Ritzen, beißen, verbrühen - Selbstverletzendes Verhalten (SVV)

Gefühle hinter Gittern - Dörthe Huth
Gefühle hinter Gittern - Dörthe Huth
Sich mit Glasscherben zu ritzen, die Fingerkuppen abzubeißen oder sich Verbrennungen zuzufügen, gehört in den Bereich des Selbstverletzenden Verhaltens.

Neueren Studien zufolge nehmen psychische Erkrankungen unter Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren zu. Von Experten in Europa und Amerika aber auch in östlichen Ländern wird seit den neunziger Jahren auch immer häufiger Selbstverletzendes Verhalten (SVV) festgestellt. SVV tritt meist in der Pubertät auf und vorrangig bei Mädchen. Sie ritzen sich mit Rasierklingen oder Glasscherben oder fügen sich auf andere Arten absichtlich körperliche Verletzungen zu. Allerdings ist es auch durch alle Altersschichten hinweg zu beobachten. Schätzungen zufolge sind mindestens 800.000 Mädchen in Deutschland von SVV betroffen. Über die Jungen gibt es kaum Angaben, das Verhältnis wird allerdings auf etwa fünf zu eins geschätzt.

Varianten Selbstverletzenden Verhaltens

Unter Selbstverletzendem Verhalten (SVV) wird in der Psychologie und Medizin die absichtliche Verletzung des eigenen Körpers verstanden. Die Betroffenen fügen sich selbst ganz offen oder auch versteckt Wunden und Verletzungen zu. Die häufigste Methode der Selbstverletzung ist das Ritzen. Sich mit einer Glasscherbe oder Rasierklinge in den Arm zu ritzen, liegt bei Teenagern derzeit sogar im Trend und muss daher nicht zwingend eine psychische Erkrankung sein. Doch gibt es neben dem Ritzen auch noch viele andere Varianten SVV. Manche Betroffenen drücken sich die glimmenden Zigaretten auf Armen und Beinen aus, andere beißen sich selbst in Hände, fassen auf die heiße Herdplatte oder verbrennen sich mit dem Bügeleisen. Wieder andere beißen sich die Fingerkuppen blutig, reißen sich absichtlich immer wieder ihre verheilenden Wunden auf oder schnüren sich ihre Körperteile ab. In selteneren Fällen schlagen Betroffene sogar ihren Kopf immer wieder gegen die Wand. Neben den ganz direkten Verletzungen des eigenen Körpers gibt es auch noch indirekte Varianten. Dazu gehören beispielsweise Essstörungen, Alkoholismus, das Kettenrauchen und der exzessive Sport. Auch hierbei nehmen die Betroffenen in Kauf, bewusst gegen ihren Körper zu handeln.

Wer ist am ehesten von SVV betroffen?

Ein besonders hohes Risiko, eine SVV auszubilden, haben Jugendliche mit psychischen Problemen. SVV kann in Begleitung einer beginnenden Persönlichkeitsstörung entstehen und auch andere psychische Erkrankungen begleiten. Man nimmt eine multifaktorielle Genese an, eine genetische Komponente, soziale Faktoren und eventuelle Auslöser. Hoher Druck durch Mobbing in der Schule, durch sexuellen Missbrauch, oder schwierige familiäre Umstände können Auslöser für diese Verhaltensweisen sein. Aber auch andere belastende Lebensereignisse sowie traumatische Erfahrungen lassen sich in der Geschichte vieler Betroffener nachweisen. Bei einschneidenden Lebensereignissen können auch ältere Menschen ein SVV ausbilden. Nicht selten ist es SVV auch bei schwer geistig Behinderten zu beobachten und bei Autisten.

