
- Das Königreich Romkerhall - Thomas Sedlmeyr
Früher eine wichtige Bergbauregion, gehört der Harz seit Ende des 19. Jahrhunderts zu den beliebtesten Ausflugszielen in Deutschland. Neben zahlreichen Wanderrouten und Kurorten locken Höhlen, Bäder und Besucherbergwerke Touristen aus nah und fern in das Mittelgebirge. Zwischen Oker und Altenau, unweit der Kreisstadt Goslar, befindet sich eine weitere Attraktion der Region: Das circa 6.000 Quadratmeter umfassende Königreich Romkerhall.
Das Königreich Romkerhall im Okertal
Man schreibt das Jahr 2010. Ganz Deutschland ist eine Demokratie. Ganz Deutschland? Nein – mitten in den grünen Bergen des Harzes proklamiert ein kleines Jagdschloss die Monarchie für sich. Wer jetzt seine Geschichtskenntnisse infrage stellt, kann beruhigt sein: Natürlich unterstehen die Bewohner von Romkerhall dem deutschen Gesetz, werden von denselben Institutionen geleitet und besitzen die gleichen Pässe wie jeder andere deutsche Staatsbürger auch. Alles also nur ein Werbegag? Ja und nein. Tatsächlich nimmt das Anwesen an der B 498 seit dem 19. Jahrhundert einen Sonderstatus ein.
Die Geschichte von Romkerhall
Im Jahre 1862 trat Romkerhall erstmals aus dem Schatten der Geschichte: König Georg V. von Hannover (1819-1878), seines Zeichens auch Herzog von Cumberland und Teviotdale, Earl von Armagh sowie Träger des ehrwürdigen Hosenbandordens, errichtete hier seinen Jagdsitz. Und obschon der Welfe seit seiner Jugend blind war, ließ er direkt vor dem Schlösschen einen künstlichen Wasserfall anlegen: Ein Teil der Romke wurde kurzerhand umgeleitet und stürzt seitdem vom Felsen über dem Jagdsitz herab. Mit 64 Metern Fallhöhe ist der Romkerhaller Wasserfall der größte seiner Art im Harz.
Der König legte jedoch nicht nur die ästhetischen, sondern auch die politischen Voraussetzungen für den majestätischen Touch des heutigen Ausflugsziels: Georg erklärte das Gebiet für gemeindefrei und unterstellte es direkt der Krone von Hannover. Das herrschaftliche Kleinod schenkte er seiner Gemahlin Marie, einer Prinzessin des sächsischen Königshauses. Was nun geschah, zählt zu den kuriosen Zufällen der Historie. Man könnte es auch schlicht als Schlamperei bezeichnen – jedenfalls wurde Romkerhall nach dem Ende der Monarchie 1918 vergessen. Weder 1918 noch 1945 noch im Zuge der Gebietsreform im Harz 1972 wurde der Ort einer Gemeinde zugeteilt. Romkerhall blieb somit gemeindefrei.
Romkerhall – das Königreich wird geboren
Ein Umstand, der sicherlich für wenig Aufsehen gesorgt hätte, wären nicht einige findige Köpfe 1988 auf diese Lücke gestoßen. Sie ergriffen die Gelegenheit beim Schopfe und riefen das kleinste Königreich der Welt aus. Prinzessin Erina von Sachsen wurde zur Monarchin gekürt, der "Königsthaler" als Zahlungsmittel eingeführt (Euro werden allerdings gerne akzeptiert) und ein „Königlicher Orden der Ritter zu Romkerhall“ ins Leben gerufen. Seit Erina ihre Regierungsgeschäfte altersbedingt niederlegen musste und im Jahre 2010 starb, ist der Thron allerdings vakant.
Wie in einer echten Monarchie üblich, kam es daraufhin zu Erbstreitigkeiten zwischen dem Ritterorden und ehemaligen Statthalter Baron Lechner. Aufseiten des Ordens steht der Reiseveranstalter Moneypenny Tours, der im November 2009 Management und Vermarktung übernahm und dem wirtschaftlich arg mitgenommenen Königsreich zu neuer Blüte verhelfen will. Er befindet sich wiederum im Rechtsstreit mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation „Exilregierung Deutschland“, die ehemalige Wirtschaftsgebäude jenseits der Bundesstraße von Baron Lechner erworben hat und das Königreich nun dort verorten will.
In diesen schwierigen Zeiten wird Romkerhall von der Ordensvorsitzenden und designierten Nachfolgerin Fürstin Susanne vertreten. Und um an dieser Stelle einmal die Katze aus dem Sack zu lassen – verwaltungsrechtlich liegen die Dinge eh klar: Gemeindefrei hin oder her, gehört Romkerhall offiziell zum Landkreis Goslar.
Urlaub im Königreich Romkerhall - Events und Ausflugsziele
Momentan wird das Jagdschloss noch renoviert. Die Gastronomie lockt aber bereits mit kleinen Spezereien und einem bestechenden Blick auf den Romkerhaller Wasserfall. Ein weiteres Schmankerl: Die neben dem Wasserfall geparkte königliche Staatskarosse. Wer für zehn Euro ein Einreisevisum erwirbt, der darf in der über zehn Meter langen Rolls Royce Stretchlimousine einen alkoholfreien Cocktail genießen. Die Einnahmen kommen den Renovierungsarbeiten zugute. Das Königreich Romkerhall ist jedoch nicht nur einen kurzen Halt wert, sondern hat auch für längere Aufenthalte so einiges zu bieten: So kann man in den 25 Gästezimmern des Schlosshotels recht preiswert nächtigen. Und wer es etwas exklusiver will, dem stehen auf Anfrage auch das Prinzesschen-Zimmer und das königliche Schlafgemach zur Verfügung.
Des Weiteren können sich Paare im Königssaal trauen lassen sowie Ritteressen und Ausflugsfahrten in der Staatskarosse gebucht werden. Regelmäßige Kulturveranstaltungen, Wellnesskurse und dergleichen mehr ergänzen das breite Angebot. Romkerhall ist zudem ein idealer Ausgangspunkt für verschiedene Reiseziele im Harz: Dazu gehören der Okerstausee, die Kaiserstadt Goslar, die sehenswerten Tropfsteinhöhlen Baumannshöhle und Hermannshöhle in Rübeland sowie das Torfhaus nahe Altenau, von dem aus man den Brocken besteigen kann.
