
- Richard Laymon: Das Inferno - Heyne Hardcore
Ein schöner Sommertag mitten in der hektischen Metropole Los Angeles wird von einem plötzlichen Lärm und Beben unterbrochen. Ein Erdbeben der größeren Stärke zerstört einen Großteil der Stadt, legt den Verkehr lahm, bringt unzählige Häuser und Bauten zum Einsturz und fordert viele Todesopfer. So beginnt der düstere Thriller "Inferno" von Richard Laymon.
Inmitten des Chaos befinden sich die Mitglieder der biederen Reihenhaus-Vorortfamilie Banner – Vater Clint, ein biederer Angestellter, Mutter Sheila, eine wunderschöne Hausfrau, und Teenietochter Barbara, die gerade eine Stunde Fahrschulunterricht nimmt, als das Unglück passiert.
Voneinander getrennt und am das Wohl der anderen Familienmitglieder besorgt, machen sich alle Drei auf den Weg zu ihrem idyllischen Vorort-Häuschen außerhalb von Los Angeles. Clint lässt sich von der hysterischen Business-Lady Mary mitnehmen, die unterwegs noch die verlorene, 13jährige Em auflesen.
Richard Laymons "Inferno" - eine Großstadt als Horrorlandschaft
Sheila nimmt während der Katastrophe ein Bad und bricht mitsamt ihrer Wanne in den Keller ein, wo sie unverletzt, aber eingeklemmt zurück bleibt. Und Barbara macht sich mit drei weiteren Teenagern, dem zurückhaltenden Pete, in den sie verliebt ist, der arroganten, gestörten Heather und dem brutalen Macho Earl, auf den Weg vom anderen Stadtende zum vermeintlich heilen Zuhause.
Katastrophenfilme und -bücher haben ihre eigenen Muster. Das Unglück wird in der Regel in allen Details aufwendig beschrieben bzw. inszeniert, und das Unglück gibt einer Horde alternder Hollywoodstars die Möglichkeit, sich zusammenzureißen und alte Wunden durch die Katharsis des Überlebenskampfes zu schließen.
Aber Richard Laymon wäre nicht er selbst, wenn er dem altbekannten Genre des Katastrophen-Thrillers in "Das Inferno" nicht eine neue, eigene und höchst verstörende Note hinzufügen würde. Geblieben sind die auseinander gerissene Familie, der harte, tödliche Überlebenskampf und die verzweifelte, düstere Atmosphäre. Aber das war es auch schon fast mit den bekannten Strickmustern.
Ein Stalker nutzt das Unglück, um sein Opfer gefangen zu nehmen
Quake, so der Originaltitel des bereits 1995 erstmals in den USA erschienenen Romans des verstorbenen US-Autoren, interessiert sich nicht für die Schilderung der Katastrophe und für aufwendige Rettungsszenarien, Bergungen und Polizeieinsätze, sondern lässt seine Protagonisten alleine in den verlassenen, ehemals idyllischen und harmonischen Vororten zurück und dort das wahre Grauen erleben.
Sheila ist beruhigt, dass sie in ihrer misslichen Lage schnell Hilfe von ihrem schüchternen, übergewichtigen Nachbarn Stanley bekommt. Noch ahnt sie nicht, das Stanley ein Stalker, Voyeur und Psychopath der schlimmsten Sorte ist, der Sheila Banner schon lange beobachtet und zum Zentrum seiner unterdrückten sexuellen Phantasien gemacht hat.
Das Erdbeben gibt dem im Schlafanzug herum laufenden Spanner die Gelegenheit, sich von der strengen Bevormundung und Überwachung seiner Mutter zu befreien, die er nach dem ersten Beben erschlägt. Bald merkt Sheila, dass der vermeintliche Helfer, der in den verlassenen Häusern rundherum bereits eine Spur aus Tod, Blut und Vergewaltigungen hinterlassen hat, Böses im Schilde führt. Aber nicht nur das – Täter und Opfer geraten selbst ins Visier einer Bande mordgieriger Punks und Obdachlosen...
Los Angeles nach dem Erdbeben als Freakshow von Perversen und Mördern
Auch Barbara geht es nicht besser, denn neben ständigen Streitereien in der ungleichen Teeniegruppe geraten die Vier bald an ein durchgeknallte Katzenmutter, an enthemmte, mordlüsterne Jugendbanden oder an eine Bande killender Motorradrocker, die in den Vorort eindringen, plündern und morden.