Warum Menschen sich selbst verletzen

Die Pubertät ist für viele Jugendliche eine schwierige Phase. Das Konfliktpotential ist hoch und nicht alle sind in der Lage, mit ihren Aggressionen förderlich umzugehen. Nicht wenige fühlen sich unverstanden und können ihre eigenen Interessen nicht ausreichend durchsetzen. Sie erfahren zu wenig Anerkennung, fühlen sich innerlich zerrissen, brauchen vielleicht einen "Kick" oder reagieren eventuell auf den Verlust von Liebe. Niederlagen und kritischen Lebensereignissen begegnen einige mit Rückzug und Isolation bis hin zu Depressionen und autoaggressivem Verhalten. Viele der Betroffenen suchen die Fehler bei sich selbst, fühlen sich unzureichend und haben ein schlechtes Selbstwertgefühl. Es staut sich ein innerer Überdruck an, den sie nicht nach außen abgeben können. Unmittelbar vor der Selbstverletzung wird die innere Anspannung meist so übergroß, dass sie ein Ventil brauche, um den Druck abzubauen. Das Selbstverletzende Verhalten bietet den Betroffenen ein solche Ventil. Als Begleiterscheinung des Schmerzes erleben sie ganz direkt ein Gefühl von Erleichterung, Befriedigung und Entspannung.

Und dann kommt die Scham

Aus Scham versuchen viele der Betroffenen ihre Wunden zu verheimlichen und zu verstecken, sodass die Umwelt in manchen Fällen lange Zeit gar nichts von den Selbstverletzungen mitbekommt. Je nach Schweregrad kann es den Betroffenen erst einmal helfen, sich jemandem anzuvertrauen. Wer ins Vertrauen gezogen wird, sollte nicht gleich mit dem pädagogischen Zeigefinger winken, denn das bringt ohnehin nichts. Viel eher hilft es dem Betroffenen, dass überhaupt mal jemand zuhört und das erst einmal aushält. Mit etwas Vertrauen ist es leichter, gemeinsam nach professionellen Hilfsmöglichkeiten zu suchen. Im Rahmen der großen europäischen CASE-Studie (Child and Adolescent Self Harm in Europe) wurden über 30.000 15- und 16-Jährige aus verschiedenen europäischen Ländern und Australien anonym befragt. Danach hatten sich fast die Hälfte der Befragten schon einmal in ihrem Leben Selbstverletzungen zugefügt.

Kurzfristige und langfristige Hilfestellungen

Hilfsmaßnahmen müssen sehr individuell auf den Betroffenen abgestimmt werden. Jeder muss ausprobieren, was ihm selbst in welcher Situation am meisten hilft. So kann es manchen schon helfen, sich der inneren Anspannung bewusst zu werden, Musik zu hören, zu reden oder tanzen zu gehen. Andere brauchen einen konkreten Reiz, der stärker ist als die üblichen Alltagsreize. Dies kann beispielsweise sein, sich für einen Moment einen Eiswürfel auf die Haut zu drücken oder sich mit einem Gummiband am Handgelenk zu behelfen, das gefletscht werden kann, sobald man einen starken Reiz benötigt. Angestaute Aggressionen können auch in ein Kissen geschlagen werden, um diese nicht an sich selbst auszulassen. Eine ambulante Psychotherapie kann hilfreich sein, in schwereren Fällen ist ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik angebracht. Je nach weiteren psychischen Störungen ist auch eine begleitende, medikamentöser Therapie unerlässlich. Psychotherapeutische Maßnahmen drehen sich meist darum, dass die Betroffenen erlernen, den inneren Überdruck anders abzubauen, ihre Gefühle besser zu steuern und sich selbst wieder wertzuschätzen.

Literaturhinweise:

Kristina Dunker: Schmerzverliebt. Beltz 2009.

Ulrich Sachse: Selbstverletzendes Verhalten: Psychodynamik - Psychotherapie. Das Trauma, die Dissoziation und ihre Behandlung. Vandenhoeck & Ruprecht 2002.

Dörthe Huth, privat

Dörthe Huth - Als Autorin ranken sich meine Themen rund um Körper, Geist und Seele. In den folgenden Bereichen kenne ich mich besonders gut ...

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