Kurz hinter Venlo auf der A 61 Richtung Mönchengladbach war es dann soweit. Der Fahrer des niederländischen Sattelzuges hatte nur kurz scharf auf die Bremse getippt, weil vor ihm der Verkehr plötzlich stockte. Und schon verselbständigten sich seine hoch gestapelten Aluminiumplatten und segelten mit einen metallischen Kreischen in alle Richtungen davon. Schließlich lagen sie weit aufgefächert um den ganzen Zug herum auf der Fahrbahn. Glück im Unglück: Wenigstens kamen keine Personen zu Schaden.

Ladung falsch gesichert

Dabei ist die Ursache des Desasters offensichtlich: falsche Ladungssicherung. Denn die losen Bleche wären besser in einer ausreichenden Zahl von Ladegestellen untergebracht gewesen, die im optimalen Fall eine formschlüssige Sicherung zu allen Seiten hin gewährleistet hätten und beispielsweise mit Niederzurrungen abschließend mit dem Fahrzeug sicher verbunden worden wären.

Der Ausbildungsstand ist nahe Null

Wäre, hätte, könnte: Viele Tipps und Ratschläge kommen bei den Profis der Landstraße einfach nicht an. Manchmal fehlen das Wissen oder die geeigneten Hilfsmittel zur Ladungssicherung. Und immer drängt die Zeit. Uwe-Peter Schieder vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV schätzt, dass aktuell in der Bundesrepublik gut 70 Prozent aller Ladungen, die einer Sicherung bedürfen, nicht oder vollkommen falsch gesichert sind: „Immer noch passieren cirka 2.500 Unfälle allein wegen schlechter oder nicht vorhandener Ladungssicherung und immer noch werden Menschen durch Ladung verletzt oder getötet.“ Der Ausbildungsstand der meisten Fahrer sei nahe Null. Schieder: „Häufig finden sich zwar Gurte auf den Fahrzeugen, die gegebenenfalls auch eingesetzt wurden, aber häufig nur als Niederzurrung, die eine gute Sicherung gegen Wegfliegen nach oben ist, aber sonst ihre Wirkung verfehlt.“

Noch viel zu häufig hört Schieder bei LKW-Kontrollen den Ausspruch: „Das ist ja so schwer, das kann sich gar nicht bewegen“. Dabei fährt auch Ladung mit Tempo 80 über die Straßen und mit 20 Stundenkilometern in die Kurve. Der Lkw hat Gummireifen, aber die Ladung steht unter Umständen „barfuß“ auf der glatten Ladefläche und weiß nicht, dass sie bremsen oder um die Ecke fahren soll. Also muss sie gesichert werden.

Übermüdung und Ablenkung

Doch mangelnde Ladungssicherung ist nicht der einzige Risikofaktor: Auch Übermüdung und Ablenkung gelten als Ursachen für schwere Lkw-Unfälle. So lautet zumindest das Ergebnis einer dreimonatigen bundesweiten Datenerhebung, die in den Monaten Juli bis September 2003 in Zusammenarbeit mit der Autobahnpolizei Köln durchgeführt wurde und verhaltensbezogene Ursachen schwerer Lkw-Unfälle auf Bundesautobahnen untersuchte. In dem Zeitraum wurden insgesamt 219 Unfälle registriert, die die definierten Einschlusskriterien erfüllten. Dabei stellte Diplom-Psychologin Claudia Evers der Bundesanstalt für Straßenwesen BaSt abschließend fest, dass sich „Übermüdung“ nach „Geschwindigkeit“ als zweithäufigste Unfallursache herauskristallisierte: „19 Prozent aller Fälle“.

Senioren rasen in der Dunkelheit

Aufgrund des demografischen Wandels, der Zunahme des Güterverkehrs und eines Mangels an jungen Nachwuchsfahrern ist zusätzlich mit einer steigenden Anzahl älterer Lkw-Fahrer zu rechnen. Das zieht nach Erkenntnissen von Dr. Wolfgang Fastenmeier vom Mensch-Verkehr-Umwelt, Institut für Angewandte Psychologie in München, spezifische Probleme nach sich, denn es lässt sich aus verschiedensten Quellen ein recht stimmiges Gesamtbild der Unfallsituation sowie typischer Problemlagen verschiedener Altersgruppen im Güterverkehr zeichnen: „Das Unfallrisiko der älteren Lkw-Fahrer erhöht sich, wobei der Anstieg allerdings erst ab dem 65. Lebensjahr markant ist.“ Besonders kritisch sind Nachtfahrten: Hier fahren ältere Lkw-Fahrer mit nicht angepasster Geschwindigkeit und zu dicht auf. Eine Lösung des Problems wäre, die Senioren vermehrt unter Tageslichtbedingungen fahren zu lassen.

Den Assistenzsystemen gehört die Zukunft

Doch belegen Zahlen im Bereich Lkw-Unfälle teilweise auch positive Trends. So ist, obwohl die Verkehrsdichte und das Transportaufkommen erheblich zugenommen haben, in den letzten 15 Jahren die Zahl der Getöteten und Schwerverletzten bei Lkw-Unfällen bereits um über 60 Prozent zurückgegangen. Und die Chancen stehen gut, dass sich die Tendenz zu mehr Sicherheit des LKW-Verkehr noch verstärkt, beispielsweise durch den Einsatz moderner Elektronik wie etwa dem konsequenten Einsatz von Fahrer-Assistenz-Systemen, die Abstände zum Fahrbahnrand kontrollieren, den Lastwagen nicht auf den Vorausfahrenden aufrollen lassen und im Notfall auch vehement in die Bremsen steigen.