
- Markante Fellfärbung - Andrea Weber
Frieda mag keine Hunde, weiß Rolf Deeg, weil Frieda eine Mutterkuh ist und ihr Kalb verteidigt. Würde ein freilaufender Hund eines Spaziergängers ihm zu nahe kommen, könnte Frieda durchaus angreifen, warnt Deeg. Deshalb sollten künftig die Hundebesitzer auf ihrem Weg durch die Pupplinger Au, zwischen Kloster Schäftlarn und Wolfratshausen, ihre Vierbeiner sicherheitshalber an die Leine nehmen. Seit Mai grasen dort mitten in der Auenlandschaft, auf einer eingezäunten Fläche von rund 16 Hektar, eine vom Aussterben bedrohte, altbayerische Rinderrasse – die Murnau-Werdenfelser. Rolf Deeg fährt fast täglich raus, um nach Frieda und den anderen fünf Mutterkühen und ihren Kälbern zu schauen. Er ist der Rinderhüter im bayernweit ersten Weide-Projekt zur „Erhaltung und Wiederherstellung lichter Kiefernwälder in den Isarauen“.
Erhaltung des Ökosystems am Isarlauf
Die Pupplinger Au gehört, trotz des Eingriffs der Menschen und die dadurch eingeschränkte Flussdynamik, zu den eindrucksvollsten Flusslandschaften Mitteleuropas. Seit dem man die Bewirtschaftung dieser Aue in den 60-ziger Jahren weitgehend eingestellt hat, nehmen Arten wie das Rohrpfeifengras überhand, bedecken den gesamten Waldboden und ersticken so die jungen Kieferntriebe und Blumenarten, wie die Orchideen oder den Stängellose Enzian, die nachwachsen wollen. So verschwindet auch zunehmend der Lebensraum bedrohter Tierarten, wie die Kreuzotter, die Schlingnatter und seltene Schmetterlingsarten. Um nun dieses besondere Ökosystem am Isarlauf für die Zukunft zu erhalten, will man drei Jahre lang auf ausgewählten Staatswaldflächen in der Pupplinger Au nun testen, ob die Idee, eine „Rinderherde als Landschaftspfleger“ einzusetzen, auch tatsächlich funktionieren könnte.
Ökologische Mutterkuhhaltung in der Pupplinger Au
Von den Murnau-Werdenfelser-Rindern gibt es heute nur noch 500 Tiere weltweit, weiß Landwirt Manfred Schmid aus Bad Heilbrunn. Die Rasse ist genügsam und robust und kann hart arbeiten. Sie wurden früher als Zugtiere eingesetzt. Mit der Einführung der Landmaschinen wurden sie jedoch für die Landwirte wertlos. Nicht so für Bauer Schmid, der seit über zwanzig Jahren seinen Betrieb auf die ökologische Mutterkuhhaltung umgestellt hat. Von seinen 55 Tieren, sind nun im Rahmen dieses Naturprojekts sechs Mutterkühe mit ihren Kälbern zum Weidebeißen in der Pupplinger Au eingesetzt. „Die Tiere fressen Freiräume in die Rohrpfeifengrasdecke und schaffen somit wieder Keimstellen für das Saatgut der bedrohten Pflanzenarten“, erklärt er. Landwirtschaftliche Maschinen können diese Arbeit im unwegsamen Kiefernwald nicht ausführen. Eine geniale Idee, findet auch der Vorstand des Bayerischen Naturschutzfonds Georg Schlapp. Seiner Meinung nach schlage man hier „zwei Fliegen mit einer Klappe“, wird schließlich neben dem Erhalt der Natur auch der Erhalt dieser extrem gefährdeten, einheimischen Rinderrasse gesichert. „Wir stecken unser Geld gerne in die Natur, wenn sie solche Zinsen trägt“, sagt er.
Ein Naturprojekt des BayernNetzes
Das Projekt in der Pupplinger Au gehört zu den finanziell geförderten 347 Natur-Projekten des „BayernNetzes“, die vom Bayerischen Naturschutzfonds finanziell gefördert werden. 85 Prozent der Kosten, das sind hier 77.000 Euro, trägt der Fonds, der Bezirk Oberbayern und der Landkreis zahlen je 2.500 Euro und der Isartalverein, der als Projektträger fungiert, übernimmt den Rest von 10.000 Euro. Seit 1902 kümmert sich dieser Verein unermüdlich für die landschaftliche Schönheit des Isartals und seiner Umgebung und Vorstand Erich Rühmer ist überzeugt: „In drei Jahren Testzeit wird sich zeigen, dass das Projekt funktioniert.“ Deshalb übernehme sein Verein gerne die Trägerschaft.“ Und Frieda, die Mutterkuh, knappert unterdessen genüsslich weiter am dichten Rohrpfeifengrasteppich.
