
- Konsum und Romantik - Karin Jung - Pixelio
„Er ist ein Romantiker und verwöhnt seine Liebste, wo es nur geht.“ Das kommt unserer Vorstellung eines romantischen Ehemannes schon sehr nahe. Doch der Begriff „Romantik“ selbst stammt aus einer ganz anderen Tradition und hat viele Wandlungen durchlaufen. Im Mittelalter war die Wissenschaftssprache Europas das Lateinische, kein ernst zu nehmender Autor, der verstanden werden wollte, versuchte sich in seiner Landessprache.
Mit der anbrechenden Neuzeit und dem Aufkommen des erschwinglicheren Buchdrucks setzten sich dann allmählich auch Veröffentlichungen durch, die trivialerer Art und vor allem in romanischer Sprache verfasst waren - Romane eben. Diese neue Art der Literatur verbreitete sich schnell und nachhaltig, bis sie zum Symbol einer ganzen Epoche wurden. Die Romantik brach an und wurde zu einer eigenen Geisteshaltung stilisiert: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, romantisiere ich es“, beschrieb sie Novalis.
Das Licht der Aufklärung und der Schleier der Romantik
Den Kern der Romantik bildet also die Verzauberung, die Entrationalisierung des Alltäglichen. Sie bedient damit eine Sehnsucht, welche vor dem Hintergrund einer immer schneller ablaufenden Industrialisierung und damit einhergehenden Rationalisierung zu betrachten ist, die den Menschen enttäuschen muss und es noch heute tut. Romantik stemmt sich dieser hereinbrechenden Verendlichung der Welt entgegen. Sie tritt mit der Moderne auf als Tochter der Aufklärung. Romantik verklärte, führte ins Dunkel der Nacht und der Bergwerke. Ihre Schlagworte sind das Schaudern, die Spontanität, Ewigkeit, das Unendliche, das Heilige, das Dunkel, das Genie und die Unbegreiflichkeit.
Warum nun dieser Exkurs in die Kulturgeschichte einer vergangenen Epoche und was hat dieses romantische Denkmodell noch zu tun mit unserem heutigen Begriff von Romantik? Was für uns heute Romantik ausmacht, kommt wohl eher den Romanen als jener Geisteshaltung gleich. Aber es bleibt auch noch einiges von der ursprünglichen Denkstruktur übrig. Romantische Liebe im klassischen Sinne gilt als etwas Irrationales, Unendliches und Unbändiges. Die Utopie der romantischen Liebe bildet die bedingungslose Vereinigung, welche allen Widerständen und Anforderungen des Alltags trotzt.
Doch wie hat man sich das konkret vorzustellen, dieses romantische Gefühl? Zwecks einer Studie befragte die israelischen Soziologin Eva Illouz hunderte Menschen verschiedenster sozialer Herkunft, wie sie sich Romantik vorstellen würden. Beispielhaft kann eine Antwort herangezogen werden, die meist nur leicht variiert von nahezu allen Befragten wiedergegeben wurde: „Sich fein rauszuputzen ist romantisch, und auszugehen und schöne Dinge zu tun und dann auch eine gewisse private Zeit zu verbringen und auch Dinge zu tun, die sich irgendwie von dem gewöhnlichem Kram unterscheiden.“
Romantisch ist, was der Alltag nicht bietet
Romantische Stimmung scheint sich besonders leicht durch gewisse Hilfsmittel erzeugen zu lassen – denken sie nun nichts Falsches – gemeint sind zum Beispiel Kerzenschein, teures Essen, schicke Kleider und exklusive Orte, wie ein gehobenes Restaurant. Romantisch wird all das, weil es so wenig mit unserem Alltag zu tun hat. Je eher uns etwas aus der profanen Welt des Arbeits- und Alltagslebens heraus holt, je stärker kann es romantisieren. Nichts ist unromantischer als ein Workaholic am Telefon.
Romantik findet deswegen vornehmlich an den Randzonen des durchrationalisierten Arbeitstages statt: Am Abend, im Urlaub und vor allen Dingen im ganz Privaten. Zu beachten ist in jedem Fall: Romantik darf keine Abwägung von Kosten und Nutzen sein. Im Gegenteil, es wird erst dann wirklich romantisch, wenn solche Fragen nicht mehr kümmern. Preisabwägungen sind zu profan und deshalb der totale Liebestöter. „Sie hat keine Kosten und Mühen gescheut, ihn für sich zu gewinnen“ - das ist romantisch wie auch der Luxus allgemein.
Die Verschwendung ist etwas höchst Irrationales und wohl deshalb die beste Demonstration der romantischen Zuneigung. Hier zeigt sich auch der Restbestand jener romantischen Utopie: Die Romanze durchbricht das berechnende Alltagsdenken und schafft sich ihren eigenen, wenn auch zeitlich begrenzten Raum, in dem alles erlaubt scheint - auch die Liebste mit eigentlich viel zu teuren Rosen zu überschütten, ganz ohne Zweck und Nutzen. Das ist romantisch.
Luxus ist romantisch, Geldverschwendung sexy
Die Sache hat nun natürlich einen Haken. All jene Requisiten und Rituale zur Erzeugung romantischer Gefühle sind auf die denkbar schwerwiegendste Weise mit der rationalen Alltagswelt verbunden: Sie alle kosten Geld. Es gibt einen großen Markt für all das, was wir heute für die Erzeugung romantischer Gefühle heranziehen. Somit entstand einerseits eine Nachfrage, die der Markt bedient. Andererseits prägen die resultierenden Angebote mit ihrer entsprechenden Werbung jedoch gesellschaftsübergreifend auch die Vorstellung dessen, was als besonders romantisch gilt.
Oder glauben Sie, Hochzeitsreisen seien vor 50 Jahren schon besonders populär gewesen? Deshalb ist unsere Romantik keine Utopie der Verzauberung und auch vom Ausbruch aus der Alltagswelt kann nicht mehr gesprochen werden, höchstens von gebuchtem Urlaub. Der aber kostet bares Geld und will erst einmal erarbeitet sein. Der zeitgemäße Romantiker durchbricht also nicht mehr die rationale Welt des Marktes, des Kaufens und sich Verkaufens. Er ist stärker denn je in sie eingebunden. Das Nachsehen hat wie überall, wem die Ressourcen dafür abgehen. Nichts ist weniger sexy als Armut.
Als Lektüre verwandt und empfohlen
- Illouz, Eva: Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus. Frankfurt/Main 2003.
- Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs: Bd.2, Das philosophisch-theoretische Werk, München, 2002
