
- Das Plönlein - A. Poljasevic
Das Mittelalter übt auf heutige Menschen eine ungemeine Faszination aus. Der Begriff 'Mittelalter' kursiert in aller Munde und bezeichnet fälschlicherweise nicht nur ein falsch beziffertes Zeitalter, sondern in Bausch und Bogen alles, was nach heutigem Maßstab nicht mehr zeitgemäß anmutet. Dabei endete das wahre Mittelalter bereits um Fünfzehnhundert herum.
Was ist das Faszinierende an dieser Zeit? Als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation den Alltag der Menschen bestimmte. Als Individualität so gut wie nicht gelebt werden konnte, sondern die Drei-Ständeordnung das Leben regulierte. Als nur wenige lesen und schreiben konnten und für die Großzahl der Bevölkerung der Kampf ums tägliche Brot sie stets neu herausforderte. Als eine Sorge die Menschen zeitlebens plagte, arm wie reich: die Sorge um ihr einstiges Seelenheil.
Eine altertümliche Welt bietet sich dem Auge des Hightech Menschen in Rothenburg
Hat man eines der sechs Stadttore von Rothenburg durchschritten - nebenbei bemerkt: vor knapp zweihundert Jahren war dies nur bis zum Anbruch der Dämmerung möglich, danach erst wieder am nächsten Morgen -, befindet man sich in einer anderen Welt. Das Auge registriert einen Baustil, wie man ihn nur noch aus alten Illustrationen kennt. Massive Toranlagen, Basteien mit Geschützinnenhof und ein kompletter Wehrgang erinnern daran, wie wichtig einst eine wehrhafte Verteidigung war. In Zeiten, als Raubrittertum die Städte unsicher machten und Fehdebriefe feindliche Kämpfe ankündigten.
Über Toreingängen sieht man so genannte Pechnasen. Diese seltsamen Vorrichtungen konnten Pech und Schwefel auf unwillkommene Gäste herabregnen lassen. Zeitgenossen, die nicht nur unwillkommen, sondern auch noch die Ordnung des Heiligen Römischen Reiches zu stören versuchten, auf sie wartete im Rathausgewölbe unter der Stadt die Folterkammer. Türme mit einer Bezeichnung wie Faulturm machen deutlich, dass man mit solchen Zeitgenossen durchaus auch kurzen Prozess machte: nämlich gar keinen. Man ließ sie im Turm einfach verfaulen.
Neidköpfe und Dämonengesichter gucken einen neugierig an
Begeht man die verwinkelten, schmalen Gässchen, fallen einen wuchtige Steine an den Eckhäusern auf. Diese so genannten Ecksteine dienten als Begrenzung für die Fuhrgespanne, wenn sie von einer Gasse in die andere bogen. Von einigen Giebelfronten blicken finster dreinschauende Gesichter herab. Sie nennen sich Neidköpfe und haben ein dämonisches Aussehen. Einst sollten sie böse Geister abschrecken, und nun gucken sie den Hightech Menschen von heute neugierig an. Mit jedem Schritt durch Rothenburg wähnt sich der Besucher in einer ihm abergläubisch anmutenden Welt.
Ein paar Gässchen weiter weisen Inschriften daraufhin, dass Kaiser Karl V. und König Ferdinand I. in diesen oder jenen Patrizierhaus einstmals genächtigt haben. Die Ratsherrntrinkstube am Marktplatz, das Herzstück der Stadt, heute wie einst (heute befindet sich die Touristikinformation in den unteren Räumen), zeugt davon, dass es sich die Obrigkeit in der Freien und Reichsstadt gutgehen ließ. Ob von der 'Teufelskanzel' herab gegen ihre Trinkgelage gewettert wurde ist nicht bekannt. Die Mauerbrüstung über der Kobolzeller Toranlage trägt auf jeden Fall diese Bezeichnung.
Der Geist vergangener Jahrhunderte ist allgegenwärtig und sehr wohl spürbar
Es ist nicht nur das Bild vom Mittelalter, das der Besucher in Rothenburg mit den Augen schauen kann und das den Ort berühmt gemacht hat. Es ist vielmehr auch der Geist einer verschwundenen Epoche präsent. Der Besucher merkt es. Denn ihn umgibt eine Aura, die er nicht so schnell wieder vergisst. Ähnlich wie es bei alten Schlössern der Fall ist, spürt er auch hier von den alten Mauern eine besondere Wirkung ausgehen. Es ist, als möchten sie mit ihm was mitteilen. Der mittelalterliche Geist gewährt dem Besucher auf diese Weise Zugang in seine Zeit. Nicht real (was nebenbei bemerkt hochinteressant wäre, die Zeit einfach zurückdrehen zu können und sich plötzlich unter den Menschen des Jahres 1635 etwa zu befinden), aber eben in geistiger Verbundenheit. Ist der Besucher dem Spiritismus zugänglich oder hat gar mediale Fähigkeiten, sind Erscheinungen aus der genannten Zeit durchaus möglich und werden für ihn sichtbar. Nachts ist es leichter möglich als bei Licht. Stichwort: Phänomenologie. Wie auch immer, der Besuch in der mittelalterlichen Stadt hinterlässt seine Wirkung.
Ein starker Glaube an Gut und Bös prägte den Menschen im Mittelalter
Das Geheimnisumwitterte, das der Besucher bei seinem Rundgang durch Rothenburg verspürt, rührt von einem einstmals starken Glauben her. Die Menschen im Mittelalter glaubten fest an das Gute. Genauso wie sie auch an das Böse glaubten. Ihr starker Glaube setzte Kräfte in ihnen frei und lüftete Geheimnisse. Besonders der Glaube an das Böse auf der Welt war in jener Zeit allenthalben anzutreffen und tat entsprechend seine Wirkung. Alchemisten, Magier, Hexen - ihnen wurden übersinnliche Kräfte nachgesagt. Durchaus übten sie Macht aus, manchmal auch zum Schaden ihrer Mitmenschen. Für diese standen sie mit dunklen Mächten im Bunde. Die Faszination für solche Personenkreise hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Eigentlich erstaunlich, wo die Welt doch durch und durch erforscht ist und Geheimnisse als entzaubert gelten.
Sind sie es aber wirklich? Vermutlich nicht. Denn sonst stünde dieser Zeitraum, der sich da Mittelalter nennt, nicht so hoch im Kurs heute. Es gäbe keine Mittelaltermärkte, wie es sie heute zahlreich gibt. Keine mittelalterlichen Essgelage, die gerne nachgeahmt werden. Keine musikalischen Darbietungen und Gesänge mittelalterlichen Stils und was sich sonst unter dieser Bezeichnung vermarkten lässt. Es gäbe auch nicht das mittelalterliche Kriminalmuseum in Rothenburg. Und schließlich: Rothenburg ob der Tauber wäre längst dem Zeitgeist angepasst worden und neu aufgebaut, gäbe es die Faszination für das Mittelalter nicht. Das wäre nicht nur kulturhistorisch betrachtet schade.
