Robert Delaunay und der Orphismus

Orphistischer Kubismus: Reine Farbmalerei - U. Kohaupt
Orphistischer Kubismus: Reine Farbmalerei - U. Kohaupt
Leuchtende Farbkreise, die den Eindruck von Licht und Bewegung widerspiegeln - so präsentiert sich der orphische Kubismus um 1912.

Orphismus ist reine Farbmalerei, die ohne Gegenständliches oder Symbolik auskommt und mit den Gesetzen der Farbtheorie „spielt“.

Robert Delaunay – vom Fauvismus zum Kubismus

Robert Delaunay, 1885 in Paris geboren, absolvierte zunächst eine Lehre als Bühnen- und Dekorationsmaler. 1903 reiste er in die Bretagne, um dort zu malen. Er knüpfte Kontakte mit den Künstlern von Pont-Aven und beschloss 1904, sich ganz der Malerei zu widmen.

Delaunays frühe Werke sind vom Fauvismus geprägt, wie das Bild Akte und Ibisse von 1907 zeigt. 1904 und 1906 konnte er im Salon d’Automne ausstellen. Außerdem begann er sich intensiv mit Farbtheorien auseinanderzusetzen. Nach seinem Militärdienst stieß er 1909 in Paris auf die ersten kubistischen Arbeiten von Braque und Picasso. Fortan widmete er sich mit großer Begeisterung dem Kubismus.

Robert Delaunay – vom Kubismus zum Orphismus

Eine Serie von Eiffelturmbildern (um 1910) zeigt sowohl Delaunays Auseinandersetzung mit dem Kubismus als auch mit den Arbeiten Cézannes. Jedoch stellte ihn die Formenzerlegung des Kubismus schon bald nicht mehr zufrieden. Delaunay wollte sich gänzlich vom Objekt lösen: "Solange die Kunst vom Gegenstand nicht wegkommt, verdammt sie sich zur Sklaverei", so seine Meinung.*

Das bereits 1839 erschienene Buch Gesetz der Simultankontraste bei den Farben war eine wichtige Inspirationsquelle für Delaunay, der aus den Theorien des Chemo-Physikers Michel Eugène Chevreul die Idee der reinen Farbmalerei entwickelt. "Reine Malerei", das hieß: weg vom Gegenständlichen, alleine die dynamischen Kräfte der Farbe nutzend.

Die fenêtres (Fensterbilder), die 1912 entstanden, brachten den Durchbruch. Nunmehr wird weder Gegenständliches noch Symbolisches abgebildet. Die Farbe ist das alleinige Bildgestaltungsmittel. Die Spannung und Dynamik des Bildes soll alleine über die Farbe (la couleur seule) erfahrbar werden.

Delaunay selbst nannte seinen 1912 entwickelten Stil zunächst Cubisme écartelé (zerteilter Kubismus). Die dynamisch-harmonischen Farbklänge inspirierten den Dichter Apollinaire 1913 in Anspielung auf Orpheus, den Sänger aus der griechischen Mythologie, zu der Bezeichnung "Orphismus". Fortan war ein Name für den Delaunayschen Stil gefunden.

Orphismus und Futurismus

1909 wurde in Italien das Erste futuristische Manifest herausgegeben. Die Parallelen zwischen Delaunays orphischem Kubismus und der futuristischen Malerei sind augenfällig. Was Delaunay mit den Futuristen verbindet, ist der Wunsch, Bewegung im Bild und Simultaneität auszudrücken.

Das Heißblütige, Radikale fehlt Delaunay jedoch. Er will nicht provozieren, vertritt nicht die Auffassung, dass ein Werk ohne aggressiven Charakter kein Meisterwerk sein könne, wie es das futuristische Manifest proklamiert.

Folglich sind Delaunays Bilder im Vergleich zu den futuristischen Gemälden leichter, beschwingter, eleganter. Die lichtgetränkten, gesättigten Farben strahlen Lebensfreude aus.

Delaunay und der Simultankontrast

Simultankontraste sind ein wesentliches Stilmittel des Orphismus. Mehrere Jahre experimentiert Delaunay mit Farben und Kontrasten, um rhythmische Regeln zu finden, um Bewegung im Bild zu steuern, zu harmonisieren: So lösen z.B. Rot und Blau in einem Kreiszentrum gegeneinandergesetzt eine besonders heftige Schwingung aus – Delaunay vergleicht es mit einem physischen Faustschlag**. Immer wieder entdeckt er neue Kontrastgesetze für sich, mit denen er seine aus Farbflächen zusammengesetzten Bilder zusammenhält und in Spannung versetzt. Das optische Phänomen des Simultankontrastes besagt, dass das menschliche Auge zu einem orange-grünen Farbfeld instinktiv nach einem Ausgleich, also nach den komplementären Farben Blau und Rot sucht.

Auch steigert Delaunay durch den Simultankontrast den Farbwert einer Farbe: Das Orange neben dem Grün tendiert optisch mehr ins Rot, während das Grün neben dem Orange blauer wirkt. Die Farben "überfluten" sich sozusagen optisch. Delaunay vergleicht das mit einem Stein, der ins Wasser geworfen, konzentrische Kreise zieht, die sich dann überlagern können, deren Bewegung aber auch in umgekehrte Richtung läuft. Beim Betrachter lösen diese Farbkontraste ein Gefühl der Unruhe, des Vibrierens der Farbe aus.

Der Orphismus und seine Auswirkungen auf die moderne Malerei

Delaunays begeistertste Mitstreiterin war die Russin Sonia Terk, die er 1910 heiratete. Gemeinsam trieben sie die prismatische Zerlegung der Farbe in geometrische Formen und simultane Bewegungsabläufe systematisch voran. Als Designerin trug Sonja Terk-Delaunay den Orphismus auch in den Alltag hinein.

Vor allem die deutschen Expressionisten, allen voran die Gruppe Der Blaue Reiter, zeigten sich vom Orphismus begeistert. Insbesondere Franz Marc durchlief eine intensive "orphische Phase". Auch Lyonel Feininger, Francis Picabia und Marcel Duchamp sympathisierten eine Weile mit Delaunays Stil. Ebenso kann man Züge des Orphismus im Werk von Marc Chagall nachweisen.

Robert Delaunay verstarb am 25. Oktober 1941 in Montpellier.

Quellen:

Walter Hess: Dokumente zum Verständnis der modernen Malerei, Hamburg 1986, S. 66-70.

Maurizio Calvesi: Der Futurismus. Kunst und Leben, Köln 1987.

Hajo Düchting: Werk statt Farbe, Leipzig 2010, darin: Die Geschichte der Farbe in der Malerei. Von der Gegenstandsfarbe zur Autonomie der Farbe, S. 21-28.

* Hess, S. 67.

** Hess, S. 69.

Ursula Kohaupt - Hineingeboren in die Generation Golf, aufgewachsen in Bayreuth und Kunstgeschichte studiert in Bamberg, Marburg & London. Danach sechs ...

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