Richard Laymon: Thriller "Der Regen"

Ein Regenschauer macht Menschen zu mordgierigen Bestien

Richard Laymon: Der Regen - Heyne Verlag
Richard Laymon: Der Regen - Heyne Verlag
Nach einem rassistischen Mord fällt ein schwarzer Regen auf eine kalifornische Kleinstadt und verwandelt die Einwohner in sex- und mordlustige Zombies.

An einem schönen Sommerabend fällt ein seltsamer, schwarzer Regen auf die kleine kalifornische Provinzstadt Bixby. Alles läuft hier seit Jahren seinen gewohnten, ruhigen Gang, bis zu einem grausamen, rassistischen Mord an einem schwarzen High-School-Schüler am Tag zuvor.

Der Regen, der nur über der Stadt niederfällt. verwandelt alle Menschen, die mit ihm in Berührung kommen, schlagartig in reißende Bestien. Sie halten in ihrer alltäglichen Arbeit und ihren Ritualen inne, geben sich lustvoll der unheimlichen Macht des fremden, nicht enden wollenden dunklen Regens hin und wollen nur noch, von Sex und Mordlust getrieben, ihrem Nächsten an den Körper und ans Leben.

"Der Regen" bringt die Apokalypse über eine Kleinstadt

Bald verwandelt sich die ruhige Idylle der Provinz in einen Hort des Grauens und des Todes, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Und nur eine Handvoll Menschen bleibt übrig, die den minütlich zunehmenden Horden an Mordlustigen entrinnen will.

Richard Laymons Roman "One Rainy Night" von 1991 gehört zu den zahlreichen wieder entdeckten Werken des verstorbenen amerikanischen Horror- und Thrillerautoren, die seit einigen Jahren als deutsche Erstausgaben in der Buchreihe "Heyne Hardcore" veröffentlicht werden.

Richard Laymon – der wieder entdeckte Horrorautor

Warum gerade dieser Band als erstes Werk Laymons nicht in der Hardcore-Reihe, sondern im normalen Heyne-Verlagsprogramm veröffentlicht worden ist, bleibt ein Rätsel - auch wenn die Gewalt-, Sex- und Sadismusquote deutlich unter denen seiner bisherigen Bücher liegt.

Zusammen mit dem ebenfalls bei Heyne wieder entdeckten Autoren Jack Ketchum gehört Laymon zur modernen amerikanischen Garde an Horrorautoren, die mit britischen Kollegen wie Clive Barker und James Herbert seit Ende der 1970er Jahre im Fahrwasser großer Vorbilder wie Stephen King und Dean Koontz publizieren. Ihre Werke sind hartgesottene Horrorthriller und Schockliteratur, die auch Anleihen an Serie-Noir- und Hardboiled-Krimis, Sexploitation, Splatter-Horror, Underground-, Sex- und Punk-Literatur bis hin zur Schwulen-, SM- und Fetisch-Szene nimmt.

Nackter Überlebenskampf in einer kalifornischen Kleinstadt

"Der Regen" bedient sich einer klassischen Horrorthematik der 1960er, 1970er und 1980er Jahre in Literatur und Filmen – dem grauenhaften Szenario einer Apokalypse, die eine zivilisierte Gesellschaft auf das Niveau eines primitiven Überlebenskampfes zurückwirft, in dem nur noch brutaler Darwinismus und das Recht des Stärkeren aufs Überleben zählen.

Viele bekannte Vorbilder bedienten bereits dieses Subgenre des Horror- und Science-Fiction-Genres – von George Romeros Zombiefilmen wie "Night Of The Living Dead" über die frühen Schockhorror von David Cronenberg wie "Shivers" und "Rabid" bis zu düsteren Atomzeitalter-Fiktionen wie "The Day After" oder Stephen Kings Monumentalwerk "The Last Stand".

