
- Deutsche Demokratische Republik (DDR) - Frei
Damals, Anfang der 80er Jahre, erhielt die „Friedensbewegung“ in der DDR Zulauf – unter dem Dach der Kirche. Die Vorgeschichte: Der Bund der Evangelischen Kirchen sowie Freikirchen, die der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen angehörten, hatten eine „Friedensdekade“ ausgerufen. Die begann im November ’80 – mit „Friedensminuten“, der Losung „Frieden schaffen ohne Waffen“ und dem Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“. Die Friedensdekade wurde jährlich wiederholt – und ein Politikum. Insbesondere auf den Aufnäher mit dem Bibelzitat „Schwerter zu Pflugscharen“ reagierte die SED allergisch: Auf junge Leute, die sich das Symbol auf ihre Kleidung genäht hatten, wurde Jagd gemacht. Und um Konfrontation zu vermeiden, sahen sich die Kirchenleitungen 1982 veranlasst, die Träger des Symbols – außerhalb von kirchlichen Veranstaltungen – zum Verzicht darauf zu bewegen.
Am 25. Januar 1982 folgte der „Berliner Appell“ von Pfarrer Rainer Eppelmann und Regimekritiker Robert Havemann – eine friedensbewegte Botschaft, aufgegriffen von den Westmedien. Das führte zur vorübergehenden Inhaftierung Eppelmanns – und zu einer Solidarisierungswelle: Rund 6.000 meist junge Menschen versammelten sich am 13. Februar 1982 in der Dresdner Frauenkirche zu einem „Friedensforum“ – offiziell zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt 1945. „Damit löste sich die christliche Friedensbewegung zum ersten Mal aus ihrem engen Umfeld und wurde ein wichtiger Faktor in der politischen Auseinandersetzung“, so Stefan Wolle (in: „Die heile Welt der Diktatur“, 1999).
Gratwanderung: Friedenaktivisten brachten die Evangelische Kirche in Schwierigkeiten
Die Friedensaktivisten werden die Evangelische Kirche damit in Schwierigkeiten bringen. Sie befand sich auf Gratwanderung zwischen Gegnerschaft zur SED und einer begrenzt staatstragenden Position. Immerhin hatte die Kirche – seit dem Gespräch zwischen Erich Honecker und den Ev. Kirchenleitungen im März 1978 – mehr Spielraum erhalten. Zwar wurden Konfliktpunkte (z.B. der Wehrkundeunterricht an Schulen) nicht ausgeklammert. Aber die Partei revidierte ihre Vorstellung von einer „absterbenden Kirche” und machte Zugeständnisse. Jetzt beschied Honecker einen Teil der Anfragen zu kirchlichen Projekten positiv. Mehr Kirchen durften gebaut werden. An christlichen Feiertagen waren Kirchenfunktionäre in den Medien der DDR präsent. Kirche und Staat bereiteten das 1983 anstehende Lutherjahr gemeinsam vor. Die diakonische Arbeit wurde stärker unterstützt. Und die SED war dieser relativ flexiblen Haltung auch nach den Unruhen in Polen 1980 und der Gründung der Gewerkschaft „Solidarität“ treu geblieben. Doch sie wurde misstrauischer. Ein Beispiel: Die Zensur bei kirchlichen Publikationen wurde verschärft. Auch versuchte die Staatssicherheit, „verstärkt qualifizierte inoffizielle Mitarbeiter in Spitzenpositionen sowie in theologischen Ausbildungsstätten zu schaffen” (O-Ton von Stasi-Chef Erich Mielke).
Derweil musste die SED zur Kenntnis nehmen, dass weite Kreise der Bevölkerung unzufrieden waren: „Zur Stagnation des Lebensstandards kamen Versorgungsengpässe und mangelnde Qualität der Produkte, der Abstand zur Bundesrepublik, auf die die Bevölkerung fixiert blieb, war nicht verringert worden. Die Zuwachsraten der Industrie gingen zurück, und die Nettoverschuldung des Staates an den Westen wuchs erheblich an”, bilanziert Hermann Weber („Geschichte der DDR“, 2000). Und auf die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation und (noch vereinzelte) Formen des Widerstandes hatte die SED bereits 1979 reagiert – mit dem 3. Strafrechtsänderungsgesetz. Besonders Bestimmungen in Sachen „staatsfeindlicher Hetze” wurden verschärft – oppositionelle Strömungen so kriminalisiert.
