Richard Laymon – Thriller "Der Ripper"

Ein neue Version der Story um Jack the Ripper

Richard Laymon: Der Ripper - Heyne Hardcore
Richard Laymon: Der Ripper - Heyne Hardcore
In "Der Ripper" schreibt der US-Autor Richard Laymon die Geschichte des Londoner Serienkillers Jack the Ripper neu - als jugendlichen Abenteuerroman im Wilden Westen.

London 1888: Ein unheimlicher Serienmörder schlachtet junge Prostituierte in den Vergnügungsvierteln der englischen Hauptstadt ab. Die Öffentlichkeit ist schockiert, und Scotland Yard jagt den unheimlichen Killer, den die Presse "Jack the Ripper" getauft hat. Mehrere junge Frauen sind ihm schon zum Opfer gefallen, bis die Mordserie abrupt abreißt.

Was niemand weiß – kurz vor seinem nächsten Mord ist der Ripper einem 15-jährigen Jungen aus ärmlichen Verhältnissen über den Weg gelaufen, der Zeuge seines Treibens geworden ist – und der das Schicksal der beiden ungleichen Menschen zusammenschweißt.

Jack the Ripper – eine neue Geschichte im Wilden Westen

Hier beginnt auch schon die freie Fiktion ohne jeglichen Anspruch auf die Realität, wie bei vielen anderen Adaptionen des Ripper-Themas. "Savage", so der englische Originaltitel des 1995 in den USA veröffentlichten Buchs, ist ein ungewöhnliches Buch für den US-Autoren Richard Laymon, der zurzeit bei Heyne Hardcore neu aufgelegt wird.

Sonst eher bekannt als Autor harter, gesellschaftskritischer Psychothriller, Horror- und Splatter-Schocker wie "Nachts", "Der Regen", "Die Insel" und "Die Jagd", erschien es seinem Verleger logisch, ihm eine persönliche Version der Jack-the-Ripper-Geschichte nahezulegen.

Der reale Serienkiller im London des späten 19. Jahrhunderts, der nie überführt werden konnte, war der "Blueprint" für den modernen Serienkiller in Film, Fernsehen und Literatur sowie für moderne Mordermittlungen, Verschwörungstheorien, True-Crime-Literatur und den modernen Detektivroman um Sherlock Holmes und Konsorten.

"Der Ripper" - ein Londoner Junge verfolgt den legendären Serienmörder

Der Amerikaner Laymon, nicht vertraut mit dem englischen Großstadtleben vor mehr als 100 Jahren, verlegte den Plot kurzerhand in seine Heimat – und schrieb die Mördergeschichte um zu einem jugendlichen Abenteuerroman im Stil klassischer Unterhaltungsliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Der wahre Held des Romans ist das 15-jährige Ghetto Kid Trevor Bentley. Auf der Suche nach einem Polizisten, der den prügelnden Liebhaber seiner Mutter verhaften soll, stolpert der Junge in einer regnerischen Nacht förmlich über den Ripper.

Nachdem er einer Räuberbande in die Hände gefallen ist, flieht er unter das Bett in der Wohnung einer Prostituierten und wird Ohrenzeuge ihres grässlichen Abgangs, als ausgerechnet der Ripper ihr nächster Kunde ist.

Der 15-jährige Trevor Bentley stellt sich dem Ripper entgegen

Getrieben von jugendlicher Neugier verfolgt Bentley den Ripper und verhindert seinen nächsten Mord, indem er sich dem Erwachsenen in einem mörderischen Kampf stellt und ihn im Gesicht verstümmelt. Eine gnadenlose Hetzjagd endet auf einem Schiff auf der Themse, das am Morgen mit einer Auswandererfamilie nach Amerika auslaufen soll.

Hier beginnt die unheilvolle Reise des Trevor Bentley, die sich zunehmend als Reise ins Erwachsenwerden entwickelt. Der Ripper, der sich kurzerhand als Roderick Whittle vorstellt, ermordet den Schiffseigner, nimmt die Familie und Trevor als Geiseln und läuft mit dem Schiff in die "Neue Welt" aus, um dort sein Treiben fortzusetzen.

Nach einer langen, harten Überfahrt, in der sich Whittle am Ende der Mannschaft grausam entledigt, kann Bentley beim Einlaufen fliehen – und setzt fortan alles daran, den Killer zu stellen und zu töten.

