So sicher wie es kein neues Phänomen ist, dass wer Werbung im Internet machen kann, es auch tut, so vielschichtig ist die Schar der Werbetreibenden. Das bedeutet auch, dass häufig nicht nur die Werbung selbst, sondern auch der Inhalt im höchsten Maße unerwünscht ist. Insbesondere gilt das dann, wenn es sich um Terrorpropaganda handelt. Doch wie unterscheidet man einfache religiöse Meinungsäußerungen von Hetze gegen Menschenrechte oder etwa den Aufruf zur Missionierung (Bekämpfung von Ungläubigkeit) vom Aufruf zur Bekämpfung von Ungläubigen?
Zur Verwertbarkeit des Inhalts von Denggs Buch
Gerade bei vieldiskutierten und mehrfach besetzten Begrifflichkeiten, wie es etwa bei Koran und Scharia der Fall ist, kann auch wer sich gegen Terror aussprechen will, schnell als Befürworter von radikalen Äußerungen angesehen werden. Denn wer eine religiöse Hasspredigt von einer religiösen Meinungsäußerung nicht unterscheiden kann, äußert sich bisweilen an falschen Stellen zu irreführend gesetzten Zitaten.
Gerade im Internet kann etwa ein Forenbeitrag, der schneller gesetzt als gelöscht ist, noch falscher interpretiert werden als beispielsweise das Youtubevideo, welches er kommentiert. Eine Hilfe für die Kategorisierung und Einschätzung radikal-islamistischer Werbung im Internet bietet das Buch Islambruederschaft.com - Bekenntnisse eines radikal-islamischen Online-Netzwerkes.
Es führt eine, für den Umfang des Internets selbst, verhältnismäßig kurze aber prägnante und nachvollziehbare Liste auf, die mit einfachen und bewusst authentisch gesetzten Beispielen eindeutige Abgrenzungen ermöglichen kann.
Das Buch und der Anspruch
Dengg selbst setzt der Veröffentlichung das Ziel der Darstellung der radikal-islamischen Botschaften der sogenannten Islambrüderschaft und er wird diesem Ziel gerecht. Die ursprüngliche Erwartung einer Fokussierung auf internetbezogene Themen wird allerdings, wenn auch nicht enttäuscht, mit dem Abschlusskapitel zu sehr abgeschwächt. Denn mit dem dort vollzogenen Bruch wird eine unnötige Rekonventionalisierung der Diskussion über das Beanspruchen einer religiösen Definitionshoheit durch die Islambrüderschaft in den Vordergrund zurück geholt, die nach Beschau der Internetäußerungen eigentlich unnötig ist.
Statt mit der Zusammenfassung und dem Erfahrungsbericht zu dem dort beschriebenen „Islam-Seminar“ in Wien, wäre dem Leser mit einer weitergehenden Einschätzung oder Verallgemeinerung der Erkenntnisse über die Art und Weise der getätigten Äußerungen wohl mehr geholfen, als mit dem nachträglichen Abgleichen von On- und Offline Inhalten der Islambrüderschaft.
Kritische Abschlussbetrachtung
Auch wenn während des Lesens hier und da die Sprache Denggs von der Wissenschaftlichkeit des Textes ablenkt, etwa wenn mit verallgemeinernden Wertungen wie: “...die jeden vernunftbegabten Menschen erschaudern lassen...“(Seite12) schockiert, ist das Buch mindestens in zweierlei Hinsicht zu empfehlen:
Für die wissenschaftliche Arbeit ist diese Zusammenfassung religiös-radikaler Äußerungen insofern von Bedeutung, als dass hier eine nachvollziehbare und gut hinterfütterte Kategorisierungs- und nicht zuletzt auch auch Recherchehilfe an die Hand gegeben wird. Sie dürfte eine weitere Bearbeitung stark erleichtern.
Für interessierte Laien zum Thema Terror und religiösem Radikalismus bietet das Buch darüber hinaus einiges an interessanten Neuigkeiten. Und das obwohl der Umfang für eine Zielgruppe, die unter Umständen ihre Informationen ohnehin aus Youtubevideos und Online-Primärliteratur zieht, etwas zu klein sein könnte.
Oliver Dengg: Islambruederschaft.com, Bekenntnisse eines radikal-islamischen Online-Netzwerkes; Schriftenreihe der Landesverteidigungsakademie, # 1/2011, Wien, März 2011, ISBN: 978-3-902670-67-0, Seitenzahl: 89
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