Kriminalisierung: Der Kampf der SED gegen junge Friedensaktivisten in der DDR
Der Fall des Friedensaktivisten Roland Jahn, geboren am 14. Juli 1953 in Jena, zeigte, dass diese Kriminalisierung auch Mitglieder der „Friedensbewegung“ der DDR betraf. Jahn bekam das zu spüren: Am 1. September 1982 wurde er festgenommen und nach fünf Monaten Isolationshaft zu einem Jahr und zehn Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Weitere Friedensaktivisten wurde im Januar 1983 verhaftet, aber – auch infolge von Protesten im Westen – nach einem Monat (mit Jahn) auf freien Fuß gesetzt. Die Jenaer Gruppe, die sich jetzt „Friedenskreis“ nannte, deutete den Rückzieher des Staates als Ermutigung: Für den 18. März 1983, Jahrestag der Bombardierung Jenas im Zweiten Weltkrieg, wurde eine Schweigeminute im Zentrum der Universitätsstadt angemeldet – und trotz Verbots durchgeführt. Kurze Zeit später erhielten die Teilnehmer, soweit sie bereits Ausreiseanträge gestellt hatten, prompt die Genehmigung zum Verlassen der DDR. Und gegen Jahn, der seinen Antrag auf Ausreise mittlerweile widerrufen hatte, gingen die Behörden besonders rigoros vor: Im Juni 1983 wurde er, mit Handschellen gefesselt, in ein geschlossenes Schlafwagenabteil gesetzt und gegen seinen Willen in die Bundesrepublik abgeschoben. Dies habe gezeigt, wie sehr die Konfrontation zwischen Staat und Friedensbewegung „kulminiert“ war, meint Wolle. „Bezeichnend“ nennt auch Weber, dass der „junge oppositionelle DDR-Bürger … gewaltsam in einen Zug gesetzt und in die Bundesrepublik abgeschoben wurde“.
Der SPIEGEL in der Ausgabe Nr. 22/1983 („Gewisser Nachwuchs“): Mit „der größten Ausbürgerungsaktion seit 1976“ wolle die DDR die staatsunabhängige Friedensbewegung im Land schwächen. „Die Staatsorgane versuchen, die traditionell unruhige Jugendszene zu säubern … Seit Jahren schon schlagen sich die Behörden der thüringischen Universitätsstadt mit ein paar Dutzend rebellischen Jugendlichen herum, die über Demokratie und Sozialismus, Ökologie und Frieden debattieren.“ Mehrfach hätten sie „für Abrüstung in Ost und West“ demonstriert. Es sei „zu Scharmützeln“ gekommen, zu „Verhören, U-Haft, Gefängnis“. Folge: „Die Friedensgemeinschaft ließ sich zwar nicht von weiteren Aktionen abhalten, spaltete sich aber in zwei Lager. Während die einen, trotz Pressionen von oben, in der DDR bleiben wollen, haben die anderen, zum Teil unter starkem Druck, Ausreiseanträge gestellt.“ Mit der „Massenabschiebung“ solle „der Kern der Gruppe zerschlagen werden“. Doch Friedensgruppen gebe es auch in Berlin, Dresden, Cottbus, Schwerin, Weimar und Suhl.
Zwangsabschiebung: Roland Jahns gewaltsamer Rausschmiss aus der DDR
An einem Donnerstag vor Pfingsten 1983 seien Friedenaktivisten im offiziellen Demonstrationszug der FDJ zwar eine Zeitlang geduldet, dann aber sei „Volkszorn gespielt“ worden. Der SPIEGEL: „FDJ-Blauhemden bemächtigten sich einiger Transparente. Roland Jahn, in der Jenaer Szene bekannt wie ein bunter Hund, durfte danach sogar noch einige Sätze durchs Mikrofon sprechen. Ein Ordner drehte ihm schließlich den Saft ab – das Experiment hatte ein erwünschtes und rasches Ende gefunden.“ Und wenige Wochen später entledigte sich die SED auf spektakuläre Art dieses „widerborstigen DDR-Bürgers aus Thüringen“: Sie verfrachtete Jahn, von Beruf Transportarbeiter (da als Student der Wirtschaftswissenschaften wegen seiner Protesthaltung schon 1977 von der Uni geworfen), gewaltsam über die Grenze – „gegen dessen erklärten Willen und gegen DDR-eigenes Recht“, so der SPIEGEL.
Nach seiner Zwangsübersiedlung erhielt Jahn dort in einer 2-teiligen Serie („Du bist wie Gift“, Nr. 25 bzw. 26/1983) ein Forum. Er hätte nicht für möglich gehalten, dass die SED zu einem Mittel wie der Zwangsabschiebung greifen würde – eine „Bankrotterklärung der Behörden“ und eine Demonstration der „Hilflosigkeit und Unglaubwürdigkeit“. Für Jahn und andere in Jena war bereits die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 („eine Symbolfigur, ein Idol“) ein Grund für die Abkehr vom DDR-Sozialismus. Dies sei für ihn, so Jahn, „ein deprimierendes Erlebnis“ gewesen – aber auch ein „entscheidender Fehler“ der SED. Denn dadurch sei später die oppositionelle „Achse Jena-Berlin/West“ entstanden …
