
- Cover Die Bücherdiebin - cbt Verlag
Liesel Meminger ist die Bücherdiebin. Warum aber stielt ein kleines Mädchen, das anfangs gar nicht und auch später nicht gut lesen kann, Bücher? Für Liesel ist das Bücherstehlen ein Akt der Flucht und später ein Akt der Freiheit, der Selbstbestimmung. Ihr erstes Buch stielt sie bei der Beerdigung ihres Bruders, der auf dem Weg zu den neuen Pflegeeltern stirbt. Dort bei Hans und Rosa Hubermann kommt also Liesel allein an und muss sich mit einem völlig neuen Leben vertraut machen. Rosa, die sie Mama nennen soll, wird als echte Xanthippe gezeichnet. Ihr Wort für Liesel, aber auch für ihren Mann und alle anderen zu denen sie etwas zu sagen hat ist „Saumensch“. Trotzdem lebt Liesel sich ein, erlebt ein echtes Vertrauensverhältnis zu „Papa“ Hans Hubermann und findet in Rudi, dem Nachbarsjungen einen Freund.
Die Erzählperspektive in Die Bücherdiebin
Liesels Geschichte wird vom Tod erzählt. Eine Perspektive, die anfangs durchaus gewöhnungsbedürftig ist. Der Tod hat Liesel beim Tod ihres Bruders kennen gelernt und in Zeiten des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkriegs ergeben sich immer wieder Möglichkeiten, sie wiederzusehen. Der Tod ist eigentlich gehalten, seine Arbeit emotionslos zu tun, die Seelen aufzunehmen, wenn der Körper stirbt und sie auf den Weg zu bringen. Nicht immer gelingt ihm das in dieser schwierigen Zeit und es gelingt ihm gar nicht bei allen Dingen, die Liesel betreffen.
Die Emotionen, die ihn bewegen, wenn er seiner Arbeit nachgeht beschreibt der Tod mit Farben. So erlebt er den Tod von Liesels kleinem Bruder als weiß: „Das erste Mal war es weiß. Gleißend. (...) Ja, es war weiß. Es war so, als ob der ganze Erdball in Schnee gekleidet wäre. Als ob er ihn angelegt hätte, so wie man einen Pullover anzieht.“
Der Tod hat keine Möglichkeit ins Geschehen einzugreifen. So ist er ein allwissender, aber doch betroffener Erzähler.
Max, der jüdische Faustkämpfer und die Bücherdiebein
Papa Hans Hubermann hat seine eigene Geschichte, die ihn zum konsequenten Antinazi macht. So kommt es, dass Familie Hubermann eines Tages den jüdischen Faustkämpfer Max im Keller versteckt. Ohne die Gefahr für das eigene Leben zu hinterfragen, bewältigt die kleine Familie diese Herausforderung inklusive der xanthippischen Mutter Rosa. Lisa findet langsam Zugang zu Max und bekommt von ihm, auf den weiß gestrichenen Seiten von „Mein Kampf“, ein Bilderbuch über Max und seine Zuflucht bei den Hubermanns.
Welch grandioses Bild gelingt dem deutschstämmigen Australier Zusak mit dieser weiß gestrichenen braunen Bibel der Nationalsozialisten! Alle Bücher, die die Bücherdiebin stiehlt, stehen für die Unantastbarkeit innerer Welten, für Selbstbestimmung in einer fast komplett fremdbestimmten Welt. Max´ Buch bildet hier den Höhepunkt, weil er diese eigene, innere Welt für Liesel schafft, sie ihr schenkt. Er dankt ihr damit für die Unabhängigkeit, die Liesel und den Hubermanns ihr mutiges Tun ermöglichen.
Die Bücherdiebin – ein Jugendbuch?
Die Bücherdiebin hat den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen. Als erwachsener Leser fragt man sich schon manchmal, ob die tragische Geschichte, aus Sicht des Todes erzählt, Kinder, Jugendliche nicht überfordert. Allerdings ist Die Bücherdiebin, trotz des Todes als Erzähler, so konsequent und kenntnisreich aus der Sicht Liesels geschrieben, dass man sicherlich von einer Identifikation der jugendlichen Leser mit Liesel ausgehen kann. Dabei wird das Alltagsleben vor und während des Zweiten Weltkriegs, mit all seinen Ängsten und Zwängen hautnah erlebbar gemacht. Insofern ist Die Bücherdiebin auch für die Schullektüre zum Themenkreis Nationalsozialismus großartiger Lesestoff.
Markus Zusak: Die Bücherdiebin. Cbt Verlag, 2008. Taschenbuch, 586 Seiten, Euro 9,95
