Riccione zwischen Dolce Vita und Massentourismus

Sonnenuntergang in Rimini - Alexandra Barone
Sonnenuntergang in Rimini - Alexandra Barone
Riccione - das Mekka deutscher Touristen? Nicht nur. Die Adriaküste genießt bereits seit den 30er Jahren einen enormen Bekanntheitsgrad.

In Riccione auf der Viale Ceccarini ist schon Benito Mussolini spazieren gegangen. In den 50er und 60er Jahren folgten dann die Stars und Starlets. Adriano Celentano, Lucio Dalla, Roberto Benigni – alle residierten in den mondänen Hotels. Auf der Viale Ceccarini, wo der Aperitif eingenommen wird, galt dann das Gesetz der Strandpromenade: Sehen und gesehen werden. „Bei uns residierte sogar der Fußballstar Pelé, frischverheiratet“, erzählt Cinzia Tura. Die 45-jährige hat die volle Blüte des damaligen mondänen Badeorts als kleines Kind noch mit bekommen. Ihr Vater arbeitete als Kellner in einer der Hotels und hatte immer eine Geschichte parat.

Hotels waren kleine Familienbetriebe

Heute kümmert sich Tura selbst um Tourismus: als verantwortlicher Assessor bei der Stadt und als Hotelbesitzerin. Sie ist eine vom Fach, wie über 80 % der rund 35.000 Einwohner. „Früher haben alle Familien im Tourismus gearbeitet“, erklärt Cinzia Tura. Es galt den Ansturm der Stars und Starlets zu befriedigen. „Wir waren der Nabel der Welt“, erklärt Tura.

Familienferien statt Dolce Vita

Das sprach sich herum und schon bald wälzten sich in den siebziger und achtziger Jahren enorme Blechlawinen über den Brenner von Deutschland nach Italien. Ziel der schweißtreibenden Autofahrt: Rimini oder Riccione. Filme wie „Man spricht Deutsch!“ zeigen im Ansatz die Probleme der deutschen Touristen in Italien: Verständnisschwierigkeiten, Sonnenbrand, warmes Bier und störende Campingplatz-Nachbarn. Nicht zu vergessen: der ewig lange Stau, um ans Ziel der Träume zu gelangen. „Die Bewohner stellten sich auf den neuen Tourismus ein“, erklärt Tura. „Die vielen kleinen Pensionen und wenigen Luxushotels wichen den zahlreichen Mittelklasse-Hotels und Campingplätzen.“ Statt vereinzelten Paaren, waren nun die Bedürfnisse ganzer Familien zu befriedigen. Statt Promenade war nun viel Strand und Spielmöglichkeiten für die Kleinen gefragt.

Riccione im Wandel

Laut der Vereinigung tourismusbetreibender Unternehmen "Consorzio Riccione Turismo" konnte das Feriengebiet an der westlichen Adria im Jahr 2007 rund 2,5 Millionen Übernachtungen zählen, davon 25% von Touristen aus dem Ausland. Circa 592.000 Touristen besuchten Riccione, davon insgesamt 19% aus dem Ausland Touristen aus Deutschland sind dabei immer noch an der ersten Stelle der Gruppe Reisende nach Nationen. Und die Touristenströme beginnen, sich zu verteilen: In den Monaten Oktober bis Dezember 2007 konnte Riccione Turismo ein Plus von 10,6% Touristen, und ein Plus von 9,1% Übernachtungen verbuchen (29% aus dem Ausland), in den schwächsten Monaten Januar bis April des Jahres immerhin noch ein Plus von 4% Touristen, davon 23% aus dem Ausland. Auch in den Monaten Mai bis September sind die Touristenzahlen gestiegen, jedoch nur um insgesamt 3,2 Prozent.

Wellness und Relax statt Massentourismus und Disko

"Die Entwicklung unserer touristischen Infrastruktur bekommt weitere Schwerpunkte", so Stefano Giuliodori, Präsident von Riccione Turismo. "Wir setzen nicht mehr nur auf den Freizeiturlaub am Strand. Wir bemühen uns um Aktivurlauber, Wellnessund Gourmeturlauber und in Zusammenarbeit mit der Messe Rimini die Businessreisenden." Riccione ist eine Stadt im Wandel. Während in den 70er Jahren Familienurlaub angesagt war, gehörten die neunziger Jahre eher dem italienischen Disko-Tourismus. Was war passiert? „Nach der Algenplage wollte keiner mehr ans Mittelmeer und wir machten Werbung mit unseren Diskotheken“, erklärt Tura. Nun ist der Disko-Tourismus passé und es werden viele Wellness- und Freizeitmöglichkeiten angeboten.

Neues Publikum, Urlaubstage wurden reduziert

Nicht nur das Publikum änderte sich, sondern auch die Art des Aufenthaltes. Während 1972 der Besucher durchschnittlich 15 Tage blieb, wurde der Urlaub 1992 sogar auf nur acht Tage reduziert. „Heute blieben viele auch nur ein Wochenende“, erklärt Tura. Von den rund 750 Hotels schlossen über 400, kein Grund zur Sorge allerdings. „Sicher sind wir auch von der allgemeinen Wirtschaftskrise betroffen, aber wir wussten schon immer im Wandel der Zeit zu gehen“, so Tura.

Kleine Pensionen statt anonyme Hotelkasten

„Wir haben in einer Studie heraus gefunden, dass die Menschen heutzutage sehr viel Wert auf ihre Freizeit legen.“ Nicht mehr das faule Herumwälzen am Strand ist in, sondern aktiver Tourismus. „Die Leute wollen Mountainbiken, Surfen, allerlei Exkursionen und Kultur.“ Heute wäre nicht mehr das anonyme Mittelklasse-Hotel gefragt, sondern die kleine familiäre Pension, wo die Oma selbstgemachte Nudeln mit Tomatensoße kocht. „Wer keinen aktiven Urlaub sucht, will Wellness und Erholung“, erklärt Cinzia Tura.

Alexandra Barone, Alexandra Barone

Alexandra Barone - Alexandra Barone arbeitet seit 1996 als Journalistin. Nach einem Volontariat im Pressebüro der Aktion Mensch, war sie vier Jahre lang ...

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