Rezension zum Bilderbuch "Ein Mann, der weint"

Ein Mann, der weint - Hinstorff  Verlag GmbH
Ein Mann, der weint - Hinstorff Verlag GmbH
Das neue Kinderbuch von Mathias Jeschke macht traurig und der Schluss lässt einen ratlos zurück.

Das Buch ist zutiefst traurig. Es ist nicht traurig, weil ein Mann weint, es ist traurig, weil eine Geschichte der Sprachlosigkeit erzählt wird. Ein Kind macht eine Beobachtung, doch niemand bemerkt das Kind. Weder die Mutter noch jemand anderes. Und auch der Vater, der als Trost-Faktor das Buch ausklingen lassen soll, redet nicht mit dem Kind. Was für ein Erwachsenen-Buch einen gewissen spannenden „Anti-Helden-Faktor“ haben könnte – wenn es gut und konsequent erzählt wird – scheint für ein Bilderbuch, das Vorgelesen wird und mit dem durch das gemeinsame Beschäftigen mit der Sprache die Sprachfähigkeit eines Kindes weiterentwickelt werden soll, eher deplatziert. Dazu fragt man sich, warum das gerade erschienene Buch den gleichen Titel hat, wie ein von der Presse schon vorab gelobter Film, der 2010 produziert wurde und ebenfalls diese Tage in die deutschen Kinos kommt...

Nicht das erste Kinderbuch des Autors Mathias Jeschke

Von Mathias Jeschke gibt es inzwischen zahllose Kinderbücher und die schönsten sind die, die vom Meer handeln, wie „Die Geschichte vom Lastkran, der eine Schiffssirene sein wollte“ oder „Flaschenpost“. Das jetzige Buch hält leider nicht was die Vorgängerbücher versprechen. Es wird eine Geschichte angerissen und doch nicht erzählt. Warum dies so ist, bleibt unklar und so ist man gezwungen, das Buch gleich mehrmals zu lesen. Doch auch dann erfährt man nicht, warum der Mann weint, außer dass er traurig ist. Wer die Lösung bieten soll, bleibt unklar. Ein vierjähriges Kind ist damit überfordert und vielleicht auch mancher Vorleser.

Eine Geschichte über einen weinenden Mann

Die Geschichte (wenn man sie überhaupt so nennen will) ist rasch erzählt. Ein Junge zeigt seiner Mutter einen Mann der weint. Die Mutter (!) fragt den Jungen, warum er weint. „Aber woher sollte ich das wissen“, lässt Mathias Jeschke den kleinen Ich-Erzähler sagen und der Leser fragt sich das auch. Woher soll ein kleiner Junge die Antwort wissen, die die Mutter nicht geben kann? Der Junge, der wohl mehr Empathie empfindet, als die restliche Umwelt, interessiert sich für den Mann und geht näher zu ihm. Mit ihm beschnüffelt ein Hund den weinenden Mann. Rundum geht das Leben seinen normalen und ziemlich egoistischen Gang. Die Mutter kauft ein, kauft ein, kauft ein, eine ältere Dame tut das gleiche, eine Fahrradfahrerin telefoniert mit dem Handy. Nachdem sonst niemand etwas sagt, nimmt sich der kleine Junge ein Herz und fragt: „Warum weinst du denn bloß?“. Nun könnte die Geschichte eigentlich beginnen, doch der Mann speist das einzige Wesen, das ihn und seine Traurigkeit bemerkt, nur mit dem Satz „Ach, ich bin so traurig ab!“ Das ist jetzt wirklich schon zum Weinen. Dann ist der Junge auch noch „irgendwie froh, dass der Mann weinte“. Da versteht man die Welt wirklich nicht mehr. Am Abend dann ein kurzer Dialog mit dem Vater, der sich zuerst – auch äußerst kommunikativ – hinter der Zeitung versteckt. Auch hier kein Wort des Trosts. Doch immerhin nimmt der Vater den Jungen auf den Schoß und drückt ihn. Perfektes Glück?

Das Buch „Ein Mann, der weint“ lässt den Leser ratlos zurück

Man fragt sich, was dieses Buch bewirken soll... Ein kleines Kind, das im Bilderbuch sieht, dass ein anderes Kind (das sich für einen anderen Menschen dem es schlecht geht interessiert) von seiner Umwelt mehr oder weniger ignoriert wird, wird sich solch ein empathisches Verhalten nicht unbedingt zum Vorbild nehmen. Und das ist ebenso schade, wie die Tatsache, der keine Lösung für die Frage „Warum ein Mann weinen könnte“ gegeben wird. Vielleicht könnte dies in einer Gruppenarbeit zum Beispiel im Kindergarten nach dem Lesen des Buches gemeinsam diskutiert werden. Einen anregenden Hinweis dazu gibt es im Buch nicht.

Ansprechende und witzige Bilder von Wibke Oeser

Gelungen sind die ansprechenden Bilder von Wibke Oeser. Der kleine spitznäsige Junge mit roten Schuhen oder der Mann mit dem großen karierten Taschentusch sind ebenso liebenswerte Figuren wie der schlappohrige Hund oder die Radfahrerin. Es ist viel weiß auf den Seiten gelassen, was Ruhe vermittelt. Die Konturen sind mit braunen Holz- oder Pastellstift schwungvoll gezeichnet und ebenso schwungvoll ausgemalt.

Ein Mann, der weint, Mathias Jeschke (Text), Wibke Oeaser (Illustration). Hinstorff Verlag. Bilderbuch für Kinder ab 4 Jahren, 2011,. Euro 14,95.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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