Richard von Weizsäcker wird 90 - Ein Staatsmann mit Augenmaß

Authentisch: Richard von Weizsäcker  - Simone Heiland
Authentisch: Richard von Weizsäcker - Simone Heiland
Mit der Rede zum 8. Mai 1945 hat sich Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker selbst ein Denkmal gesetzt - Große Persönlichkeit mit weltweitem Ansehen.

Er wolle sich auch künftig kritisch zu den Themen der Zeit äußern, sagte Richard von Weizsäcker in einem Fernsehinterview aus Anlass seines 90. Geburtstags am 15. April. Und fügte leise und mit dem ihm so eigenen verschmitzten Blick hinzu: "Gegebenenfalls."

Richard von Weizsäcker: Ein Staatsmann wie er im Buche steht

Das ist Richard von Weizsäcker pur. Klar in der Sache, dezent im Auftreten und, wo es der Anlass erlaubt, mit einem kaum spürbaren Augenzwinkern. Richard von Weizsäcker ist ein "elder statesman" wie er im Buche steht. Ein Staatsmann, auf den der Begriff, den so viele Politiker gerne für sich in Anspruch nehmen, und doch weit von dem entfernt sind, was sich an Charaktereigenschaften damit verbindet, zutrifft wie auf kaum einen anderen deutschen Politiker. Von Weizsäcker hat Klasse, Charisma, Persönlichkeit. Er ist mit Intellekt und Herzensbildung ausgestattet und geht wohlüberlegt, mit Augenmaß und preußischer Disziplin an die Dinge heran. Er zeigt Stärke, wo immer er in Erscheinung tritt, und gebietet Einhalt, wenn er es für nötig hält. Im Zweifel so eindringlich, dass es auch einmal ungnädig wirken kann. Richard von Weizsäcker galt seit jeher eher als allürenfreier Intellektueller denn als karriereversessener Machtpolitiker. Das macht ihn so authentisch. Und damit war er für das Amt des Bundespräsidenten geradezu eine Idealbesetzung.

Richard von Weizsäcker beliebtester Bundespräsident

Nach einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Emnid-Instituts führt Richard von Weizsäcker in der Beliebheitsskala die Riege der Bundespräsidenten in Deutschland mit deutlichem Abstand an: 37 Prozent der Befragten halten ihn nach wie vor für den besten Bundespräsidenten, den Deutschland je hatte. Horst Köhler, der Amtierende, steht mit 16 Prozent aller Stimmen an zweiter Stelle, gefolgt von Johannes Rau mit 15 Prozent.

Regierender Bürgermeister von Berlin

1920 in Stuttgart geboren, war Richard von Weizsäcker von 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von Berlin. Das Schicksal Berlins sei immer ein zentraler Bezugspunkt seiner Politik gewesen, bescheinigte ihm Bürgermeister Klaus Wowereit in seinem Gratulationsschreiben. Und: "Als Regierender Bürgermeister haben Sie Berlin in einer schwierigen Phase der inneren Zerrissenheit gedient und dabei Zuversicht und Zusammenhalt vermittelt." Weizsäcker sei ein geschätzter Bürger der Stadt, Teilnehmer am gesellschaftlichen Leben und Freund und Förderer der Kunst. Es sei unmöglich, so Wowereit, all das aufzuzählen, wofür die Stadt und ihre Menschen ihm zu Dank verpflichtet seien. "Ein fester Händedruck, ein gutes Gespräch, eine Begegnung mit Freunden und Wegbegleitern vermögen mehr zu sagen, als alle Dankeshymnen."

Richard von Weizsäckers Rede vom 8. Mai

Mit seiner Rede vom 8. Mai 1985 schuf Richard von Weizsäcker mit dem Wort vom "Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" einen neuen gesellschaftlichen Konsens in der Bewertung des Kriegsendes 40 Jahre zuvor. Damit setzte er sich selbst ein Denkmal. Die Rede vom 8. Mai gilt bis heute als eine der wichtigsten politischen Reden der Nachkriegszeit.

Vermittler zwischen Ost und West

Am 23. Mai 1984 als Nachfolger von Karl Carstens zum sechsten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt und fünf Jahre später, im Jahr des Mauerfalls, für eine weitere Periode im Amt bestätigt, trat Richard von Weizsäcker stets für ein behutsames Zusammenwachsen von Ost und West ein und mahnte in seiner Rede zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstag: „Sich zu vereinen, heißt teilen lernen."

Richard von Weizsäcker genießt hohes Ansehen im In- und Ausland

Seit 1954 ist Richard von Weizsäcker Mitglied der CDU. Helmut Kohl holte ihn in die Politik. Als Bundespräsident ließ er seine Mitgliedschaft - so ist es üblich - ruhen und nahm sie nach Ende seiner zehnjährigen Amtszeit nicht wieder wahr. Im Laufe seiner politischen Karriere belegte der hochausgezeichnete studierte Rechtswissenschaftler, der nach dem Ende der Diktatur seinen eigenen Vater in den Nürnberger Prozessen verteidigte und dessen Anklage doch nicht verhindern konnte, naturgemäß unzählige Ämter. Seine Integrationskraft und sein Sachverstand verschafften Richard von Weizsäcker im In- und Ausland bis heute hohes Ansehen. Selbst seine kritische Beurteilung des deutschen Parteiensystems und die Einflussnahme der Parteien auf die gesamte Gesellschaft, die sich mehr darum schere, wieder gewählt zu werden, als die Probleme von Land und Leuten zu lösen, wird und wurde ihm zu keiner Zeit übelgenommen.

Weggefährte Helmut Schmidt

Heute zählt Richard von Weizsäcker zusammen mit Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt zu den klügsten Köpfen der Nation. Richard von Weizsäcker ist Mitglied im Senat der Deutschen Nationalstiftung, die von Helmut Schmidt (SPD) und Kurt Biedenkopf (CDU) gegründet wurde. Und er ist Mitglied im Club of Rome.

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