Robert-Houdin - Zauberer mit technischen Tricks

Zylinder und Zauberstab - Bernd Teuber
Zylinder und Zauberstab - Bernd Teuber
Im Gegensatz zu seinen Berufskollegen benutzte der Zauberer Eugéne Robert-Houdin vor allem technische Hilfsmittel.

Der Franzose Jean Eugéne Robert-Houdin gilt als einer der größten Zauberkünstler des 19. Jahrhunderts. Geboren wurde er am 7. Dezember 1805 als Sohn eines Uhrmachers in Blois. Und eigentlich hieß er nur Jean Eugéne Robert. Den Namen Houdin legte er sich erst viel später zu. Als junger Mann begann er eine Uhrmacherlehre bei seinem Vater. Eines Tages fiel ihm ein Buch über Zauberkunststücke in die Hände. Von diesem Moment an beschloss er, Zauberer zu werden. Doch der Weg dorthin war alles andere als leicht.

Zaubern konnte er zunächst nur nebenbei, weil er seinen Lebensunterhalt als Uhrmacher verdienen musste. Aber er baute auch Automaten und andere mechanische Kuriositäten, wie sie zur damaligen Zeit äußerst beliebt waren. Da gab es singende Vögel und kleine Figuren, die schreiben oder Klavier spielen konnten. Außerdem konstruierte er eine Uhr aus Glas, die vollkommen durchsichtig war und auch funktionierte, obwohl man keinen Mechanismus entdecken konnte. Diese Uhr war 1838 die größte Attraktion auf der französischen Industrieausstellung. Hauptgrund für Houdins Berufswechsel war das Theater. Zu der damaligen Zeit schwelgte es in der Romantik. Was die Schauspieler auf der Bühne zeigten, waren abenteuerliche und wilde Geschichten mit Geheimtüren, Spiegeln und Geistererscheinungen. Um diese Spezial-Effekte vorführen zu können, bedienten sich die Bühnenarchitekten aus der Trickkiste der Zauberkünstler.

Schmetterlinge brachten das Taschentuch zu der Zuschauerin zurück

Jean Eugéne beschloss, das alles umzukehren. Bisher benützte das Theater Tricks, um Geschichten zu inszenieren. Ihm schwebte jedoch eine abendfüllende Zaubershow vor. Am 3. Juli 1845 hatte Robert-Houdin seine denkwürdige Premiere in der Galerie de Valois im Palais Royal in Paris vor zweihundert Zuschauern. Neu waren Houdins Tricks natürlich nicht, aber gegenüber seinen Berufskollegen hatte er den Vorteil, auf eine ganze Reihe mechanischer Hilfsmittel zurückgreifen zu können.

Eines seiner Kunststücke war ein blühender Orangenbaum. Houdin lieh sich von einer Dame aus dem Publikum ein Taschentuch, rollte es zusammen, legte es in ein Ei, das Ei in eine Zitrone und diese zuletzt in eine Orange. Mit bloßen Händen drückte er die Orange zu einem Pulver zusammen, das er in einem Weinglas mit Flüssigkeit vermischte. Die Flüssigkeit wurde entzündet, und der aufsteigende Dampf sorgte dafür, dass sich die Blüten des Orangenbaums vor den Augen des Publikums in leuchtende Früchte verwandelten. Houdin pflückte die Orangen und verteilte sie an die Damen im Saal. Die letzte behielt er jedoch in der Hand, um sie in zwei Teile zu zerteilen. Dann flatterten zwei Schmetterlinge herbei und trugen das Taschentuch, dass sich in der Orange befand an den Platz der Zuschauerin zurück.

Das technische Geheimnis des Orangenbaums

Diese Vorstellung hatte auf das damalige Publikum eine ungeheure Wirkung. Was aussah wie Magie, war in Wirklichkeit ein technischer Trick. Die Zweige des Orangenbaums bestanden aus dünnen Röhren, an deren Enden Blüten aus Seidenpapier befestigt waren. Durch Luftdruck konnte man die Blüten nach außen drücken und durch Unterdruck wieder in die hohlen Zweige zurücksaugen. Auf diese Weise verschwand die Blütenpracht von einem Moment auf den anderen.

Die Orangen steckten bereits vor Beginn der Vorführung auf den Zweigen. Sie wurden jedoch durch grüne Drahtschirme den Blicken der Zuschauer entzogen. Erst wenn diese Drahtschirme blitzschnell umklappten, waren die Orangen sichtbar. Die Früchte waren sogar echt, bis auf die Letzte natürlich. In ihr befand sich ein Taschentuch. Aber es war nicht jenes, das er sich von der Zuschauerin geliehen hatte, sondern eines, das nur so ähnlich aussah.

Um 1854 zog sich Robert-Houdin aus dem Showgeschäft zurück. Das Zaubern gab er jedoch nicht auf. In seinem Anwesen "La Prieuré" am linken Ufer der Loire öffneten sich alle Türen automatisch. Auch die Uhren gehorchten seinem Befehl oder spielten verrückt, wenn er es wollte. Der Magier der technischen Tricks starb am 13. Juni 1871. Sein Pariser Theater wurde noch eine Zeitlang erfolgreich weitergeführt und gelangte 1888 in den Besitz des Filmpioniers Georges Méliés, der dort unter anderem seine Zauberfilme drehte.

Quelle: Werner Waldmann: "Zauberkunst", Heinrich Hugendubel GmbH 1996, ISBN 3-8803-4199-0