Editor's Choice

"Rosie's Diner" – die Imbissbude, die eine TV-Berühmtheit war

Typisch: innen und außen mit Edelstahl verkleidet - Cornelia Schaible
Typisch: innen und außen mit Edelstahl verkleidet - Cornelia Schaible
„Der berühmteste Diner der Welt", so die Eigenwerbung, diente viele Jahre lang als Kulisse für Küchenpapierreklame. Heute steht das Restaurant in Michigan.

Käme jemand zufällig hier vorbei, würde er sich bestimmt über die drei alten Diner wundern, die da meilenweit entfernt von der nächsten Ortschaft am Straßenrand stehen. Nichts deutet darauf hin, wie es zu dieser Anhäufung von Imbissbuden im charakteristischen Airstream-Look kam. Dieser Restauranttyp, der wie kein anderer als typisch amerikanisch gilt, ist zudem eher an der Ostküste der USA beheimatet als im Mittleren Westen. Aber man verirrt sich nicht einfach so in die ländliche Gegend nördlich von Grand Rapids. Wer die U.S. Road 131 über den Exit 101 in Richtung Greenville verlässt, um kurze Zeit später bei „Rosie’s Diner“ auf den riesigen Parkplatz zu fahren, hat den Ausflug sicher geplant.

Weltberühmt vielleicht nicht, aber ein US-Star: Rosie’s Diner

In den USA gibt es viele angeblich weltberühmte Dinge, von denen die Welt nichts weiß. Das gilt sicher auch für „Rosie’s Diner“, dessen überschätzter Bekanntheitsgrad – laut Website „The most famous diner in the world“ – auf den landesüblichen Hang zur Unbescheidenheit zurückgeht. Aber eine US-Berühmtheit ist er allemal. Der Beweis? Als „Rosie’s“ vor gut zwei Jahrzehnten den Besitzer wechselte und von New Jersey nach Michigan zog, berichtete die „New York Times“ darüber.

Das geschah aus gutem Grund, denn der Diner war viele Jahre lang im Fernsehen. Dass die Imbissbude einmal ein TV-Star war, kann man sich allerdings heute kaum mehr vorstellen – im grellen Mittagslicht besitzt „Rosie’s Diner“ eher die Ausstrahlung einer alten Edelstahlspüle. Dem Mobiliar sieht man ebenfalls die jahrzehntelangen Strapazen an; die roten Plastiküberzüge der Sitzbänke sind teilweise zerschlissen. Aber abends, wenn die Neonleuchten angehen, kommt wieder eine Ahnung des einstigen Glamours zurück.

Ein Diner im eigentlichen Sinne ist ein kompaktes Restaurant von länglichem Zuschnitt in Fertigbauweise, das direkt vom Hersteller zum Standort transportiert werden kann. Eine lange Verkaufstheke und ein Grill sind Teil der Dinereinrichtung. Diese einfache Form der Gastronomie, die ursprünglich auf mobile Imbisswagen zurückgeht, hat in der Konsumkultur der USA einen wichtigen Platz. Nicht selten handelt es sich bei diesen Schnellgaststätten um architektonische Schmuckstücke: Aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren haben sich Diner mit Art-Déco-Elementen erhalten.

Diner – Schnellgaststätten und oft bauliche Schmuckstücke

Zur amerikanischen Ikone wurde die Imbissbude im Speisewagen-Look jedoch erst in den Vierzigern, als rostfreier Edelstahl als Innen- und Außenverkleidung in Mode kam. Das brachte das stromlinienförmige Design zusätzlich zur Geltung – passend zu den Straßenkreuzern mit viel Chrom und Heckflossen, in denen die Kunden angefahren kamen. Was heute ausgesprochen retro wirkt, galt damals als futuristisch und schick, und „Rosie’s Diner“ verkörpert das alles aufs Schönste.

Gebaut wurde der Diner im Jahr 1946 von der renommierten Paramount Dining Car Company. Der ursprüngliche Name war „Silver Dollar Diner“, in Anspielung auf das silbrig glänzende Äußere. Der Diner, der über vier Jahrzehnte lang an der U.S. Route 46 in Little Ferry im Bundesstaat New Jersey stand, wirkte offensichtlich schon immer wie der Prototyp eines Diners, sonst wäre nicht die Werbeindustrie auf ihn aufmerksam geworden.

