
- Der TB 303 Synthesizer/Sequencer - Flickr
Manchmal revolutioniert nicht ein genialer Kopf die Musikwelt, sondern ein Musikinstrument. So gesehen beim Hammerflügel, der Elektrogitarre, dem Computer. In den frühen Achtzigerjahren passierte dasselbe in der elektronischen Musik: Der Roland TB 303 Synthesizer brachte im Alleingang eine ganze Stilrichtung hervor: Acid House.
Das Erfolgsgeheimnis: Analog-Synthesizer mit Sequencer
Die 1982 erschienene TB 303 ist ein 30 x 15 cm grosser Quader mit vielen Knöpfen und Reglern. Grundsätzlich handelt es sich um einen klassischen, analogen Monosynthesizer mit einem Rechteck- und einem Sägezahnoszillator und einem Filter. Das besondere an der TB 303 ist aber, dass Synthesizer und Sequencer zusammengebracht wurden. In diesem kleinen Kasten ist schon alles vorhanden, was nötig ist, um Rhythmus- und Tonhöhenmuster einzuspeichern und abzuspielen. Man braucht nicht für jeden gespielten Ton eine Taste zu drücken. Während man also die Sequenz laufen lässt, hat man genug Zeit, an den Parametern herumzuspielen. Das Ganze war über eine Schnittstelle mit anderen Geräten synchronisierbar.
Mit Rolands Ladenhüter zum ersten Clubhit des Acid House
Die Firma Roland stellte die Produktion der TB 303 schon nach kurzen 18 Monaten ein. Das Gerät verkaufte sich schlecht, war mit 730 Mark zu teuer und wanderte schnell ab in verstaubte Secondhandläden. Dort wendete sich schliesslich das Blatt. 1985 experimentierte der Chicagoer Musiker Nathan Jones alias DJ Pierre mit einer TB 303 herum. Nach einer Session mit Freunden aus der aufstrebenden House-Szene hatten sie einen Track fertig, den sie "Acid Tracks" nannten. Dieses Lied wurde namensgebend für alles, was in der Szene folgte. Das für damalige Verhältnisse unkonventionelle Stück sorgte zuerst für ratlose Gesichter auf der Tanzfläche, wurde aber innerhalb von wenigen Wochen zum Clubhit.
Von LSD zu "Acid Tracks"
"Acid" ist nicht nur das englische Wort für Säure, sondern auch ein Synonym für LSD. Um die Droge kursierten viele Gerüchte in der House-Szene, beispielsweise dasjenige, dass im einflussreichen Chicagoer Club Music Box LSD ins Leitungswasser gemischt werde. Als Nathan Jones und seine Freunde den Titel für ihre Jam-Session und damit den Namen einer neuen Musikrichtung festlegten, wollten sie den mythenbehafteten Reizbegriff bestimmt für sich ausnutzen. Zugeben wollten sie dies später aber nicht. Sie distanzierten sich entschieden von Drogen und verwiesen darauf, dass die B-Seite von "Acid Tracks" ein kritisches Lied über Kokainsucht sei. Es bleiben aber keine Zweifel, dass der psychedelische House-Sound im Hinblick auf das Halluzinogen benannt wurde.
Die TB 303 – Viele Clones, kein Nachfolger
Heute ist eine TB 303 schwer zu bekommen. Die Preise für dieses Stück Plastik sind über die Jahre stark gestiegen. Wer nicht irgendwo auf einem Flohmarkt oder bei einem Elektro-Gebrauchtwarenhändler ein Schnäppchen findet, kann auf Ebay bei Startpreisen von 700 Euro zu bieten beginnen. Es soll in den Neunzigerjahren sogar jemanden gegeben haben, der per Inserat eine günstige Immobilie gegen eine TB 303 eintauschen wollte. Heute gibt es aber unzählige günstige Clones der TB 303. Roland selbst hat nie einen echten Clone auf den Markt gebracht, auch wenn sie die MC 303 von 1996 als Nachfolger der TB 303 anpries. Die MC 303 ist eine Groovebox, ein Gerät, Samples abspielt, aber keine Klangsynthese vornimmt. Es stellt eine ganze Workstation für Musik-Elektroniker dar und übersteigt die Möglichkeiten einer TB 303 bei Weitem. Wer sich aber fünfzehn Jahre lang auf die Wiederaufnahme der TB-303-Produktion gefreut hatte, wurde von Roland enttäuscht. Dieser Synth ist dazu verdammt, immer teurer und prestigeträchtiger zu werden. Nur so bleibt die TB 303 aber auch ein mythischer Gegenstand der Musikgeschichte.
Quelle: Anz, Philipp und Walder, Patrick (Hrsg.): "Techno". 1995. Ricco Bilger Verlag. Zürich.
