
- Arno Geiger über Alzheimer und Demenz - Piper Verlag
"Altersheimer-Krankheit" – diese Verballhornung einer verbreiteten und angstbesetzten Krankheit des Alters legte die deutsch-amerikanische Autorin Irene Dische dem Helden ihre Erzählung "Der Doktor braucht ein Heim" in den Mund. Die realistische Umschreibung eines für die Betroffenen und ihre Angehörigen qualvollen Zustands des langsamen Identitätsverfalls eines Menschen berührt den Leser ganz besonders, weil Irene Dische die Geschichte in der Ich-Form aus der Perspektive des alten Mannes erzählt.
Irene Dische: Dementer Nobelpreisträger braucht ein Altersheim
Dieser Doktor ist ein berühmter Mann, der in besseren Tagen für seine chemischen Forschungen den Nobelpreis bekommen hat. Nun, mit über 90 Jahren, geht er gelegentlich in sein altes Büro in der Universität und reagiert erstaunt und zunehmend aggressiv auf die mehr oder weniger mitleidige Aufforderung jüngerer Mitarbeiter und des Sicherheitsdienstes, er solle lieber nach Hause gehen. Es gelingt Irene Dische, die wachsende Verzweiflung, den Trotz und die fatal lückenhafte Erinnerung des dementen alten Mannes glaubwürdig und authentisch aus der Innenperspektive und Gedankenwelt darzustellen. Dische weckt auf diese Art mehr Verständnis für die Problematik dieser Erkrankung, als ein noch so informatives Sachbuch leisten könnte.
Martin Suter: Die "Small World" eines Lebens mit Alzheimer
Martin Suters Roman "Small World", eines der ersten deutschsprachigen literarischen Werke mit einem dementen Helden, wurde mittlerweile mit Gérard Dépardieu in der Hauptrolle verfilmt; allerdings ist das Buch um Längen besser als der auf Spannung setzende Kinohit. Der im Jahr 2000 erschienene Roman kann mit Fug und Recht als stärkster Roman des Schweizer Bestseller-Autors Martin Suter bezeichnet werden.
Annette Pehnt: Liebesgeschichte im Pflegeheim für Demenzkranke
Ebenso eindrucksvoll wie Irene Dische nahm Annette Pehnt sich des Themas an: Ihre Geschichte spielt im "Haus der Schildkröten", einem Altersheim. Die Idee hat Charme: Sohn und Tochter zweier dementer Heimbewohner, beide nicht mehr ganz jung, nicht besonders beziehungsfähige, jedoch einsame Singles, lernen sich auf dem Parkplatz kennen, weil sie immer dienstags Vater und Mutter besuchen. Es funkt zwischen ihnen, und die Liebesgeschichte hat schließlich auch Rückwirkung auf das Verhältnis zu den Eltern. Einfühlsam, sehr nah an den Charakteren, nicht ohne Situationskomik, aber auch schonungslos erzählt AnnettePehnt diese Begebenheit.
Alice Munro: Liebesbeziehung trotz Alzheimer
Eine der ergreifendsten Geschichten der 77-jährigen Man-Booker-Preisträgerin 2009 ist die Geschichte „Der Bär kletterte über den Berg“, die mittlerweile unter dem Titel "An ihrer Seite" mit Julie Christie verfilmt wurde. Darin geht es um eine Dreiecksbeziehung zwischen Paaren, deren einer Partner behindert ist beziehungsweise Alzheimer hat. Die Autorin hat ihre fast 100 Seiten lange Roman-Erzählung fein gesponnen, äußerst realitätsnah, fast brutal direkt, und doch mit zärtlichen Zügen. Verlauf und Schluss lassen kaum noch Illusionen über die Situation alternder Menschen zu, eröffnen aber eine kleine, hübsche Gartentür der Hoffnung, kein großes Himmelstor, aber es reicht für den Glücksschimmer, mit dem Leser nun mal gern die Buchdeckel schließen.
Arno Geiger: Humor ist, wenn man trotz Alzheimer lachen kann
Das jüngste literarische Werk zum Thema Alzheimer erschien 2011 mit Arno Geigers Roman "Der alte König in seinem Exil", nominiert für den Leipziger Buchpreis, jedoch nicht prämiert. Es geht um die Krankheit und die veränderte Beziehung des Sohnes zu seinem Vater, dessen Verstand sich langsam umnachtet. Arno Geiger hat diesen allmählichen Prozess des geistigen Verschwindens und körperlichen Verfalls in eine fiktionale Geschichte verpackt, deren Humor und Optimismus viele Leser überrascht hat.