Die Kellnerin Rosie, der Diner und Küchenpapierreklame

Die Imbissbude diente in zahlreichen Reklamefilmen als Hintergrund; am bekanntesten wurden allerdings die für Bounty Küchenpapier. Eine über Jahre laufende Serie von Werbespots zeigte die Schauspielerin Nancy Walker als resolute Kellnerin Rosie, die es immer mit besonders schusseligen Gästen zu tun hat. Wenn dann der Kaffee überschwappt, bringt die resolute Rosie mit der amerikanischen Version von Wisch-und-Weg alles schnell wieder ins Reine. Der Slogan „the quicker picker-upper“ – etwa: „der schnellere Aufsauger“ – ist bis heute aktuell und in den USA ein geflügeltes Wort. In den Siebzigern benannte Besitzer Ralph Carrado das berühmte Lokal offiziell in „Rosie’s Diner“ um.

Als Carrado 1990 in Ruhestand ging, suchte er nach einem Käufer für „Rosie’s“. Das Smithsonian Museum in Washington, dem er den „berühmtesten Diner Amerikas“ angeboten hatte, winkte ab: zu sperrig. Auch sonst wollte niemand anbeißen – bis eines Tages der Keramik-Künstler Jerry Berta vorbeikam. Er machte Rast bei „Rosie’s“, um den Diner nach längerer Zeit wieder einmal zu fotografieren. „Es muss Schicksal gewesen sein“, glaubt Berta der „New York Times“ zufolge.

„Rosie’s Diner“, Inspiration für einen Keramik-Künstler

Jerry Berta hat sich auf Miniatur-Diner spezialisiert, die er komplett mit Neonleuchten als amüsanten Nippes verkauft. Kein geringerer als „Rosie’s Diner“ hatte den Künstler, der auf Art Shows in ganz Amerika anzutreffen ist, zu seinem Werk inspiriert. Für 10.000 Dollar wechselte „Rosie’s“ den Besitzer. Ein paar Monate später wurde das Restaurant nach Rockford, Michigan, gekarrt – das sind über 1200 Kilometer. Berta besaß bereits einen Diner, ein Jerry O’Mahoney Dining Car von 1947, den er als Atelier und Galerie nutzte. Später kaufte Berta noch einen dritten Diner, und im Volksmund hieß der Komplex bald „Dinerland“.

Zunächst betrieb Jerry Berta den Diner selbst; später hatte „Rosie’s“ wechselnde Besitzer. Im Jahr 2006 kaufte Jonelle Woods das Dinerland, inklusive einer Minigolfanlage hinter den Imbissbuden. Heute nutzt sie außer „Rosie’s“ noch den Diner zur Rechten; er ist als Bar eingerichtet. Der dritte Diner dient saisonal als Eisbude.

Bei „Rosie’s“ gibt es klassisches Diner-Essen, von Omeletts und Spiegeleiern über Sandwiches bis zu Hamburgern in allerlei Variationen; außerdem steht Hausmannskost wie Nudeln mit Rindfleisch in dicker Sauce, Hackbraten oder Leber mit Zwiebeln auf dem Menü. Alte Familienrezepte, so Restaurant-Chefin Woods.

Und der Parkplatz? Ein Treffpunkt für Classic-Car-Fans

Allein wegen des Essens wird indessen niemand eine weite Anfahrt riskieren. Aber wer ohnehin an der Westküste Michigans entlangfährt und die Nacht etwa in Ludington verbringen möchte, um am nächsten Morgen mit der Fähre „SS Badger“ über den See zu fahren, könnte einen Imbiss bei „Rosie’s“ einplanen. Besonders empfehlenswert für Liebhaber alter Amischlitten: An lauen Sommerabenden ist der Diner oft Treffpunkt für Classic-Car-Clubs. Dann wirkt auch der Parkplatz nicht mehr zu groß.

Rosie's Diner, 4500 14 Mile Road Northeast, Rockford, Michigan 49341

Quellen und weiterführende Texte

Cornelia Schaible, Cornelia Schaible

Cornelia Schaible - Geboren 1963, verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in Marseille, studierte anschließend Germanistik sowie Allgemeine ...

rss