Richtiges Dehnen für Tänzerinnen und Tänzer

Beweglichkeit und Kraft verbessern durch aktives Dehnen

Aktives oder passives Dehnen, was ist besser? Und wo liegt der Unterschied zwischen statischem und dynamischem Dehnen? Ein Überblick nicht nur für BalletttänzerInnen.

Beim Ballett so wie bei verschiedenen anderen Tanztechniken bildet die Beweglichkeit der TänzerInnen eine wichtige Grundlage. Auch bei Modern Dance oder dem Jazz-Tanz erweitert eine gute Dehnung das Repertoire an Bewegungen und somit die Ausdrucksmöglichkeiten der Künstler. Eine gute Beweglichkeit in den Gelenken, flexible Sehnen und Muskeln ermöglichen ausdrucksstarke Positionen, vorausgesetzt natürlich, die tänzerische Ausdruckskraft ist vorhanden.

Gute Beweglichkeit und Kraft – ein Widerspruch?

Die Anatomie eines jeden Körpers bildet die Voraussetzung der Beweglichkeit. So entscheidet das Hüftgelenk über die Möglichkeiten der Auswärtsdrehung der Beine. Auch was die Höhe der Beine betrifft oder den Bewegungsradius der Arme endet die Beweglichkeit immer dort, wo das Gelenk an seine mechanische Grenze gelangt. Unflexible Sehnen und Muskeln markieren jedoch häufig schon früher die Grenzen der Beweglichkeit. An diesen Grenzen zu arbeiten, bewirkt jedoch fast immer eine Verbesserungen. Allerdings reicht es beim Tanzen nicht aus, durch ein passives Dehnen die Muskulatur zu „strecken“. Durch das eigene Gewicht kann man seinen Körper zwar in den Spagat „zwingen“, umgekehrt wird es aber deshalb noch lange nicht gelingen, die entsprechende Beinhöhe im Stand durch eigene Muskelkraft zu erlangen. Den Muskel zu dehnen und ihn zu kräftigen sind im Prinzip zwei sich widersprechende Ziele. Bei Kraftanstrengung verkürzt sich der Muskel nämlich, während er sich doch eigentlich für die Dehnung verlängern müsste.

Passives und aktives Dehnen

Beim Dehnen kann man zwischen zwei Möglichkeiten wählen: Das passive Dehnen verlängert den Muskel wie beschrieben in entspanntem Zustand. So erzielt zum Beispiel das Ablegen des Oberkörper im Langsitz (gestreckte Beine in sitzender Position) eine passive Dehnsituation der Beinmuskulatur oder die Seitenneigung des Kopfes bei gleichzeitigem Druck auf die Schläfe durch die Gegenhand eine passive Dehnung der Halsmuskulatur. Aktives Dehnen hingegen bedeutet, dass die Dehnposition mithilfe eigener Muskelkraft eingenommen wird. In Rückenlage ein Bein gestreckt Richtung Kopf zu führen und zu halten, erfordert ein gewisses Maß an Muskelkontraktion, gleichzeitig jedoch die Lockerung der Muskelstränge, die gedehnt werde sollen. Um die Balance zwischen Anspannung und Entspannung zu finden und vor allem die Verkrampfung der Muskulatur zu verhindern, ist es hilfreich mit Bildern zu arbeiten. Wer sein Bein im Developé nach oben führen möchte, kann sich vorstellen, wie ein unsichtbares Gummiband in den Kniekehlen den Oberschenkel in der Position hält oder nach oben zieht, während der Unterschenkel die Bewegung vollendet. Bei Battements, wo ein Bein gestreckt nach oben geworfen wird, hilft es, die Bewegung gedanklich von den Fußspitzen anführen zu lassen. Das Visualisieren großer Bewegungen, das Wachsen nach Oben und die bildliche Verlängerung der Wirbelsäule leisten ihren Beitrag, genau diese Beweglichkeit nach und nach physisch umzusetzen.

Dynamisches und statisches Dehnen

Zusätzlich zur Möglichkeit des aktiven und passiven Dehnens unterscheidet man dynamisches und statisches Dehnen. Beim statischen Dehnen wird die Extremität eine bestimmte Zeit in der selben Position gehalten, die dann entsprechend kurz vor oder an der Schmerzgrenze liegt. Dynamisches Dehnen bedeutet, das in der Dehnung leicht gefedert oder gewippt wird. Während dynamisches Dehnen lange Zeit zu Gunsten des kontrollierten statischen Haltens aufgegeben wurde, erlebt es momentan wieder seine Rückkehr. Beim statischen Dehnen scheint ein bewusstes Herantasten an die Grenzen der Flexibilität das Überdehnen besser verhindern zu können. Das lange Verharren in einer Position extremer Dehnung kann jedoch den Muskeln ebenso schaden. Auch die Sehnen werden auf diese Weise leicht „ausgeleiert“ – was den gegenteiligen Effekt erzielt, nämlich, dass die Flexibilität und Geschmeidigkeit abnimmt. Ein vorsichtiges federndes Dehnen, egal, ob aktive oder passiv, kann diesem Symptom vorbeugen.

Zu starkes Dehnen hat den gegenteiligen Effekt

Ein zu massives Vorgehen beim Dehnen kann die Muskelfasern verletzen und die Sehnen letztendlich eher verkürzen. Die Folge: Schmerzende und steife Gliedmaßen am nächsten Tag. Wer sich durch eine unkontrollierte Bewegung gar eine Zerrung zugezogen hat, wird Monate, manchmal Jahre später noch die Folgen bemerken. Sportmediziner raten heutzutage häufig zu der „weniger-ist-mehr“-Strategie. Wer eine große Beweglichkeit erlangt hat, darf vor allem die Kräftigung der Muskulatur nicht vergessen, weil die Gelenke insgesamt instabiler werden, je beweglicher Sehnen und Bänder sind. Nicht zuletzt deshalb ist das aktives Dehnen eine gute Wahl. Ein „hohes Bein“ allein macht noch keinen guten Tänzer, solange Kraft und Koordination fehlen.

Jasmin Hambsch, Jasmin Hambsch

Jasmin Hambsch - Studium der Fächer Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Pädagogik. Promotion im Fach Literaturwissenschaft. ...

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