Es ist nicht leicht für einen Theaterregisseur, sich etwas Neues einfallen zu lassen für ein Drama, das seit seiner Uraufführung im Jahr 1597 so oft gespielt wurde wie kaum ein anderes Bühnenstück der Weltliteratur. Um so höher ist die Leistung von Tilman Gersch anzusiedeln, der am Staatstheater Wiesbaden eine fulminante Inszenierung von Shakespeares "Romeo und Julia" ablieferte und sich damit seit seiner "Wie es euch gefällt"-Arbeit vor zwei Jahren an Subtilität steigerte.

Tilman Gersch widersteht konservativer Erwartungshaltung

Gersch, geboren 1964 in Berlin, ist seit 2007 fester Regisseur in Wiesbaden und Mitglied der Schauspielleitung. Er ist ungeheuer fleißig, inszeniert auch in Dresden, Leipzig, Göttingen und Schwerin, behält auf diese Weise gesunde Distanz zum Erwartungsdruck des eher konservativ-biederen Wiesbadener Publikums.

Verona liegt im tiefsten Schnee und Eis

Die Einstudierung geriet frisch und peppig - wenn es nicht ein so trauriger Stoff wäre, könnte man sagen: fröhlich. Wesentlichen Anteil am Gelingen hatte dabei Bühnen- und Kostümbildnerin Miriam Grimm. Sie realisierte die inszenatorische Grundidee: Kälte. Statt im lieblichen italienischen Ambiente von Verona ließ Gersch die jungen Liebenden, fast noch Kinder, nämlich in tiefstem Eis und Schnee zueinander finden. In der Staffel der ersten drei Schauspielpremieren nach der Sommerpause zeigte das Ensemble sich seines oberen Ranges in der hessischen Theaterlandschaft absolut würdig, obwohl oder gerade - da rümpfte eine kritische Shakespeareliebhaberin deutlich die Nase - weil hier der Schauplatz Verona eher wie ein verkleidetes Sankt Moritz wirkte. Den üblichen Liebes-Balkon vermisste diese Dame vermutlich, und das zum Bonmot verkommene "Es war die Nachtigall, nicht die Lerche" klang allzu herzenssüß sehnsüchtig leidend. Es wurde der persönlichen Befindlichkeit der Zuschauer überlassen, darauf mit echter Ergriffenheit oder mit ironischem Verständnis zu reagieren.

Alte Familienfehde Capulet gegen Montague

Die Kälte des Schauplatzes symbolisiert natürlich die emotionale Unterkühltheit der seit Generationen hasserfüllten Feindschaft zwischen den Familien Capulet und Montague, deren autokratische Stammesväter erst am Grab der im Tode vereinten Kinder Frieden schließen können. Es gelang Miriam Grimm mit einfachen und witzigen Ideen, auch das distanzierte Verhältnis zwischen Eltern und pubertierenden Kindern zu visualisieren. So wohnt Julia beispielsweise hinter einer knallroten Kühlschranktür - wohlgemerkt handelt es sich um ein bei heutigen Retro-Designern wieder begehrtes Uralt-Eisschrankmodell aus den 50er Jahren.

Tolles Bühnenbild, tolle Kostüme von Miriam Grimm

Das arktische Szenario ermöglicht aber mehr als ein bisschen symbolisches Trara. Allein die Kostümierung der Schauspieler gibt der Inszenierung eine perlend erfrischende Note: Sie präsentieren sich in Moonboots, Anoraks, Fellmützen, Bruder Lorenzo (Jörg Zirnstein) statt in der Kutte im bodenlangen Fellmantel. Darunter tragen die Damen glänzende, tief dekolletierte Ballkleider oder hautenge Leggings, die Männer cowboyhafte Outdoorklamotten oder wie Graf Paris (Florian Thunemann) goldglitzernde Disco-Hosen, die Väter Businessanzüge. Julia, von der knabenhaft hübschen Friederike Ott hinreißend gespielt, erlebt ihr Ende in blütenweißem Hemd und Slip, mit dem noch ganz kindlich wirkenden Romeo (Michael von Burg) im Eis der Familiengruft in skulpturhafter Pose in ewiger Kälte erstarrt.

Übersetzung von Thomas Brasch

Die derbsprachliche Übersetzung von Thomas Brasch stammt aus dem Jahr 1990. Zu diesem Zeitpunkt hatte der durch Stücke wie "Lovely Rita" oder "Rotter", vor allem durch seinen Prosa-Bestseller "Vor den Vätern sterben die Söhne" anerkannte Schriftsteller und Dramaturg bereits einen Namen als Übersetzer englischer und russischer Dramen. "Romeo und Julia" war seine fünfte Shakespeare-Übertragung. Besonders die Szenen mit den jugendlichen Haudegen-Freunden Mercutio, Benvolio und Romeo und die tödlich endende Auseinandersetzung mit Julias Cousin Tybalt gewinnen in dem aktualisierten Text an Schärfe, Witz und Tempo.

Action und Speed - alles auf Tempo hochgetunt

Überhaupt das Tempo: "Speed auf allen Ebenen" erklärt das Programmheft dem Publikum den zweiten großen Gestaltungsaspekt der Wiesbadener. Es stimmt, alle Entscheidungen, Umbrüche, katastrophenträchtigen Ereignisse, Wandlungen passieren in derart rasanter Geschwindigkeit, dass für logische Schlussfolgerungen aus der Alltagswelt des realen Zuschauers keine Atempause übrig bleibt. Kaum sehen sich die Jugendlichen, sind sie schon in größter, unverbrüchlicher Liebe entbrannt. Kaum hat Romeo Tybalt in Notwehr getötet, ist er auch schon aus der Gemeinschaft verbannt. Kaum hat Julia sich geweigert, Graf Paris zu heiraten, wurde sie auch schon vom Vater verstoßen. Kaum ist Freund Mercutio tot, wendet sich die tolldreiste Jugendtruppe neuen Herausforderungen zu, keine Zeit für Trauer.

Comedia dell'Arte lässt grüßen

Diese Beschleunigung auf allen Ebenen macht einen großen Reiz des neu gewandeten und dadurch verfremdeten alten Tragödenstoffes aus. Man wird mitgerissen in den heiß-kalten Strudel der Ereignisse, angeheitert durch musikalische Einlagen, von Fred Kerkmann arrangiert à la Comedia dell'Arte, also doch Capriccio ialien. Beschwingt, fast beschwipst verlässt man das Hessische Staatstheater. Ein gelungener Abend!