
- Cover Hein, Es ist viel Hitler... - Niemeyer
Adolf Hitler war ein begeisterter Anhänger von Richard Wagners Musik – doch nicht nur von seiner Musik. Im Umkreis des Bayreuther „Meisters“ bewegten sich seit Ende der 1870er Jahre antisemitische und völkische Ideologen, die den „Wagnerianismus“ zu einer Weltanschauung ausbauten und bis ins Dritte Reich hinein prägten. Anette Hein hat nun erstmals eine Inhaltsanalyse der Bayreuther Blätter (1878- 1938), des langjährigen Sprachrohrs der Bayreuther „Wagnerianer“, vorgelegt.
Wagner- Apologeten
Auch Wagner- Apologeten wie Dieter Borchmeyer und Winfried Schüler gestehen zu, dass sich rassistische und antisemitische Ideologen im Umfeld Wahnfrieds bewegten, leugnen aber, dass sie ihre Inspiration zu völkisch- antisemitischen Weltanschauungen vom Meister selbst erhalten hätten. Wagners antisemitische „Ausfälle“, insbesondere in Das Judentum in der Musik (1850), seien eher persönlich als politisch motiviert gewesen. In den musikdramatischen Werken Wagners sei Antisemitismus ohnehin nicht präsent, wie sei ansonsten die Tatsache zu erklären, dass jüdische Künstler an exponierter Stelle in ihnen mitwirkten. Wenn Hitler und andere Antisemiten ihre eigene Weltanschauung in die Werke hineinprojiziert hätten, sei das nicht Wagners Schuld.
Wagner- Kritiker
Doch lassen sich Richard Wagner und seine Nachkommen wirklich so deutlich von den Wolzogens, Schemanns und Chamberlains distanzieren? Die Wagner- Kritiker behaupten eine weltanschauliche Einheit von Meister und Epigonen sowie Werk und Wirkung. Marc Weiner und Paul L. Rose haben nachzuweisen versucht, dass Wagners politische und ästhetische Schriften und sogar seine Opern viel massiver antisemitisch geprägt seien als das „neue Bayreuth“ und seine Verteidiger nach dem Zweiten Weltkrieg wahrhaben wollten. Insbesondere im Parsifal und im Ring der Nibelungen befänden sich versteckte Anspielungen auf judenfeindliche Stereotype, und die apokalyptische Vorstellung von „Erlösung durch Vernichtung“ verweise auf eine genozidale „Lösung der Judenfrage“. Die Trennung zwischen Wagner und seinen Epigonen lassen Weiner und Rose nicht gelten. Der Bayreuther Kreis habe Wagners Gedankengut nur fortgesetzt bis es die Nationalsozialisten (mit dem passionierten Wagner- Verehrer Hitler an der Spitze) schließlich umsetzten.
Die Bayreuther Blätter und die völkische Bewegung
Dieser wagnerkritischen Sichtweise schließt sich Anette Hein in ihrer Studie über das Zentralorgan der Wagnerianer, die Bayreuther Blätter, an. Auf den ersten Blick hat sie die Quellen auf ihrer Seite. 1878 wurden die Blätter von Wagners „Lieblingsjünger“ Hans von Wolzogen (1848- 1938) ins Leben gerufen. Er bestimmte ihre künstlerische und politische Tendenz nach dem Tod von Richard Wagner 1883 im Alleingang und blieb bis zu seinem Tod Herausgeber der Zeitschrift. Zunächst erschien das Organ der Wagnerianer beim Nietzsche- Verleger Ernst Schmeitzner, der ähnlich wie Wolzogen ein Anhänger völkischer, antisemitischer und lebensreformerischer Ideen war. Friedrich Nietzsche, dem die völkische Tendenz dieses Projekts missfiel, trennte sich daraufhin von den Wagnerianern und seinem Verleger. 1883 übernahm der Allgemeine Richard Wagner Verein Druck und Verlag der Blätter und subventionierte sie massiv.
