Robert Enke – Biografie von Ronald Reng

Cover Robert Enke- Ein allzu kurzes Leben - Piper Verlag
Cover Robert Enke- Ein allzu kurzes Leben - Piper Verlag
„Robert Enke - Ein allzu kurzes Leben" beschreibt die Entwicklung des Nationaltorhüters von Jugendtagen bis zu seinem Freitod im November 2009

Wenn die Biografie eines öffentlichen Menschen wie Robert Enke ein knappes Jahr nach seinem Tod, also gerade noch rechtzeitig zu seinem ersten Todestag erscheint, dann liegt der Verdacht nahe, es handele sich um ein mit heißer Nadel gestricktes Machwerk. Ronald Rengs Buch über Robert Enke ist das Gegenteil. Reng hat Enke und seine Frau Teresa über Jahre als Freund begleitet. Enke hat mit ihm über ein mögliches Buchprojekt über sein Leben schon zu Lebzeiten gesprochen. Er hat zu diesem Zweck sogar Notizen angefertigt.

Reng wollte ein Buch schreiben, das die Dimension einer klinischen Depression klar macht und das ist ihm zu hundert Prozent gelungen. Das Beispiel eines Nationaltorwarts, der einen nicht leichten Karriereweg gegangen ist, in dessen Verlauf er eine Depression meistern konnte, an der zweiten aber scheiterte, bietet sich dafür natürlich an. Reng gelingt es dabei, den Menschen Robert Enke nicht im Nachhinein bloß zu stellen, er schafft es aber auch, bei aller Nähe, kritische Aspekte in seiner Persönlichkeit zu beleuchten.

Robert Enke in der Welt des Profifußballs

Der Profisport, insbesondere der Profifußball ist eine Welt mit sehr eigenen Regeln. Das Verhältnis der Profis untereinander ist von kollegialem- genauso wie von konkurrierendem Verhalten geprägt. Echte Freundschaft hat es in diesem Umfeld schwer. Für einen insgesamt introvertierten Menschen wie Robert Enke ist es doppelt schwer.

Die Weggefährten aus den Jugendmannschaften des Traditionsclubs Carl Zeiß Jena, in denen Enke groß wurde, beschreiben ihn noch als ein Glückskind mit ansteckend guter Laune. Menschen, die ihn später erlebten, ohne ihn näher kennen zu lernen, empfanden ihn als in sich gekehrt bis verschlossen. Was war geschehen?

Reng beschreibt kenntnisreich und mit vielen Originalzitaten belegt, die Stationen des Torwarts Enke. Schon bei seinen ersten Einsätzen im Profibereich, mit Jena in der zweiten Liga, wird deutlich, dass sich Enke mit einer wichtigen Fähigkeit des Profis schwer tut: Fehler abhaken, nach vorne schauen. Fehler begleiten ihn, er grübelt und zieht sich zurück.

Erste Station in der Bundesliga ist Borussia Mönchengladbach, wohin er als 19-jähriger wechselt. In der Saison 1998/99 ersetzt er den verletzten Stammtorhüter Uwe Kamps und spielt erstmals erste Liga in einer Mannschaft, die ihrer führenden Köpfe Effenberg und Dahlin beraubt, direkt auf den Abstieg zusteuert.

Es folgen drei gute Jahre bei Benfica Lissabon unter Trainer Jupp Heynkes, die leider von der Mannschaft her wiederum sportlich nicht den großen Erfolg bringen. Der anschließende Abstecher nach Barcelona unter Trainerpoltergeist Luis van Gaal endet für Enke, nach einem einzigen verpatzten Spiel, auf der Reservebank oder nicht einmal dort.

Christoph Daum und sein Torwarttrainer Eike Immel holen Enke nach Istanbul zu Fenerbahçe. In Begleitung seines Freundes und Beraters Jörg Neblung erlebt er eine fast schon traumatische Ankunft und wiederum ein verpatztes Spiel. Enke wirft hin und löst den Vertrag auf. Anschließend durchlebt er seine erste klinische Depression, die er mit Hilfe seiner Frau, seiner Freunde und eines Therapeuten übersteht.

