
- On the Road - Dominik Krug
Zwei enge Freunde auf Motorrädern, den Wind in den Haaren, vor sich nur der endlose Highway und die untergehende Sonne am Horizont. Das, was heute unter "Roadmovie" verstanden wird, folgt in Wirklichkeit einer langen Tradition, die zurückführt in Zeiten ohne Asphalt oder jede motorisierte Fortbewegung. Viel älter als Chopper und Sportwagen ist nämlich das ungebändigte Verlangen nach Freiheit als universelles menschliches Streben, welches den Anstoß zu einem der heute populärsten Filmgenres überhaupt gibt.
Das Roadmovie im Lauf der Zeit: Die Odyssee, der Heilige Gral und der wilde Westen
Am Anfang war das Nichts. Dann schuf ein Freigeist namens Homer die Odyssee, die von den Irrfahrten des griechischen Helden Odysseus, auf seiner Reise in die Heimat erzählt – und somit den ersten Grundstein für das Roadmovie legte.
In den folgenden Epochen griffen Künstler und Autoren immer wieder auf das Motiv der "Bildungsreise" zurück: Ob die angelsächische Legende von der Suche nach dem Heiligen Gral, die Argonautica, Gilgamesch, Die göttliche Komödie oder sogar Goethes Faust – alle beruhen auf den gleichen dramaturgischen Kniffen wie schon Homers Epos.
Dann, mit der Entdeckung Amerikas und dem Vorstoß in die Weiten des Landes, begannen Geschichten rund um Cowboys, Outlaws und böse Rothäute im wilden Westen die Fantasie moderner Autoren zu befruchten.
Als die Bilder laufen lernten: Charlie Chaplin und neue Ausdrucksformen für Roadmovies
Durch die Erfindung der Filmprojektion entstand Schlag auf Schlag nicht nur eine völlig neue Industrie, sondern auch eine noch nicht erprobte Spielwiese für Geschichten. So war es Charlie Chaplin um 1917, der als rastloser Tramp, immer auf der Suche nach Glück, erstmals auf der Leinwand das Land bereiste.
Die beschwingt-komischen Eskapaden, in die er dabei geriet, sollten jedoch nach zwei Weltkriegen einem ernsteren, melancholischen Unterton weichen – in einer Ära, die als New Hollywood bekannt wurde.
Peter Fonda, Dennis Hopper, Jack Nickolson in Easy Rider – Die Väter aller Roadmovies
Die Nachkriegszeit, die Ära des Kalten Krieges, der Kuba-Krise, Vietnam, Woodstock und Studentenunruhen wirkten sich auch auf den amerikanischen Film aus. Dem damaligen rebellischen Lebensgefühl der 60iger / 70iger folgend, schrieben Musiker wie Bob Dylan ihre Hymnen, während Autoren wie Jack Kerouac Romane wie On the Road (dt. Unterwegs) veröffentlichten und damit eine ganze Generation von Menschen inspirierten – die Beatniks.
Als Synthese aus Musik, Literatur, Politik und modernem Lebenstil, entstand die Inkarnation von New Hollywood: Easy Rider (1969). Damit war das eigentliche Genre, nach Jahrhunderten der Entwicklung, geboren und ein Name für das Kind gefunden: Roadmovie.
Easy Rider handelt von zwei eng befreundeten Bikern: Captain America (Fonda) und Billy (Hopper). Beide sind als Drogenkuriere tätig und stehen so außerhalb des Gesetzes. Auf ihrem Trip durch die Staaten treffen sie allerlei merkwürdige Gestalten, ehe sie zum Schluss nicht etwa von der Polizei, sondern von konservativen Hinterwäldlern getötet werden.
Die Straße, Steppenwolf und der sichere Tod – Wovon Roadmovies handeln
Easy Rider ist deshalb ein Paradebeispiel, weil der Film sämtliche Erzählstrukturen, Themen und Figuren aufgreift, die typisch sind für das Roadmovie.
