Man kann sich das heute wohl kaum mehr vorstellen: aber einst gehörte S/Z zu denjenigen Büchern, die in aller Öffentlichkeit skandalisiert und heftig bekämpft wurden. Grund dieser ablehnenden Haltung war eine an der modernen Zeichentheorie und der Psychoanalyse geschärfte Praxis der Interpretation, die die klassische Interpretation kurzerhand aushebelte. Hier seien das Buch und einige wichtige Aspekte dieser Praxis vorgestellt.

Sarrasine von Honoré de Balzac

Im Mittelpunkt des Buches steht eine Novelle des französischen Schriftstellers Balzac. Diese Novelle erzählt die Geschichte des französischen Malers Sarrasine, der sich zu Studienzwecken in Italien aufhält. Dort verliebt er sich in die Opernsängerin Zambinella. In der Zeit, zu der die Novelle spielt, waren auf den französischen Bühnen bereits Frauen als Darstellerinnen erlaubt, in Italien dagegen nicht. Die weiblichen Partien wurden von Kastraten übernommen. Diesen Umstand allerdings kennt der französische Maler nicht. Er versucht, das Herz der Sängerin zu gewinnen, wird von ihren "männlichen" Kollegen (die es besser wissen) noch ermutigt und muss schließlich, als er die Wahrheit erkennt, mit dem Leben bezahlen. — Die Novelle wurde 1830 als Teil der Comédie Humaine veröffentlicht.

Konnotation und Lexie

Barthes führt zunächst ein Werkzeug (der Interpretation) ein, das er als "bescheiden" bezeichnet: die Konnotation. Die Konnotation kann man am ehesten als eine (rein psychische) Assoziation zwischen zwei Textstellen bezeichnen; die Assoziation entsteht während des Lesens. Diese Idee der Konnotation hat weit reichende Folgen. Denn in dieser Definition ist mit enthalten, dass die Konnotation weder direkt "im Text drinsteckt", noch ohne den Text funktioniert. Sie ist ein Einfall, eine Idee, die sich dem Leser während des Lesens aufdrängt. Da sie aber nicht direkt aus dem Text entsteht, sondern immer durch den jeweiligen Leser mitgeprägt ist, "unterbricht" sie den reinen Text, um in dieser Unterbrechung den Einfall auftauchen zu lassen. — Zu diesem Vorgang des Konnotierens kann sich der Leser nicht entscheiden. Die Einfälle, die den Lesefluss unterbrechen und den Text in Stücke gliedern, geschehen automatisch. Diese Textstücke (die man gelesen hat) nennt Roland Barthes Lexien. Eine Lexie ist also gleichzeitig definiert durch ein kurzes Textstück und die gleichzeitige Tätigkeit des reinen, am Text ausgerichteten Lesens.

Das Pulsieren des Lesens

Eine solche Form des Lesens, die sich durch den Rhythmus Lexie - Konnotation - Lexie - Konnotation - … darstellt, hat die Form eines Pulsierens. Dies erinnert deutlich an die libidinöse Besetzung der Wahrnehmung, wie Sigmund Freud sie beschreibt. Danach wird ein Stück Welt für eine kurze Zeit mit libidinöser Energie besetzt (heute würde man sagen: man richtet seine Aufmerksamkeit auf etwas) und dann diese Energie wieder abgezogen. Dies geschieht in einem fortlaufenden Wechsel. Freud schreibt in der Traumdeutung: "Um die Außenwelt zweckmäßig durch die Motilität [also durch absichtsvolles Verhalten] verändern zu können, bedarf es der Anhäufung einer großen Summe von Erfahrungen in den Erinnerungssystemen und einer mannigfachen Fixierung der Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen in diesem Erinnerungsmaterial hervorgerufen werden. … Die vielfach tastende, Besetzungen aussendende und wieder einziehende Tätigkeit … bedarf … der freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial; …" (Freud, GW II/III [Die Traumdeutung], 605, Hervorhebung von mir)