Nach einer Saison in der zweiten spanischen Liga bei Teneriffa wechselt Enke zu Hannover 96 wo er zu dem Torwart reift, der als Nachfolger der Ära Kahn – Lehmann deutscher Nationaltorwart werden soll.

Robert Enke – der Mensch

Ronald Reng beschreibt Robert Enke als einen Menschen, der sehr widersprüchliche Charakterzüge in sich vereint: Auf der einen Seite sehr auf die Welt des Fußballs reduziert, ist er auf der anderen Seite sozial und mitmenschlich sehr an seiner Umgebung interessiert. Der Freundeskreis erlebt ihn als lustig und selbstironisch. Seine Frau und die ganz engen Freunde kennen ihn auch als launisch und reizbar, wenn er mit Situationen überfordert ist. Als Familienmensch lebt er in enger Symbiose mit seine Frau Teresa und besteht mit ihr zusammen die ungeheure Herausforderung, ihre schwerkranke Tochter Lara aufzuziehen und auch ihren plötzlichen Tod im September 2006, dem Jahr des deutschen Sommermärchens. Dieser Schicksalsschlag scheint Enke auch die Kraft zu geben, seine berufliche Laufbahn zu relativieren. Was ist schon ein verpatztes Spiel, ein Torwartfehler gegen den Tod eines geliebten Menschen?

Die Enkes bleiben in Hannover, Robert spielt weiter bei 96, eine Entscheidung, die viele bei einem Torhüter seines Formats nicht verstanden.

Robert Enkes zweite Depression

Die Situation bei Hannover 96 wird nach seiner Vertragsverlängerung nicht einfacher. Seine Funktion als Kapitän im Verein und Nationaltorwart machen ihn zu einem öffentlichen Menschen, was ihn zusätzlich belastet. Der Zusammenhalt in der Mannschaft, der Enke immer sehr wichtig war, bröckelt. Die Zusammenarbeit mit den wechselnden Trainern wird schwieriger.

Aber Robert Enke lebt weiterhin in einer funktionierenden Beziehung, er besitzt inzwischen ein Ferienhaus im geliebten Portugal und schmiedet schon Pläne für die Zeit nach Ende der ganz großen Karriere. Zusammen mit seiner Frau entscheidet er sich für die Adoption eines Kindes und im April 2009 tritt die Tochter Leila ins Leben der Enkes. Robert ist glücklich und erzählt das auch Freunden.

Mitte 2009 beginnt Robert Enke sich wieder schlapp und müde zu fühlen. Das erste Saisonspiel im Pokal gegen den Viertligisten Trier verlieren die Hannoveraner mit 1 : 3. Die schwarzen Gedanken beginnen Enkes Blick auf die Realität zu trüben. Trotz aller Bemühungen seines Umfelds, einer erneuten Therapie und auch medikamentöser Unterstützung kann er sich nicht aus der Umklammerung der Depression lösen und sucht am 10. November 2009 den Freitod. Er hinterlässt die, die über seinen Zustand Bescheid wussten ebenso fassungslos, wie eine ganze Nation, ob fußballbegeistert oder nicht.

„Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“...

... ist ein Buch das zu Herzen geht und einem Nichtfachmann die Augen öffnet über die grässliche Macht dieser Krankheit Depression. Ein Mensch, der eigentlich immer nur alles richtig machen will, der Verantwortung übernimmt und sich in einem teilweise menschenunwürdigen Geschäft seine Würde bewahrt, ist nicht in der Lage sich gegen die ungeheure Sehnsucht nach einem Ende seiner Qualen zu stemmen.

Ronald Reng gelingt es den Menschen Robert Enke in seinen Stärken und Schwächen lebendig werden zu lassen, ohne in ungebührlichem Maße in seine Intimsphäre einzudringen. Bei der Aufarbeitung von Enkes Aufzeichnungen setzt er sich klare Grenzen, der Abschiedsbrief wird erwähnt aber nicht abgedruckt. Dieses Buch ist kein Sensationsjournalismus sondern differenziertes Porträt eines Menschen und seiner Krankheit, an der er letztlich scheitert.

Ronald Reng: Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben. Piper Verlag, 2010. gebundenes Buch, 425 Seiten, Euro 19,95

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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