Der Mitarbeiterstab der Zeitschrift liest sich wie ein „who is who“ der völkischen Bewegung. Neben Wolzogen selbst gehörten u.a. Houston Stewart Chamberlain, Carl Friedrich Glasenapp, Wolfgang Golther, Karl Grunsky, Ludwig Schemann, Heinrich von Stein, Constantin Frantz, Karl Gjellerup, die Brüder Paul und Bernhard Förster und Arthur Seidl zum engeren Autorenkries. Obwohl die Ausrichtung der Zeitschrift eindeutig antisemitisch war, wurden jüdische Anhänger Richard Wagners nicht grundsätzlich von der Mitarbeit ausgeschlossen. So finden sich z.B. einzelne Beiträge von Henry Thode, Richard Sternfeld und Josef Rubinstein, die allerdings nicht zu politischen Themen schrieben.
An zahlreichen Beispielen und mit langen Zitaten weist Hein nach, dass sich die Bayreuther Blätter neben ihrem hündischen Wagnerkult hauptsächlich mit der Verbreitung völkischen Gedankenguts befassten. Sie vertraten einen radikalen Rassenantisemitismus, der von einem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Germanen und Semiten ausging. Prägend hierfür war vor allem die durch Ludwig Schemann (1852- 1938) vermittelte Rezeption von Arthur de Gobineau. Zum Standardrepertoire gehörte außerdem die kulturpessimistische Klage über eine auf allen Feldern entartete industrielle und urbane Moderne, wobei häufig die Moderne mit dem Judentum in Verbindung gesetzt wurde. Zur Abhilfe gegen die beklagten Übel wurden Lebensreformideen wie Vegetarismus, Tierschutz, Impfgegnerschaft und Alkoholabstinenz propagiert, die Degenerationserscheinungen der modernen Welt entgegen wirken sollten. Eher philosophisch orientierte Beiträge setzten dagegen auf eine völkisch- antisemitische Erneuerung des Christentums, schwadronierten über das Ariogermanentum und hofften auf die apokalyptische Überwindung der verjudeten Moderne.
Im Geiste Richard Wagners?
Anette Heins Inhaltsanalyse lässt keinen Zweifel daran, dass die Bayreuther Blätter als Stichwortgeber des Antisemitismus und der völkischen Bewegung fungierten. Darüber hinaus behauptet die Autorin, dies sei ganz im Sinne Richard Wagners selbst gewesen. Sie untermauert diese These allerdings nur mit der Tatsache, dass Wolzogen wie auch alle anderen Autoren nicht Müde wurden, zu beteuern, im Geiste Wagners zu agieren. Die Autorin nimmt dieses Bekenntnis beim Wort und übersieht leider seine diskursive Funktion. Es diente den völkischen Schreiberlingen dazu, ihren eigenen Anliegen mit Hilfe der Aura des Meisters eine höhere Weihe zu verleihen, ganz unabhängig davon, ob eine tatsächliche Übereinstimmung mit Wagners Gedankengut gegeben war. Im Dritten Reich wurde dann die Berufung auf Wagner ohnehin zur politischen Pflichtübung degradiert, da sich der Führer höchstpersönlich als „Wagnerianer“ inszenierte. Unbeeindruckt davon behauptet Hein, die Bayreuther Blätter hätten Wagners Gedankengut über seinen Tod hinaus konserviert und bis in die NS- Zeit transportiert. Wohl unbeabsichtigt entlarvt jedoch der Titel ihrer Studie die Konstruktion einer ex- post- Kontinuität. („Es ist viel Hitler in Wagner“) Wenn man schon eine Kontinuität von der völkischen zur nationalsozialistischen Bewegung behaupten will, hätte man dies mit einer soliden Rezeptionsforschung untermauern müssen, um sagen zu können: „Es ist viel Wagner in Hitler“!
Fazit
Die verhärteten Positionen in der Wagner- Forschung verweisen auf das Dilemma einer personenzentrierten ideengeschichtlichen Forschung, die nicht zuletzt aufgrund einer unzulänglichen Methodik in ihren Ergebnissen nicht über moralisierende Aussagen hinaus kommt. Wie die meisten Arbeiten zu Wagner und zum Bayreuther Kreis fällt auch Anette Hein in die Tendenz zurück, ihre Quellenauswertung ganz in den Dienst der Kontinuitäts- und Schuldfrage zu stellen. Eine medienhistorisch unterfütterte Rezeptionsgeschichte kommt dabei ebenso zu kurz wie die Berücksichtigung gesellschaftlicher und kultureller Rahmenbedingungen. Damit steht Anette Hein den von ihr bekämpften Wagner- Apologeten zumindest in methodischer Hinsicht näher als sie glaubt.
