Richard Yates: Rezension zu "Ruhestörung" – Roman eines Abstiegs

Richard Yates: Ruhestörung - © DVA
Richard Yates: Ruhestörung - © DVA
Die Wiederentdeckung des Amerikaners Richard Yates ist ein literarischer Glücksfall, auch wenn sein Roman „Ruhestörung" höchst beunruhigend ist

Es ist eine dieser bitteren Lebensgeschichten vom verkannten Künstler: Richard Yates wurde zunächst als Autor gefeiert. Sein Roman „Zeiten des Aufruhrs“ sorgte 1961 für große Begeisterung. Doch dann wurde es immer stiller um Yates. Als er 1992 im Alter von 66 Jahren starb, war er vergessen.

Späte Wiederentdeckung durch Film "Zeiten des Aufruhrs"

Doch in den vergangenen Jahren wurde er wieder entdeckt. Es war erneut „Zeiten des Aufruhrs“, das ihm späte Anerkennung brachte. Die Verfilmung mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet lenkte die Aufmerksamkeit auch auf die Romanvorlage.

Seit einigen Jahren wird Yates als einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts gefeiert. Und aus diesem Grund erscheinen seine Bücher erneut, in Deutschland überwiegend zum ersten Mal. So auch „Ruhestörung“. Veröffentlicht wurde der Roman erstmals 1975, die Handlung beginnt Anfang der 60er Jahre. Aber es ist eine erstaunlich moderne Geschichte, die sich auch in unserer Gegenwart ereignen könnte.

Zu viel Arbeit, zu viel Stress – der Roman "Ruhestörung" ist hoch aktuell

Zu viel Arbeit, zu viel Stress, zu viel Alkohol: John Wilder wirkt wie ein Mann unserer Zeit. Er ist ein erfolgreicher Anzeigenverkäufer. Er ist verheiratet und hat einen Sohn, den er liebt. Doch in ihm brodelt es. Seine Ehe hält er nur noch wegen seines Sohnes aufrecht. Seine Frau, die sich ein ruhiges, beschauliches Mittelklasse-Leben wünscht, war die falsche Wahl, so wie sein ganzes Leben.

Zu seinem Job ist er eher zufällig gekommen, weil er sich seinen Eltern und ihrer Pralinenfabrik entziehen wollte. Aber er hat es auch nicht geschafft, seine Neigungen zur Musik und zum Film beruflich umzusetzen.

Nun ist er zwar in seinem Job erfolgreich, aber frustriert. Doch auf Dauer rächt es sich, dass er eine Lüge lebt: Wilder dreht durch. Er erleidet einen Nervenzusammenbruch und landet in der Nervenheilanstalt. Ein Alptraum. Als er entlassen wird, steht er vor einem Neuanfang. Und auch das ist höchst aktuell: Ein Mann, Mitte 30, auf dem Weg der Selbsterkenntnis will seinem Leben eine neue Richtung geben und mit Sinn füllen.

Der Traum vom Neuanfang erweist sich als Illuision

Er beginnt eine Therapie und eine Affäre mit einer jungen Geliebten. Die unterstützt ihn dabei, seinen Traum vom Filmgeschäft in die Tat umzusetzen. Tatsächlich hat Wilder Talent. Alles scheint sich zum Guten zu wenden: „...und daher blickte er hinunter auf seine marschierenden Füße. Das waren die Füße, die ihn durch Jahre des Irrtums und der Lüge getragen hatten; jetzt endlich traten sie in den Staub der richtigen Straße – der wahren Straße, der geraden, einsamen Straße der Selbstfindung.“ (S.175)

Aber es scheint nur besser zu werden. Wilder versäumt es, konsequent seinen Weg zu gehen. Er hält seine verkorkste Ehe aufrecht und er entzieht sich der Therapie. Und vor allem, lässt er die Finger nicht vom Alkohol.

Lebenslüge statt konsequenter Neuanfang

Ein ehemaliger Lehrer hat ihn früher einen Eskapisten genannt. Das trifft es genau: Wilder ist einer, der immer ausweicht, den Weg des geringsten Widerstands geht, statt Konsequenzen zu ziehen.

Das rächt sich. Die Wahrheit lässt sich nicht dauerhaft verdrängen und sucht sich ihren Weg. Wilder wird nicht glücklich. Sein Filmprojekt bleibt nach hoffnungsvollem Beginn unfertig, seine Geliebte verlässt ihn.

Die Rückkehr in den Schoss der Familie erweist sich ebenfalls als Lebenslüge. Sein Sohn Tommy wird verhaltensauffällig und sackt in der Schule ab. Johns Ehe ist endgültig am Ende.

Hier soll nicht alles vorweg genommen werden. Aber es geht nicht gut aus. Lange vor dem Ende des Romans sagt John zu seiner Geliebten: „O ja, ich bin ein düsterer Charakter, Baby, ich bin dem Untergang geweiht, der verdammte Keim der Selbstzerstörung wächst mir aus den Ohren...“ (S. 256)

"Ruhestörung" hat starke autobiografische Züge von Richard Yates

„Ruhestörung“ ist ein bitterer Roman. Aber gleichzeitig fast eine reinigende Wohltat, wenn man an all die Ratgeber denkt, die den Menschen vorgaukeln, man könne sein Leben auf einen Schlag radikal zum Positiven verändern. Ganz so einfach ist es eben doch nicht. Wer nicht mit sich im Reinen ist, kann machen was er will: Es funktioniert nicht.

Was dem Roman zusätzliche Tragik verleiht, ist der starke autobiografische Bezug des Autors. Yates war selbst mehrfach in der im Roman genannten Klinik, er war selbst Alkoholiker und auch er hat den Kampf gegen die Sucht verloren.

Ähnlich wie seine Figur John Wilder konnten auch ihn die Kunst und sein außergewöhnliches Talent nicht retten. Er lebte schlecht davon, Creative Writing zu unterrichten und verlor immer mehr den Halt im Leben. Nach zwei gescheiterten Ehen starb er 1992 völlig verarmt.

Schriftsteller heben Yates auf das Podest der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts

Einige Kollegen wie Raymond Carver, Richard Ford und Joyce Carol Oates verehren Yates. Er ist in den Kanon der wichtigtsten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Doch es war Stewart O’Nan, der in 1999 mit einem Essay in der Boston Review zu einer Wiederentdeckung verhalf, die durch den Film „Zeiten des Aufruhrs“ verstärkt wurde.

Manche Kritiker haben „Ruhestörung“ als literarisch schwächeres Werk von Yates eingestuft. Sie waren vor allem abgeschreckt von der Rohheit und dem konsequenten Pessimismus des Werks. So mag „Ruhestörung“ nach rein ästhetischen Kriterien vielleicht Schwächen haben. Doch in seiner Art den Leser zu packen und in den Strudel des Abwärtssogs eines Lebens hinabzuziehen ist es ein außerordentliches Werk.

"Ruhestörung" lässt den Leser tief in einen seelischen Abgrund blicken

Besonders die Beschreibungen der Klinikaufenthalte sind zutiefst verstörend und beängstigend. Yates inszeniert in seinem Roman „Ruhestörung“ die Hölle auf Erden. Und als Leser wird man in diesen Alptraum hineingezogen. Mancher mag sich in dem Protagonisten des Romans widerwillig wieder erkennen. Das ist schmerzhaft. Eine beunruhigende Lektüre.

Richard Yates: "Ruhestörung". Roman aus dem Englischen von Anette Grube. DVA, 320 Seiten, 19,95 Euro