Rolf Hochhuth und die Päpste

Streit um Benedikt rückt den "Stellvertreter" wieder ins Blickfeld

Der Stellvertreter - Rowohlt
Der Stellvertreter - Rowohlt
Der Vatikan spricht im Streit um Papst Benedikt XVI von hochgeschwemmtem Anti-Katholizismus in Deutschland. Mit dem Vorwurf wurde schon 1963 Rolf Hochhuth belegt

Die harschen Auseinandersetzungen vor allem aus Deutschland um Papst Benedikt XVI und dessen „Rehabilitierung“ des Holocaust-Leugners Richard Williamson samt der Pius-Bruderschaft haben eine vatikanische Replik erfahren, die nicht unbekannt ist. So argwöhnt der Heilige Stuhl im Jahr 2009, die gesamte Debatte trage einen latent vorhandenen Anti-Katholizismus in Deutschland wieder an die Oberfläche. Der Vorwurf ist alt, genauer, 46 Jahre alt. Genau so, der eine oder andere wird sich erinnern, schallte es seinerzeit aus Rom, als Erwin Piscator 1963 an der Freien Volksbühne in Berlin Rolf Hochhuths politisches Stück „Der Stellvertreter“ inszenierte.

Erhalt der Kirche ohne Rücksicht auf Verluste?

Damals, in diesem voluminösen Schauspiel, ging es um den (italienischen) Papst Pius XII, dem Hochhuth ein beredtes Schweigen zum Holocaust vorgeworfen hat; heute geht es um den (deutschen) Papst Benedikt XVI, dem viele nicht abnehmen wollen, dass er von der Holocaust-Leugnung des Mitglieds der Pius-Bruderschaft keine Kenntnis hatte. Beide Päpste sind in Handeln und Wirken nicht zu vergleichen; beiden aber werfen auch viele katholische Theologen vor, versucht zu haben und zu versuchen, die Einheit der katholischen Kirche ohne Rücksicht auf Verluste mit allen Mitteln hochzuhalten und zu bewahren.

Hochhuth geht mit dem Heiligen Stuhl hart ins Gericht

So führt die heutige Debatte unversehens zurück zu Pius und Hochhuth. Kein Wunder, dass der heute 77jährige Schriftsteller sogleich befragt worden ist zu den aktuellen Vorgängen. Im Interview des Berliner „Tagesspiegel“ kam sein Urteil kurz und knapp: Für die Rücknahme der Exkommunizierung von Williamson gebe es „gar keine Entschuldigung“. Aber: „Der Vatikan war immer judenfeindlich“.

Eine Plädoyer gegen Indifferenz

Hochhuths „Stellvertreter“ von damals, ein sehr weitläufiges Stück, das eigentlich erst durch Piscators agitative Straffung – schließlich war er ein Meisters des politischen Dramas – seine Schärfe und Brisanz gewann, machte die Schweigsamkeit von Pius XII gegenüber der Judenvernichtung im Dritten Reich zum Gegenstand der Anklage. „Durfte der Papst schweigen?“ war die durchgehende Frage in diesem „Christlichen Trauerspiel in fünf Akten“. Die Frage beantwortete Hochhuth mit einem klaren Nein. Hochhuth geht in diesem Stück davon aus, dass sich der einzelne Mensch jederzeit frei entscheiden kann und muß, auch wenn er „bewahrender“ Repräsentant (Stellvertreter) einer Organisation – wie der Kirche - ist. Das christliche Drama „Der Stellvertreter“ ist so ein zeitloses Plädoyer gegen Indifferenz.

Camus und die Verteidiger des Geistes

Der Heilige Stuhl, wird häufig kritisiert, halte sich für unfehlbar. Vor diesem Hintergrund kommt es nicht von ungefähr, dass der ersten Ausgabe des „Stellvertreter“ aus 1963, erschienen bei Rowohlt, ein Nachwort beigefügt ist, eine kurze Sentenz von Albert Camus: „Wer sind wir eigentlich, dass wir es wagen, die höchste geistliche Autorität des Jahrhunderts zu kritisieren? – Eben nichts als einfache Verteidiger des Geistes, die jedoch an die, deren Mission es sein sollte, den Geist zu vertreten, ein unbegrenzte Forderung stellen“.

Ehrenrettung für Papst Pius XII

„Papst in gottloser Zeit“ heißt eine Ausstellung, die noch bis zum 7. März 2009 im Schloß Charlottenburg gezeigt wird. Sie beschäftigt sich mit Pius XII. Mit dieser Ausstellung, die zum 50. Todestag dieses Papstes vergangenes Jahr in Rom eröffnet worden war, versucht das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaften eine Ehrenrettung. Es kommt offenbar derzeit vieles nicht von ungefähr.

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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