Tilman Jens über Demenz und "Vatermord"
Arno Geigers vielgelobte Geschichte steht im Gegensatz zu dem umstrittenen Erinnerungsbuch von Tilman Jens. Dessen Abschied von seinem berühmten Vater, dem Tübinger Rhetorikprofessor, Literaturhistoriker und Schriftsteller Walter Jens, haben ihm viele Menschen übel genommen und ihm vorgeworfen, er wolle seinen Vater durch die detailgenaue Schilderung des Verfallsprozesses bloßstellen. Tilman Jens wehrte sich mit einem weiteren Buch gegen den Verdacht des "Vatermords".
Aktive Sterbehilfe bei Alzheimer? Peer Juhnke sagt nein
Anlässlich des Freitodes von Gunter Sachs, der sich aus Angst vor Kontrollverlust und abnehmendem Intellekt durch die "ausweglose Krankheit A" (Abschiedsbrief) erschossen hat, trat Tilman Jens in der Fernsehsendung "hart aber fair" als Kontrahent von Peer Juhnke, Sohn des an Alzheimer erkrankten und 2005 verstorbenen beliebten Volksschauspielers und Entertainers Harald Juhnke, auf. Im Gegensatz zu Sohn Jens lehnte Sohn Juhnke in der Talk-Show die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe kategorisch ab, obwohl seine Äußerungen über die Belastungen des Kranken und seiner Umgebung deutlich pessimistischer ausfielen.
Die Memoiren der Bestsellerautorin Inge Jens
Auch die Schriftstellerin Inge Jens, Bestsellerautorin von Biografien über "Frau Thomas Mann" und Katia Manns Mutter Hedwig Pringsheim, schrieb ein Memoiren-Buch. In den "Unvollständigen Erinnerungen" beschreibt sie ihr Leben und berichtet auch sehr offen über die Demenz ihres Mannes Walter Jens. Ihr poetisch formuliertes Fazit "Ich sehe seinem Entschwinden zu" und ihre Schilderungen wurden aber im Gegensatz zu dem Buch des Sohnes Tilman Jens in der Öffentlichkeit respektvoll aufgenommen und gelten Menschen, die selbst demenzkranke Angehörige haben, als Ermutigung.
Irene Dische: Der Doktor braucht ein Heim. Erzählung. Übersetzt von Reinhard Kaiser. Hoffmann und Campe 2007. Gebunden. 45 Seiten. 10,00 Euro. Als dtv-Taschenbuch 6,90 Euro. Als Hörbuch gelesen von Martin Wuttke. Audio-CD. 12,00 Euro
Martin Suter: Small World. Roman. Diogenes Taschenbuch 2000. 336 Seiten. 9,90 Euro. Als Hörbuch vorgelesen von Dietmar Muess. Diogenes Audio-CD 2008. 390 Minuten. 12,99 Euro
Annette Pehnt: Haus der Schildkröten. Roman. Piper Verlag 2006. Gebunden. 183 Seiten. 16,90 Euro. Als Piper Taschenbuch 2008. 8,95 Euro
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Roman. Carl Hanser Verlag 2011. Gebunden. 192 Seiten. 17,90 Euro. Als Hörbuch vorgelesen von Matthias Brandt. Hörbuch Hamburg. 4 Audio-CDs. 255 Minuten. 19,95 Euro
Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen. Rowohlt Verlag 2009. Gebunden. 317 Seiten. 19,90 Euro. Als rororo-Taschenbuch 2010. 9,95 Euro
Tilman Jens: Demenz. Abschied von meinem Vater. Gütersloher Verlagshaus 2009. Gebunden. 144 Seiten. 17,90 Euro. Als Goldmann-Taschenbuch 2010. 8,95 Euro. Als Hörbuch vorgelesen von Tilman Jens. Gütersloher Verlagshaus 2009. 3 Audio-CDs. 200 Minuten. 19,95 Euro. Als MP3-Download 2010. Random House Audio. Gekürzte Lesung. 13,95 Euro.
Tilman Jens: Vatermord. Wider einen Generalverdacht. Gütersloher Verlagsanstalt 2010. Gebunden. 192 Seiten. 17,95 Euro. Als epub-E-Book 2010. 13,99 Euro