"Der Regen" auf den Spuren von Stephen King, Boris Vian und J.G. Ballard

Richard Laymons Szenario orientiert sich aber eher an sozialen Negativutopien wie den Science-Fiction-Romanen "Crash", "Concrete Island" und "High Rise" von James Graham Ballard oder Boris Vians Groteske "Am Südwall", in dem eine Nebelbank die Bewohner einer spießigen französischen Kleinstadt in einen hemmungslosen Sexrausch jenseits aller Konventionen fallen lässt.

Richard Laymon ist weniger an technischen oder übernatürlichen Hintergründen interessiert, und so erschließt sich dem Leser schnell der Zusammenhang zwischen der Untat des Vortages und dem Rache nehmenden, todbringenden Regen.

Eine Horrorutopie über Menschen in Extremsituationen

Weit mehr ist es das Verhalten von Menschen in extremen Grenzsituationen, die den Thrillerautoren schon in Werken wie "Die Insel", "Nachts" oder "Die Jagd" interessiert haben. Die Verlockungen von Macht über andere Menschen, das Erwecken von sexueller und physischer Dominanz, das Überschreiten von Grenzen bis zum Mord und das Verlassen der Zivilisation sind Leitmotive, die die kruden Werke von Richard Laymon bestimmen.

Und so ist es – wie im Horrorgenre gerne üblich – in der Hand einiger Randfiguren wie einem trägen, verliebten Polizisten, einem vorlauten Mädchen und ihrem Babysitter oder einem selbst zufriedenen Künstlerehepaar, das sich mit anderen Bürgern in einem Edelrestaurant gegen die belagernde Mörderbande verschanzt hat, die dem Bösen entkommen und ihm das Handwerk legen wollen.

Richard Laymon – sexuelle Ausschweifungen und Mordlust in "Der Regen"

Und wie in seinen anderen Romanen lässt Laymon auch in "Der Regen" seinen beliebten sexuellen Ausschweifungen freien Lauf – von drei betrunkenen Teenagern, die sich eine Pizzabotin als Sexsklavin halten, über den schweißtreibenden Quickie eines Paares in der Damentoilette des belagerten Restaurants bis zu einer nackten Amazone in Sneakers, die männermordend durch die Stadt zieht.

Laymon setzt ganz auf explizite Schockbilder, wie sie sonst eher vermieden oder nur angedeutet werden. Eben diese unverklärte Zurschaustellung von Extremitäten und die Entlarvung US-kleinbürgerlicher Prüderien und Doppelmoral ist es, die dem Autor schon zu Lebzeiten vor allem in Europa eine treue Leserschaft beschert hat – und welche mit der Wiederauflage seines Gesamtwerks durch den Heyne-Verlag sicherlich noch wachsen wird.

Richard Laymon – vom Geheimtipp zum wieder entdeckten Kultautoren

Richard Laymon, geboren 1947 in Chicago, wuchs in Kalifornien auf, studierte englische Literatur und arbeitete als Lektor, Bibliothekar und Berichterstatter für eine Anwaltskanzlei. 1980 erschien sein Debütroman "The Cellar" (deutsch "Der Keller"), dem bis 2005 über 30 Romane und mehr als 60 Kurzgeschichten folgten, einige erst nach seinem Tod 2001, als er mit 54 Jahren an einem Herzanfall verstorben ist.

Laymons Roman "Flesh" (deutsch "Der Parasit") wurde 1988 von renommierten Science Fiction Chronicle zum besten Roman des Jahres gewählt. Für "The Travelling Vampire Show" (deutsch "Die Show") gewann er 2001 den Bram Stoker Award.

Richard Laymon: Der Regen. Heyne Verlag 2009. Broschiert, 446 Seiten. 9,95 Euro.

Uwe Wolfrum, Uwe Wolfrum

Uwe Wolfrum - Geboren 1967 in Oberfranken, aufgewachsen in Hessen, gestrandet in Hamburg. Studium der Germanistik, Medienwissenschaften, Anglistik und ...

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