Lesen/Schreiben

Gleich zu Beginn des Buches kritisiert der Autor die Konsumhaltung des Lesers und definiert den klassischen Text als einen Text, der zwar gelesen, aber nicht (weiter) geschrieben werden kann. Barthes schreibt: "Ein solcher Leser [eines klassischen Textes] ist in einem Nichtstun versunken, in einer Undurchdringbarkeit …: … [es] bleibt ihm als Anteil nur die armselige Freiheit, den Text entweder anzunehmen oder ihn zu verwerfen …" (Seite 8). Diesem passiven Leser stellt Barthes den aktiven Leser gegenüber. Dies ist ein Leser, der die Trennung zwischen Textproduzent und Textkonsument überspringt, dessen Praxis das Schreiben ist. Demnach ist der aktive Leser der schreibende Leser. Der von Barthes so genannte "schreibbare Text" bezeichnet keine besondere Textform, sondern eine Haltung, die der Leser gegenüber einem Text vertritt: "Der schreibbare Text ist ständige Gegenwart, und kein konsequentes Sprechen …. Der schreibbare Text, das sind wir beim Schreiben …" (Seite 9).

Das Plurale des Textes

"Einen Text interpretieren heißt nicht, ihm einen (mehr oder weniger begründeten, mehr oder weniger freien) Sinn geben, heißt vielmehr abschätzen, aus welchem Pluralem er gebildet ist. … Dieser [plurale/schreibbare] Text ist eine Galaxie von Signifikanten und nicht Struktur von Signifikaten." (Seite 9f.) — Barthes geht es dabei allerdings nicht um ein "anything goes", eine Erlaubnis zu jeglicher Interpretation, sondern um die Indifferenz klassischer Interpretationsverfahren. Diese orientieren sich an einem System, an der Auslöschung von Widersprüchen. Zudem werde die Interpretation als statisch und unhistorisch dargestellt. Der klassische Interpret, so könnte man überspitzt formulieren, sei jemand, der aus dem Zusammenstoß zwischen einem historischen Text und seiner eigenen historischen Position eine ewige Wahrheit empfängt. Eine solche Vorstellung ist natürlich lächerlich. Das Plurale dagegen spiele "mit der Verteilung eines Diskontinuierlichen" (Seite 27). Es köpfe/zerstückele den Meistersignifikanten (dies ist, allerdings sehr unvorsichtig formuliert, eine Art geheimer Glaubensüberzeugung, die die Interpretation leitet) und stelle eine Abfolge kurzer, kontingenter Fragmente, also Lexien, her. (Vergleiche auch Pluralität und Spiel.)

Lustbetont. Es lesen

In gewisser Weise muss der Barthessche Leser wie der Patient in einer psychoanalytischen Kur "funktionieren". Er produziert Einfälle und notiert diese, so, wie sie sich eben einstellen. Er nimmt gegenüber dem Text einen Zustand der "gleichschwebenden Aufmerksamkeit" (Freud) ein, d.h. er unterdrückt keine Einfälle und bewertet diese auch nicht. An dieser Stelle muss man allerdings davor warnen, einfach nur irgendetwas zu assoziieren und sich in großen Strömen der Assoziation zu verlieren. Grundlegend bleibt das Pulsieren zwischen Lesen und Konnotation. Hierher gehört dann auch die sehr spezifische Bedeutung des Wortes "Lust". Damit ist nämlich nicht ein Vergnügen gemeint, sondern eben jener Rhythmus von libidinöser Besetzung und dem Rückzug dieser Besetzung. Beim Lesen eines Textes liest der Leser so zugleich die Vorstöße seines Unbewussten, sein Es (siehe dazu Abwehrmechanismen).

Quellen

  • Barthes, Roland: S/Z, Frankfurt am Main 1994 [teilweise wurde die französische Ausgabe, 1970 in der éditions du seuil erschienen, zu Hilfe genommen]
  • Freud, Sigmund: Gesammelte Werke II/III (Die Traumdeutung), Frankfurt am Main 1999