"Der Ripper" - Richard Laymon jugendliche Abenteuerstory in der Neuen Welt

Ab hier verliert der Autor der Ripper weitgehend aus den Augen und widmet sich lieber dem Schicksal Trevors und seinem steinigen Weg durch den Wilden Westen, wo er alle möglichen Abenteuer bestehen muss und das Buch in einen Abenteuerwestern umschlägt.

Bentley findet Unterschlupf bei einem alten Armeegeneral, verliert seine Unschuld an eine 12 Jahre ältere Jungwitwe, bereist mit dem Zug den Westen, schließt sich einer Räuberbande an und entkommt in der weiten Wüste nur knapp Verfolgern, Desperados, einem deutschen Menschenhändler, Dürreperioden und einer Springflut. Erst als er die vorlaute, ungestüme, Revolverheldin Jesse trifft, die sich ihm anschließt, finden sie die Fährte Whittles wieder – entschlossen, ihn im Outlaw-Wüstennest Tombstone zu stellen.

Auch wenn ein Kind die Hauptrolle in "Der Ripper" spielt, ist der Roman kein Kinderbuch. Im Gegenteil, gerade den finalen Showdown schildert Laymon in seinen bekannten blutigen Details.

Richard Laymons "Der Ripper" - auf den Spuren von Poe, Doyle und Twain

In "Der Ripper" folgt Laymon der Spur großer Erzähler von Abenteuergeschichten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – von der klassischen Gothic Novel eines Edgar Allen Poe, Ambroce Pierce oder Bram Stoker über die Detektivromane von Arthur Conan Doyle bis hin zur populären Abenteuerexotik ferner Länder von Karl May, Mark Twain, Jack London und Ruyard Kipling. Und die Dialoge des sich neckenden Paares Jesse und Trevor erinnern etwas an die Screwball Comedies der 1930er Jahre.

Die größte Verbeugung macht Richard Laymon aber vor den Abenteuern von Tom Sawyer und Huckleberry Finn seines Landsmanns Mark Twain, die er nicht nur öfters zitiert, sondern die auch die Lieblingslektüre seines Titelhelden darstellen.

Eine moderne Variante aus Jack the Ripper und Tom Sawyer

"Der Ripper" ist ein spannendes und abwechslungsreiches Abenteuerbuch im Stil des 19. Jahrhunderts mit Elementen aus Exotik, Erotik, Western, Krimi und Horror. Und im positiven Sinne ist der Roman wunderbar altmodisch in seiner Sicht auf unbekannte Welten aus den Augen eines Heranwachsenden, welche hier aber aus Liebe, Sex, Gewalt, Morden und dem rauen Leben im Wilden Westen bestehen.

Richard Laymon gelingt es gut, den Spannungsgehalt konstant zu halten, und er verzichtet darauf, seinen historischen Stoff futuristisch aufzumotzen, wie in der letzten Zeit durch viele Hollywoodfilme geschehen – siehe "Van Helsing", "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" und jüngst "Sherlock Holmes" oder "Wolfman".

Der wiederentdeckte US-Autor Richard Laymon

Richard Laymon, geboren 1947 in Chicago, wuchs in Kalifornien auf, studierte englische Literatur und arbeitete als Lektor, Bibliothekar und Berichterstatter für eine Anwaltskanzlei. 1980 erschien sein Debütroman "The Cellar" (deutsch "Der Keller"), dem bis 2005 über 30 Romane und mehr als 60 Kurzgeschichten folgten, einige erst nach seinem Tod 2001, als er mit 54 Jahren an einem Herzanfall verstorben ist.

Laymons Roman "Flesh" (deutsch "Der Parasit") wurde 1988 von renommierten Science Fiction Chronicle zum besten Roman des Jahres gewählt. Für "The Travelling Vampire Show" (deutsch "Die Show") gewann er 2001 den Bram Stoker Award. Seit einigen Jahren werden seine Romane aus den 1980er, 1990er und frühen 2000er Jahren in der Buchreihe Heyne Hardcore herausgebracht, zum Teil als deutsche Erstveröffentlichungen.

Richard Laymon: Der Ripper. Heyne Verlag 2009. Broschiert, 527 Seiten. 9,95 Euro.

Uwe Wolfrum, Uwe Wolfrum

Uwe Wolfrum - Geboren 1967 in Oberfranken, aufgewachsen in Hessen, gestrandet in Hamburg. Studium der Germanistik, Medienwissenschaften, Anglistik und ...

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