Roadmovies bestehen aus einzelnen Episoden, innerhalb derer der Protagonist, meist ein Ausreißer, Gesetzloser, Waise oder Rebell wider Willen, auf einen bunten Cast an Nebencharakteren am Wegesrand trifft, was ihm wertvolle Erfahrungen beschert, die oft dazu dienen, die letzte Hürde am Ende des Filmes zu nehmen. Dabei sind Roadmovies selten die Ursuppe für strahlende Helden, sondern eher für gestrandete Existenzen, desillusionierte Träumer und ambivalente Figuren.
Ziel des Auf- und Ausbruchs aus der Gesellschaft ist dabei eine Metapher für ein modernes, rauschhaftes Lebensgefühl und den Wunsch, irgendwo (nur nicht hier) seinen Platz in der Welt zu finden. Reisen um des Reisens Willen ist Kredo, oft untermalt von Rockmusik als Symbol der wilden Stürmer und Dränger. Diese ist nicht nur Begleiter, sondern festes Element auf der Suche nach Identität und Freiheit, getrieben von der Lust auf Leben, einer unergründlichen Sehnsucht und tiefer Melancholie.
Dabei halten Roadmovies fünf mögliche Enden für die Reisenden bereit: Entweder kehrt man erstens an Erfahrung reicher nach Hause zurück, mit dem Ausblick, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, findet zweitens am Bestimmungsort ein neues Zuhause, drittens: Die Reise geht endlos weiter, viertens: Aufgrund der Erlebnisse der Handlung wird der Protagonist an die Wand gedrängt und wählt den Freitod oder wird von der Gesellschaft gerichtet, oder aber fünftens, das Abenteuer bricht abrupt ab und überlässt den Ausgang der Fantasie des Zuschauers.
Die Entwicklung seit Easy Rider – Alice in den Städten, Mad Max und Zombieland
Dem Erfolg von Easy Rider folgend, entstanden weitere prominente Beispiele wie Born to be Wild (nach dem gleichnamigen Steppenwolf-Song), Asphaltrennen, Alice in den Städten, Bonnie & Clyde, Natural Born Killers, Thelma & Louise um nur einige zu nennen.
Wie aber auch bei den meisten anderen Genres gegeben, tendiert das Roadmovie dazu, seine klar abgegrenzten Genrecharakteristika aufzulösen und sich mit weiteren Schubladen der Filmindustrie zu vermischen. Als Beispiele wären hier etwa Mad Max zu nennen, der trotz Science Fiction-Setting deutliche Anleihen beim Roadmovie macht, ganz ähnlich wie in dem jüngeren Zombieland, mit einem naheliegenden Abstecher in den Bereich Horrorfilm.
Aktuelle Roadmovie-Tipps
Gerade jüngere Generationen kennen den Ausreißerfilm (leider, muss man sagen) nur durch eine wahre Flut amerikanischer Teenie-Komödien: Spritztour, Euro Trip, Road Trip und wie sie alle heißen, fangen leider nur allzu oberflächlich jenes Lebensgefühl ein, das Easy Rider einst begründet hat, und verkommen daher schlicht zur Farce.
Das soll aber nicht heißen, dass der Geist der Beat Generation aus dem Kino verschwunden wäre. Er findet sich eher, wie damals, in kleinen, meist unabhängigen Filmen. Wer sich also nicht gleich an die Klassiker wagen und erst einmal ins Genre reinschnuppern mag, dem seien Titel wie Die Reise des jungen Che, Y tu mamá tambíen, Im Juli, Into the Wild, Little Miss Sunshine oder auch die Dokumentationsreihen Departures – Abenteuer Weltreise oder Long Way Round von und mit Ewan McGregor empfohlen.
Scheinbar haben die Unabhängigen damit einen Nerv getroffen: Nach Jahrzehnten des Wartens hat Hollywood grünes Licht für die Verfilmung von Kerouacs Impulsgeber On the Road gegeben. Es bleibt abzuwarten, was aus dem als unverfilmbar geltenden Roman wird – nur eines ist garantiert: Der brennende Asphalt, endlose Highways, rauschhafte Musik und der Geschmack von Freiheit in der flimmernden Luft.
