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Comics über den Nationalsozialismus feiern Hochkonjunktur. Es sind vor allem franko-belgischen Geschichtsalben, die sich den Themen „Zweiter Weltkrieg“, „Nationalsozialismus“ oder „Holocaust“ widmen. Dabei gab es schon immer gezeichnete Erzählungen, die sich in Form von in Sprechblasen und Panels an diese Epoche erinnern.
Erinnerung oder Soap?
Der Szenarist Philippe Richelle und der Zeichner Jean-Michel Beuriot benötigten für die Recherche von den ersten drei Bänden ihrer Geschichtscomicserie Unter dem Hakenkreuz (schreiber&leser) mehr als zehn Jahre. Den Vorwurf mangelnder Authentizität mussten sich die Comickünstler deshalb nicht gefallen lassen. Dagegen steht die Frage im Raum, ob Historie inhaltlich als Kulisse für eine Soap Opera fungiert oder doch eine angemessene Form der Erinnerung angestrebt wird.
Das besetzte Paris
Im vierten Band „Katharina“ gehen die Autoren zeitlich wieder einen Schritt zurück: Im Paris von 1940 ist das besetzte Frankreich nominell und gesellschaftlich gespalten. Viele französische Bürger sympathisieren und kollaborieren mit den Nationalsozialisten. Martin, inzwischen NS-Offizier, wird von Köln nach Paris verlegt und trifft wieder auf Katharina, die dort ihre jüdische Abstammung stets verheimlichen konnte, aber um ihren Onkel Pierre Lion fürchtet.
Der Fabrikbesitzer, der sich im Ersten Weltkrieg für Frankreich verdient gemacht hat, glaubt an ein Frankreich als Wiege der Menschenrechte und verschließt die Augen vor der allgemeinen Tendenz zur Arisierung der französischen Ökonomie. Für Katharina beginnt sich die Geschichte zu wiederholen: Nachdem sie 1936 aus Nazi-Deutschland geflohen war, begegnen ihr nun auch in Frankreich antisemitische Repressalien wie die Verordnung des Tragens eines Judensterns.
Historische Authentizität und komplexes Figurenensemble
Wie in der bisherigen Serie schafft es Richelle auch im vierten Band eine authentische Atmosphäre der Zeit zu vermitteln, indem er an die literarische Tradition eines Balzac oder Flaubert anknüpft. Durch die wechselnden Erzählperspektiven von Täter und Opfer liefert der Autor dazu ein multiperspektivisches Zeitgemälde.
Irritierend ist dabei lediglich, dass er nur im Fall von Martin einen Ich-Erzähler in Form von Voice Overs einsetzt. Ansonsten besticht Unter dem Hakenkreuz dadurch, dass es eine eindimensionale Darstellung von Täter und Opfer vermeidet, sondern nuanciert erscheinende und komplexe Charaktere bietet.
Markanter Strich
Beuriots führt einen markanten, fast filigranen Strich. In detailierten Zeichnungen entsteht auf eindrucksvolle Weise eine historische Epoche. Die langen Recherchejahre werden auch in den Illustrationen sichtbar: egal ob bei Kleidung, Interieur oder Architektur – stets wirken die Bilder authentisch.
Die Kolorierungstechnik hat sich seit dem ersten Band „Der letzte Frühling“ verändert. Im Gegensatz zum Auftaktband, wo noch leicht nuancierte aquarellähnliche Farben vorherrschten, wirken die Farben von Scarlett Schmulkowski seither leicht künstlich, sorgen aber dennoch für eine passende Stimmung.
Facettenreichtum
Ist Unter dem Hakenkreuz ein Geschichtscomic der zur Erinnerung gemahnt oder eine Soap Opera, die sich eines faszinierende wie erschreckenden historischen Rahmens bedient. Warum nicht beides? Erinnerung und Soap! Die wohl recherchierte Geschichtsserie bietet sowohl authentische Historie als auch unterhaltende Elemente der Soap. Martin Mahner dient dem Leser in der Serie als Fixpunkt, um den ein vielschichtiges Figurenensemble kreist.
Anhand von Einzelschicksalen wird auf diese Weise Geschichte vermittelt. Die Comickünstler dringen dabei in verschiedene soziale Milieus ein, wobei sie einen Schwerpunkt auf die oberen und elitären Milieus gelegt haben. Neben den menschlich handelnden Figuren könnte ist das ein gerechtfertigter Kritikpunkt, der die Lektüre von Unter dem Hakenkreuz aber nur gering schmälert.
Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot: Unter dem Hakenkreuz 4 – Kathrin. Schreiber&Leser. 2011. Hardcover, 64 Seiten. Euro 19,80.
