Rost – ein fulminanter Roman von Philipp Meyer

Roman von Phillipp Meyer - Klett-Cotta Verlag
Roman von Phillipp Meyer - Klett-Cotta Verlag
Eine ungleiche Freundschaft im White trash-Milieu und ein brillant erzähltes Epos und "Roadmovie" über die gescheiterte Rebellion einer enttäuschten Jugend.

Philipp Meyer wird weltweit bereits als Nachfolger von John Steinbeck, H. J. Salinger oder Jack Kerouac (The Los Angeles Times u. a.) gefeiert und gilt bereits jetzt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller seiner Generation. Und das nicht ohne Grund: Mit seinem neuen Roman „Rost“ liefert er uns ein sprachlich brillant erzähltes und mitreißendes Epos. Es ist die Geschichte einer ungleichen Freundschaft in einem zunehmend zerrissenen Amerika voller Kontraste: zwischen White-Trash-Trailerparks und Elite-Unis, umgeben von den „rostigen“ Überbleibseln einer ehemals florierenden Stahlindustrie und inmitten einer der schönsten Landschaften der USA. „Rost“ ist Gesellschaftsdrama, „Roadmovie“, Thriller und Jugendroman. Und es erzählt von Schuld und Sühne, von Flucht, Sehnsucht und Liebe und von der gescheiterten Rebellion einer enttäuschten amerikanischen Jugend.

Die Geschichte von zwei ungleichen Freunden

Isaac English und Billy Poe – zwei Freunde, die ungleicher nicht sein könnten: Isaac – klein und schmächtig, aus gutem Hause, hochintelligent und mit einem Uni-Stipendium in der Tasche, der nach dem Selbstmord seiner Mutter den tyrannischen Vater pflegen muss. Und dann Poe, ein 110 kg­ schweres, etwas einfach gestricktes Sport-Ass, arbeitslos und vorbestraft, der noch immer im Trailer seiner alkoholabhängigen Mutter wohnt und lieber auf Hasen schießt, als sich um seine berufliche Zukunft zu kümmern. Beide verbindet die gemeinsame Kindheit in einer heruntergekommenen ehemaligen Industrieregion im Herzen Pennsylvanias. Und sie haben die Nase voll von ihrem Leben in einer Stadt, in der nicht nur die alten Stahlwerke vor sich hin rosten. Isaac, einen Rucksack mit dem Nötigsten und mit einem Batzen gestohlenen Bargelds seines Vaters gepackt, überredet seinen Freund, mit ihm nach Kalifornien durchzubrennen. Doch sie kommen nicht weit: Durch ein dramatisches Ereignis findet ihr Abenteuer à la Tom Sawyer und Huckleberry Finn ein abruptes Ende. Danach ist nichts mehr wie zuvor …

„Rost“ – Sinnbild für White Trash und den gescheiterten „American Dream“

Kaum jemand versteht es, das gespaltene Amerika so bildlich einzufangen wie Philipp Meyer in seinem Roman „Rost“. Der Titel (original Titel „American Rust“) deutet es bereits an – als Sinnbild für das verkrustete Selbstbild der amerikanischen Gesellschaft. Meyer führt uns in den Ort Buell nahe Pittsburgh, dessen Stadtbild schon lange nicht mehr von Fortschritt und Wohlstand, sondern von Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Resignation und Wut gekennzeichnet ist. Mit einer fast schon morbiden Sentimentalität fängt er wie mit einer Kamera die Überreste einer ehemals erfolgreichen Industriestadt und ihrer Bewohner ein, wenn seine jugendlichen Helden zwischen zerfallenen Fabrikhallen Bier trinken und von der großen weiten Welt und einem besseren Leben als das ihrer Eltern träumen. Wenn Poes Mutter Grace in ihrem Trailer sitzt und ihre Hoffnungslosigkeit mit einer Flasche Whisky betäubt, weil sie genau weiß, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. In krassem Kontrast dazu die fast schon theatralische Schönheit der Landschaft, die Buell umgibt, mit ihren Wäldern, Flüssen und Hügeln, und die den zwei Abenteurern Poe und Isaac eine Idee von Freiheit vermittelt.

Philipp Meyer schreibt „Roadmovie“ über eine getriebene amerikanische Jugend

Meyers Blick auf die Menschen und ihre fragile Umwelt ist direkt, ehrlich und kritisch und kommt dabei sehr gut ohne die konstruierte „Neue Emotionalität“ eines Jonathan Safran Foer und anderer gleichaltriger Schriftsteller-Kollegen aus. Meyers Figuren sind kantige Originale in einem fast schon filmischen Ambiente: zerrissen, getrieben, auf der Suche nach neuen Werten. Die Anlehnungen an die amerikanischen Klassiker „Von Mäusen und Menschen“, „Jenseits von Eden“ (John Steinbeck) oder „Fänger im Roggen“ (H. J. Salinger) sind nicht zu übersehen und volle Absicht: Auch Meyers Helden rebellieren gegen eine statisch gewordene Gesellschaft, auch sie fühlen eine Sehnsucht nach einem anderem Leben, nach einem anderen Amerika. Und wie die Figuren von Salinger und Steinbeck machen sie sich auf den buchstäblichen Weg zu sich selbst. Und dennoch ist „Rost“ kein billiger Abklatsch zeitloser Klassiker. „Rost“ ist vielmehr ein literarischer „Roadmovie“ und ein Zeitporträt, spannend, mitreißend und mit einer sprachlichen Brillanz, die das Gros der gegenwärtigen amerikanischen Literatur weit in den Schatten stellt.

Über den Autor Philipp Meyer

Der im Jahr 1974 geborene Philipp Meyer wuchs in Baltimore als Kind einer Künstlerin und eines Biologielehrers auf. Mit 20 Jahren entschied er sich für eine Karriere als Schriftsteller und studierte Englisch an der Cornell University. Um seinen Studienkredit abzahlen zu können, arbeite er mehrere Jahre als Finanzmakler für die Schweizer Investmentbank USB in England und der Schweiz. Meyer war selbst Zeuge des Zusammenbruchs der Schwerindustrie im Raum Hampden, welche eine hohe Arbeitslosigkeit und einen immensen Anstieg der Kriminalität zur Folge hatte. Mit seinem 2009 erschienenen Roman „American Rust“ gewann Philipp Meyer den „Los Angeles Times Book Prize 2009“ und war wochenlang auf den Bestsellerlisten in den USA.

Philipp Meyer: Rost. Roman. Gebundene Ausgabe. Klett-Cotta Verlag 2010. 464 Seiten. Preis € 22,95.

Bettina Henningsen, Bettina Henningsen

Bettina Henningsen - Hallo und herzlich Willkommen in meinem Profil bei suite101.de! Geboren und aufgewachsen bin ich in Flensburg. Dort absolvierte ich ...

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