
- Richter Di: Ein Kloster voller Kriminalfälle - dumman/ pixelio.de
Als Richter Di nach einem längeren Aufenthalt in der Hauptstadt in seinen Bezirk Han-yuan zurückkehren will, werden sie im Gebirge von einem Unwetter überrascht. Als eine der Wagenachsen bricht, suchen sie Zuflucht in einem nahegelegenen taoistischen Mönchskloster, dem 'Kloster der Morgenwolken', das just in dieser Nacht sein zweihundertdreijähriges Jubiläum feiert. Glück im Unglück, könnte man sagen, gäbe es da nicht drei ungeklärte Todesfälle aus dem letzten Jahr, die sich alle im Kloster ereignet haben, einen kürzlichen verschiedenen Abt und ein taoistisches Mysterienspiel, das viele Fragen aufwirft.
Der Fall des einbalsamierten Abts, der frommen Jungfrau und des mürrischen Mönchs
Kurz nach seiner Ankunft muß sich Di nicht nur mit einer Erkältung und Kopfschmerzen herumplagen, sondern auch noch als Ehrengast an den Jubiläumsfeierlichkeiten teilnehmen. Das vegetarische Essen sagt ihm nicht zu, und auch das taoistische Mysterienspiel gefällt ihm nicht - doch schon bald wird ihm klar, daß es hinter den Kulissen mächtig brodelt. Ein Poet deutet an, daß der letzte Abt doch nicht so freiwillig aus dem Leben geschieden ist, wie es den Anschein hatte; eine der Schauspielerinnen scheint in merkwürdige Machenschaften mit einer angehenden Nonne verstrickt zu sein, und der hoch angesehene taoistische Gelehrte und ehemalige Lehrer vom kaiserlichen Hofe, der das Kloster zu seiner neuen Heimat gemacht hat, wundert sich über die Vorgänge, die Di binnen weniger Stunden aufdeckt.
In diesem Kriminalfall aus dem alten China scheint nichts so zu sein, wie es zu sein scheint
Eine Frau entpuppt sich als Mann, ein mittelmäßiger Dichter als tugendhafter Sohn, der den Auftrag seines verstorbenen Vaters ausführt, ein Schauspieler ist ein taoistischer Wandermönch, der den Mord an seiner Schwester rächt, und ein erhabener Gelehrter entspricht nicht dem Ideal. Wie bei keinem anderen Buch der Richter Di-Reihe ist Nächtlicher Spuk im Mönchskloster ein Roman, bei dem es zwischen den Zeilen zu lesen gilt, um alle wichtigen und spannenden Details mitzubekommen. Leider ist der Richter auf diesen gut einhundertachtzig Seiten nicht sonderlich gut gelaunt, und auch Tao Gans Anwesenheit kann ihm kein Lächeln abringen.
Nach Geisterspuk in Peng-lai, bei dem sich Di einer Verschwörung am Hofe des Kaiser stellen mußte, dem Wandschirm aus rotem Lack, bei dem ein Kollege seine Frau umbrachte, und dem See von Han-yuan, der Richter Di im Rotlichtmilieu seines Bezirks Nachforschungen anstellen ließ, widmet sich Robert van Gulik einem der ständig wiederkehrenden Vorurteile des Konfuzianers Di - die Taoisten-Clique. Sowohl Buddhismus als auch Taoismus traten in Wettbewerb mit dem traditionellen Konfuzianismus des alten China - und Richter Di läßt keinen Zweifel daran, was er von diesem Glauben hält.
Richter Di kann Fälle auch in einer Nacht lösen
Die kriminalistischen Erzählungen, auf denen die Romane Robert van Guliks basieren, wurden im Wesentlichen von Anhängern des Konfuzianismus geschrieben, die keinen Hehl aus ihrer Abneigung machten. Wilde Orgien, dunkle Magie und Verschwörungen finden sich also jederzeit im buddhistisch-taoistischen Umfeld, auch wenn Di Beamter und Intellektueller genug ist, um anzuerkennen, daß auch sie ihre Funktion im großen Reich der Mitte haben.
Das Buch lebt von seinem schnellen Tempo, denn die gesamte Erzählung findet in wenigen Stunden statt (rechnet man die Stunden der Ohnmacht nach dem Mordanschlag von Di ab, wird es noch um einiges zügiger), und man kann gar nicht schnell genug die Seiten umblättern, um Dis müden und oft schmerzerfüllten Schritten durch die labyrinthartigen Gänge des großen Klosters zu folgen. Direkt zu Beginn scheinen eigentlich alle Fälle relativ klar auf der Hand zu liegen, doch auch Di braucht, krank und erschöpft wie er ist, seine Zeit, um das ganze Ausmaß der Verbrechen vor Ort nachzuvollziehen.
Es gibt sicherlich muntere Romane mit einem lebenslustigeren Protagonisten, selbst in dieser Reihe, doch wer schnell und spannend unterhalten werden will, der mag sein Glück hier finden.
Robert van Gulik. Richter Di: Nächtlicher Spuk im Mönchskloster. Diogenes, 2008. ISBN: 978-3257218664. 7,90€.
* Hinweis: Alle Schreibweisen in diesem Artikel beziehen sich auf den Buchtext und übergehen möglicherweise inkorrekte oder veraltete Schreibweisen chinesischer Regionen, Orte, Rituale und Traditionen bzw. Personennamen.
