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Richter Di: Der See von Han-yuan – ein Krimi im alten China

Richter Di muß sich neuen Gefahren stellen - Dieter Schütz / pixelio.de
Richter Di muß sich neuen Gefahren stellen - Dieter Schütz / pixelio.de
Richter Di muß einen verschwenderischen Ratgeber zur Strecke bringen, eine verschwundene Braut wiederfinden und den Mord an einer Kurtisane aufklären

Richter Dis berufliche Laufbahn bringt ihn nach seinem Aufenthalt in Peng-lai nun in die etwas abseits gelegene Stadt Han-yuan*. Sie befindet sich zwar nur sechzig Meilen nordwestlich der kaiserlichen Hauptstadt, doch die Menschen dort sind eigen, und sie sind berühmt für ihre Blumenboote - schwimmende Bordelle, auf denen die Gäste mit wunderschönen Kurtisanen feiern und auf dem See Han-yuans die Nacht verbringen können.

Richter Di langweilt sich in Han-yuan und wünscht sich Abenteuer. Die Geister, die er rief ...

Die ersten beiden Monate passiert an seinem neuen Bezirksvorsteherposten nicht viel. Die Bürger scheinen kaisertreu, gottesfürchtig und fleißig zu sein, doch Richter Di beschleicht das unbestimmte Gefühl daß hinter der sympathischen Fassade mehr steckt. Ihm schmeckt es zum Beispiel nicht, daß die Stadt keine Mauern hat, sondern völlig offen ist. Damit kann jeder nach Belieben die Stadt betreten, egal, wie seine Absichten ausfallen mögen.

Richter Dis Befürchtung bewahrheitet sich bald. Als ihn die einflußreichsten Bürger der Stadt zu einer Feier auf einem der Blumenboote mit den anmutigsten und bezauberndsten Kurtisanen einladen, wird eine von ihnen ermordet, doch erst, nachdem sie Di zuraunt, daß ein Komplott geschmiedet wird. Trotz sofortiger Nachforschungen kann der Mörder nicht gefunden werden. Zwar erweist sich schnell, daß mehrere der Kaufleute wegen eines der Freudenmädchen Streit untereinander hatten, doch scheint sich dies nicht als Motiv zu bewahrheiten.

Ein Vater klagt den Schwiegervater seiner Tochter des Mordes an

Als sich der Amtmann in der nächsten Gerichtssitzung auschließlich dem Mord an der Dirne widmen will, stürmt Liu Fei-Po, ein reicher Kaufmann aus der Hauptstadt, der nun in Han-yuan lebt, in das Gericht und bezichtigt Dr. Djang des Mordes an seiner Tochter. Djang ist der Vater Djang Hu-piaos, des Ehemanns seiner Tochter, der nach der Tat spurlos verschwunden ist. Die Leiche der jungen Frau befindet sich in in einem Behelfssarg im buddhistischen Tempel der Stadt, doch als Richter Di dort die Autopsie durchführen lassen will, entdecken sie die Leiche eines Manns im Sarg - und Mondfee, die angeblich ermordet sein soll, ist verschwunden.

Der Bezirksvorsteher muß erkennen, daß die Notabeln der ehrwürdigen kaiserlichen Stadt Han-yuan schon seit vielen Jahren dafür sorgen, daß nicht wirklich wichtige Dinge unter den Teppich gekehrt werden - offiziell, um den Amtmann nicht mit dergleichen zu belästigen. Doch Di schätzt die Lage ganz anders ein, und sein Mißtrauen bringt ihn auf die Spur einer Verschwörung, die unvorstellbare Ausmaße angenommen hat.

Der "Weiße Lotos" zeigt wieder seine häßliche Fratze

Vor vielen Jahren hatten sich zahllose Beamte, Soldaten und Mitglieder des kaiserlichen Hofs zu einer Verschwörung zusammengeschlossen, um den Kaiser seiner Macht zu berauben. Glücklicherweise konnte sie rechtzeitig entdeckt und ihre Handlanger ausgeschaltet werden, doch das Land erzittert immer noch beim Namen des "Weißen Lotos." Richter Di hat einen entscheidenen Hinweis auf diejenigen in der Hand, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen, doch das Schachproblem, in dem der entscheidende Hinweis versteckt ist, läßt sich nicht so leicht enträtseln. Aber die freundlichen Worte einer jungen Frau bringen ihn auf die richtige Spur.

Mit Entsetzen muß er feststellen, daß offensichtlich eine ernsthafte Bedrohung für den Kaiser von dieser Verschwörung ausgeht. Wie er ihr begegnet, wie er seinem neuen Mitarbeiter und Schlitzohr Tao Gan wichtige Kniffe bei der Aufdeckung von Verbrechen beibringt, und warum ein Schachproblem nicht immer ein Problem darstellen muß, wird nicht verraten.

Richter Di, Ma Jung, Tschiao Tai, Hung und Tao Gan im Kampf um den kaiserlichen Thron

Nach Robert van Guliks erstem Roman (Geisterspuk in Peng-lai) und dem darauffolgenden Band (Der Wandschirm aus rotem Lack), die sich spannenden Kriminalfällen in der Stadt Peng-lai widmeten, erreicht Richter Di im Jahr 666 seinen neuen Posten: Han-yuan. Die bisherigen Fälle waren mehr oder minder auf Peng-lai beschränkt (einer angeblichen koreanischen Verschwörung zum Trotz), doch diesmal spürt Richter Di die geballte Macht der kaiserlichen Verwaltung, als sich am Ende seiner Untersuchungen der Großinquisitor persönlich einschaltet, der Herr über den Geheimdienst und einer der mächtigsten Männer Chinas.

Wie gewohnt beschreibt Robert van Gulik chinesische Geschichte, ohne jemals langweilig zu werden oder in einen Vortragsstil zu verfallen. Wie kaum ein anderer vermittelt er kulturelles Wissen über eine faszinierende Zivilisation anhand der kriminalistischen Meisterleistungen des Di, der in Zusammenarbeit mit seinen talentierten und zupackenden Mitarbeitern selbst die größten Gefahren meistert. Die gezeichnete Stadtansicht Han-yuans und eine Skizze der berühmtem Blumenboote erbat sich van Gulik von einem Kollegen, der sich als Archäologe bestens mit der Materie auskannte.

Robert van Gulik. Richter Di: Der See von Han-yuan. Diogenes, 2006 (8. Aufl.) ISBN: 978-3257219197. 8,90€.

* Hinweis: Alle Schreibweisen in diesem Artikel beziehen sich auf den Buchtext und übergehen möglicherweise inkorrekte oder veraltete Schreibweisen chinesischer Regionen, Orte, Rituale und Traditionen bzw. Personennamen.

Marcel Bülles, Marcel Bülles

Marcel Bülles - Marcel Bülles arbeitet freiberuflich als Übersetzer und Journalist im Umfeld von Science Fiction und Fantasy und hat einen ...

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