Und das ungleiche Trio aus Clint, Mary und Em, das zeitweise von einem Pärchen zänkischer Jahrmarktgaukler begleitet wird, hat es bald nicht nur mit skrupellosen Plünderern zu tun, sondern auch mit kannibalistischen Serienkillern, die einen Stau auf einem Autobahnableger in ein blutrünstiges Schlachtfeld verwandelt haben.
Zugegeben, sehr häufig verlässt Richard Laymon den Pfad des realistischen Umwelt-Katastrophen-Thrillers und bringt altbekannte, phantastische Horror- und Psychothriller-Elemente in die Handlung ein. Die mordgierigen, perversen Mobs, die fast aus einem frühen Zombie-Horrorfilm von George A. Romero ("Die Nacht der lebenden Toten", 1968) oder David Cronenberg ("Die Parasitenmörder", 1974) stammen könnten, bestimmen bald das Bild und verwandeln die zerstörte Vorstadt-Idylle schnell in eine postapokalyptische Horrorlandschaft wie aus deinem mittelalterlichen Gemälde.
Richard Laymons zynischer Blick auf die amerikanische Doppelmoral
Dabei wirft Laymon wie schon in seinen anderen schockierenden Werken wie "Die Jagd", "Die Insel", "Nachts" oder "Der Regen" einen sezierenden Blick auf die Doppelmoral der konservativen weißen, amerikanischen Gesellschaft, in der die Sexualität und individuelle Freiheit gerne unterdrückt und geächtet und durch einen überhöhten Patriotismus und Waffenfetischismus ersetzt werden.
Wie selbstverständlich bewaffnen sich die beiden Zweckgemeinschaften um Clint und Barbara mit Messern und Schusswaffen und eröffnen das Feuer auf die angreifende, zombieartige Mörderbanden, die Laymon fast auf das Niveau von Primaten zurückgefallen inszeniert.
Als sich Barbara und Pete jedoch näher kommen und erste körperliche Annäherungen auf einem Pick-up-Truck und in einem Swimming Pool stattfinden, brechen sie diese aus Angst vor Entdeckung und Bestrafungen ab – auch wenn sie mehrfach nur knapp dem Tode entkommen sind.
Starke Frauen ergreifen die Macht im "Das Inferno"
Und selbst zwischen dem erwachsenen Familienvater Clint und der frühreifen Em entwickelt sich eine zarte Bande aus angedeuteten Gelüsten der beiden aufeinander, die Laymon aber zum Glück nicht der brutalen Rahmenhandlung opfert, sondern sie nur andeutet und damit weitaus spannender gedeihen lässt.
Am Ende wachsen natürlich die vermeintlich schwachen Personen, allesamt die Frauen, weit über sich hinaus und trotzen allen Gefahren souverän. Vor allem die toughe Sheila zeigt es dem brutalen Tyrannen Stanley auf eine Weise, dass ihm förmlich Hören und Sehen vergeht.
"Das Inferno" - ein düsteres Horrorszenario von Richard Laymon
Die über 600 Seiten des monumentalen Katastrophenthrillers "Das Inferno" sind ein erschreckendes, aber äußerst kurzweiliges Lesevergnügen, das Hardcore-Fans und Anhänger des Autoren sicherlich zufrieden stellt – und vielleicht auch einige neue Leser anzieht, die den zumeist phantastischeren, brutaleren und sexuell fixierteren Horrorromanen des Autoren bisher nicht viel abgewinnen konnten.
Richard Laymon, geboren 1947 in Chicago, wuchs in Kalifornien auf, studierte englische Literatur und arbeitete als Lektor, Bibliothekar und Berichterstatter für eine Anwaltskanzlei. 1980 erschien sein Debütroman "The Cellar" (deutsch "Der Keller"), dem bis 2005 über 30 Romane und mehr als 60 Kurzgeschichten folgten, einige erst nach seinem Tod 2001, als er mit 54 Jahren an einem Herzanfall verstorben ist.
Laymons Roman "Flesh" (deutsch "Der Parasit") wurde 1988 von renommierten Science Fiction Chronicle zum besten Roman des Jahres gewählt. Für "The Travelling Vampire Show" (deutsch "Die Show") gewann er 2001 den Bram Stoker Award. Seit einigen Jahren werden seine Romane aus den 1980er, 1990er und frühen 2000er Jahren in der Buchreihe Heyne Hardcore herausgebracht, zum Teil als deutsche Erstveröffentlichungen.
Richard Laymon: Das Inferno. Heyne Hardcore 2010. Broschiert, 639 Seiten. 9,95 Euro.
