisierte Ehefrau nimmt sich das Leben. Als der Arzt seine ehemalige Geliebte nach Jahren wieder sieht, nimmt er Rache.
In "Keine Freunde" wird der ehrenwerte Geschäftsmann Herbert Breer ein Opfer seiner ungewöhnlichen Sexualpraktik, bei der Tiere eine tragende Rolle spielen.
Drastischer geht es bei Sylvia und Walter zu: "Der Ausflug zum Hof von Sylvias gewalttätigen Peiniger endet in einem Blutbad à la "Saw": Der Bauer wird wortwörtlich in seine Einzelteile auseinandergenommen.
Jochen Rausch über die Bestie in Menschengestalt
In 13 Geschichten schildert Jochen Rausch Affekthandlungen, die im Mord gipfeln. Er beschreibt, zu was Menschen fähig sind, wenn sie angetrieben werden und die Emotionen die Kontrolle über den Verstand erringen. Das soziale Umfeld spielt dabei keine Rolle, Ärzte und Adelige handeln genauso triebgesteuert wie die beschriebenen Junkies oder Hartz 4-Empfänger. Der Autor streift durch die deutsche Gesellschaft. Mit seiner guten Beobachtungsgabe komponiert er vielschichtige Porträts und lässt seine Leser über das Normale grübeln: Was bedeutet "normal sein"? Und was spielt sich in den Köpfen von unseren Mitmenschen eigentlich ab? Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven. Therapeuten, Tatortreiniger, Kriminalbeamte, Zeugen und Familienmitglieder kommen zu Wort, geschockt und fassungslos berichten sie aus dem Umfeld des Opfers und machen mit ihren unterschiedlichen Ansichten zur Tat die Motive der Täter nachvollziehbar, bzw. einfacher zu verstehen.
"Trieb": Ein Blick hinter die Masken
Jochen Rausch war lange als Gerichtsreporter tätig. Mit "Trieb" wagt er sich also in vertraute Gefilde vor. Die Geschichten sind authentisch, man findet sie täglich in den Medien. Dennoch sind seine Schilderungen an keiner Stelle reißerisch oder anklagend. Ähnlich wie in den Storys von Ferdinand von Schirach wird die Frage nach Schuld nicht gestellt. Es ist die Tat, die im Vordergrund steht, sachlich und präzise beschrieben weckt Jochen Rausch beim Leser Verständnis für die Täter und ermöglicht einen Blick hinter die Maske. Hinter dem Doppelleben der Protagonisten verbergen sich Leid, Heimlichtuerei und seelischer Schmerz. Die Morde dienen als Ventil für ihre Sehnsüchte: Glück, Lustbefriedigung und Freiheit. Der Autor rückt den Mensch in den Mittelpunkt der Geschichten, das Böse wird nicht definiert oder besonders hervorgehoben, da es keine Rolle spielt.
"Menschen tun manchmal sehr krasse Dinge. Aber es sind Menschen", lautet der Klappentext zu "Trieb". Jochen Rausch behält dies in jeder seiner Geschichten im Fokus und schafft mit seiner präzisen, minimalistischen Sprache eine düstere Faszination für Tat und Täter.
Jochen Rausch: Trieb / 13 Storys. Berlin Verlag 2011, gebunden, 205 Seiten. ISBN: 978-3-8270-1025-4
