Er wirkt offen und doch zurückhaltend, freundlich und bescheiden, verbindend und verbunden. Verbunden einerseits dem Papst in Rom, in gleicher Weise aber sich selbst. Persönliche Gespräche zieht er stets pauschalen Antworten vor. Fakt ist: Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz löst Probleme schnell, effizient und geräuschlos, versteht es aber wohl, seine Stimme zu erheben, wenn es um grundlegende Dinge in Welt und Kirche geht. Dennoch ist der Kirchenmann in der breiten Öffentlichkeit nicht sonderlich bekannt. Wer also ist Robert Zollitsch? So fragten sich schon 2003 anlässlich seiner Ernennung zum Erzbischof von Freiburg viele Menschen, sogar in seiner Diözese selbst.
Verlust des Bruders, Flucht aus der Heimat
Robert Zollitsch ist zunächst ein Donauschwabe. Als solcher wurde er am 9. August 1938 in Philippsdorf (heute Backi Gracac in Serbien) geboren - und musste in der Folge des Zweiten Weltkrieges schon früh schwere Schicksalsschläge hinnehmen. 1944 etwa war er gezwungen mitanzusehen, wie sein damals sechzehnjähriger Bruder erschossen wurde - durch die jugoslawische Volksbefreiungsarmee. Zusammen mit seiner Großmutter und drei Cousinen kam er daraufhin in Lagerhaft nach Gakovo.
1946 floh die Familie nach Deutschland und siedelte sich zunächst in Oberschüpf unweit von Tauberbischofsheim an, bevor sie 1953 in Mannheim-Rheingau endgültig neue Heimat fand.
Studium und erste Aufstiege
Nach dem Abitur studierte Zollitsch von 1960 bis 1964 katholische Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg/Breisgau sowie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, bevor er am 27. Mai 1965 von Erzbischof Hermann Schäufele zum Priester geweiht wurde. Eine zweijährige Kaplanszeit in Mannheim und Buchen schloss sich an. 1967 wurde er Repetitor am Erzbischöflichen Konvikt Collegium Borromaeum in Freiburg; von 1972 bis 1974 zusätzlich Dozent am Priesterseminar St. Peter auf dem Schwarzwald. In letzteres Jahr fällt denn auch seine Promotion zum Doktor der Theologie über das Thema “Amt und Funktion des Priesters in den ersten zwei Jahrhunderten”. Dies dürfte auch den Ausschlag gegeben haben für seine Beförderung zum Direktor des Collegium Borromaeum - eine Stellung, welche er bis 1983 innehatte.
Für die nächsten zwanzig Jahre war Zollitsch sodann Personalreferent der zweitgrößten Diözese Deutschlands. Und er erarbeitete sich in dieser Zeit all jene Qualitäten, von denen eingangs bereits die Rede war: Leise Führungsstärke im Verbund mit hoher menschlicher Kompetenz, die stets den Konsens auf breiter Basis suchte.
Bischofswahl wider Willen
Trotzdem galt der Domkapitular beileibe nicht als Wunschkandidat für die Nachfolge des 2002 aus Gesundheitsgründen zurückgetretenen Erzbischofs Oskar Saier. Im Gegenteil: Wut und Enttäuschung im Domkapitel waren riesengroß, als Anfang Juni 2003 nicht der Name des von Klerus und Laien favorisierten Weihbischofs Paul Wehrle auf dem Dreiervorschlag des Vatikans zu lesen war, sondern der Name Robert Zollitsch. Mangelnde Predigtgabe, spiritualitätsarm, medienuntauglich - so die Vorwürfe. Dennoch fand sich eine Mehrheit für den unauffällig agierenden Personalchef. So wurde Zollitsch am 20. Juli 2003 von seinem Vorgänger im Freiburger Münster zum Erzbischof und damit Metropoliten der Oberrheinischen Kirchenprovinz geweiht. Sein Wahlspruch lautet: “In der Gemeinschaft des Glaubens”.
2004 übernahm er zudem den Vorsitz des VDD, des Verbandes der deutschen Diözesen, welcher sich unter anderem kümmert um den Finanzausgleich zugunsten klammer West- und strukturell armer Ost-Diözesen. Damit ist Zollitsch in gewisser Weise der Finanzminister der deutschen katholischen Kirche - und in der Bischofskonferenz ferner für geistliche Berufe und kirchliche Dienste mit verantwortlich.
Effizienz mit menschlichem Antlitz
Auf Bistumsebene organisierte er die unteren pastoralen Ebenen neu zu Seelsorgeeinheiten und verringerte die Zahl der Dekanate von 39 auf 26. In diesem Zusammenhang ist auch die Inkraftsetzung neuer pastoraler Leitlinien zu erwähnen (“Den Aufbruch neu gestalten”), ebenso wie die Neufassung von Satzungen zahlreicher diözesaner Gremien und Einrichtungen (Pfarrgemeinderat, Kirchenverwaltung, Priesterrat).
Als Mann von Weitblick weiß Robert Zollitsch auch um den immer gravierender werdenden Priestermangel. So rief er 2006 zum “Jahr der Berufung aus”, ordnete allerdings zugleich die Priesterausbildung neu, indem er das Priesterseminar in das Collegium Borromaeum, seiner frühere Wirkungsstätte, verlegte und mit einem stärkeren Praxisbezug versah.
Kein Richtungswechsel an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz
Am 12. Februar 2008 wurde Zollitsch in der Nachfolge Kardinal Karl Lehmanns zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Wie dieser gilt er bei aller Treue zum Heiligen Stuhl als selbstbewusst progressiver Theologe - und erregte prompt Aufsehen, als er Denkverboten in Sachen Pflichtzölibat eine klare Absage erteilte. In gleichem Maße übte Zollitsch deutlich Kritik an einigen seiner Bischofskollegen wegen ihrer jeden Dialog von vornherein erstickenden Äußerungen zum Thema Kinderkrippen, die seiner Ansicht nach für viele Eltern einfach nötig seien. Und: Er ging damit auch auf Distanz zur CDU, wegen ihrer neoliberalen Annäherungen, die das Soziale aus den Augen zu verlieren drohen. Solcherlei Dinge aber seien grundlegend im Verständnis der Christenheit und würden derzeit etwa von SPD und Grünen weit stärker aufgenommen als früher.
Hoch zu preisen ist schließlich auch des Erzbischofs Forderung nach kirchlicher Öffnung für neue gesellschaftliche Gruppen und Randgruppen. So ist Homosexualität in seinen Augen Veranlagung und damit Realität. Aus diesem Grund hält er die eingetragene Lebenspartnerschaft für eine denkbare Regelung, die sich aber klar von der Ehe zwischen Mann und Frau unterscheiden müsse.
Und die Ökumene? “Die evangelische Kirche ist Kirche, wenn auch in einem anderen Sinn. Ich kann ihr das nicht absprechen.”
Unbestreitbar: Ein Generationen- oder gar Richtungswechsel hat mit der Wahl Robert Zollitschs nicht stattgefunden. Die deutsche katholische Kirche hat mit ihm einen stillen, aber entschiedenen Überzeugungstäter an der Spitze, der bei aller päpstlichen Loyalität auch eigene, für Rom bisweilen unbequeme Überzeugungen zu artikulieren weiß. Langfristig dürfte sich dies - im Gegensatz zu romtreuem, medienspektakulärem Geplänkel - als der ehrlichere und der Sache Christi zuträglichere Weg erweisen.
