Für Rousseau vermittelt die Beobachtung die notwendigen Einsichten. Beobachten meint für ihn eine Kombination aus dem Sehen mit eigenen Augen und dem Fühlen mit dem Herzen. Er schreibt, dass man immer das innere Licht befragen solle, anstatt sich von seinen Leidenschaften leiten zu lassen oder der Meinung der Menge zu schnell zu folgen. Er folgt damit dem Gedanken der Irenik.
Die Beobachtung als Grundlage von Einsichten
Man soll immer darlegen, was man im Grunde seines Herzens denkt und seinen Gesprächspartner auffordern, es ähnlich zu tun. Stimmen beide überein, hat sich ein Konsens ergeben, der aus Einsicht erfolgt ist. Und diese Einsicht im Herzen lässt sich nicht erzwingen, indem man versucht, den anderen zu überreden oder zu überzeugen. Zu solchen Einsichten aus Beobachtung zählen zuerst, dass man sein Dasein registriert und die Welt um sich herum wahrnimmt. Rousseau schreibt: "Ich existiere und habe Sinne, durch die ich beeindruckt werde". Existieren bedeutet für ihn empfinden, mit dem Herzen die eigene und die Existenz der Welt zu begreifen. Die Anstöße liefert die sinnliche Wahrnehmung. Auch die Religion basiert für ihn auf Beobachtung. Man nimmt sich selbst und seine Umwelt war. Was man dabei im Herzen empfindet, führt zu einer Art natürlichen Religion, einer Religion des Herzens.
Die Religion des Herzens
Rousseaus Vikar hat eine Mindestreligion umschrieben, deren drei Glaubensartikel Rousseau zu seiner Religion des Herzens führten. Diese waren:
- "Ich glaube, dass ein Wille das Weltall bewegt und die Natur belebt."
- "Ich glaube ..., dass die Welt von einem mächtigen und weisen Willen regiert wird. Ich sehe es, oder vielmehr, ich fühle es, und das zu wissen ist mir wichtig. ... Gewiss ist, dass das All eine Einheit ist und eine einzige Intelligenz ankündigt ... Gott."
- "Der Mensch ist ... in seinen Handlungen frei und als freies Wesen von einer immateriellen Substanz beseelt."
Die Religion des Herzens ist für Rousseau eine Religion, die die Natur dem Menschen geschenkt hat. Sie basiert auf Selbstbesinnung und Einsicht infolge sinnlicher Wahrnehmung. Es ist die Religion, die Gott den Menschen mitgegeben hat. Die überall existierenden religiösen Zeremonien sind nur äußere Begleiterscheinungen, die auf Übereinstimmung und Organisation beruhen. Der wahre Kult, um Gott zu ehren, entstammt den Herzen, wie auch die Religion selbst.
Die natürliche Religion und der Kult des Herzens
Für Rousseau gibt es also nur eine Religion, die der Natur des Menschen entstammt. Es ist die Religion des Herzens mit ihrem Kult des Herzens. Nur sie enthält die Grundelemente aller existierenden Religionen. Die Verschiedenheit der Konfessionen täuscht demnach, auch wenn viele sich gegenseitig auszuschließen scheinen. Im Grunde müsste man deshalb entweder alle als Gott gefällig ansehen oder die eine wahre Religion herausfinden. Das wiederum ist schwer, weil man dafür die vermittelten Inhalte auf ihre Wahrheit hin überprüfen muss. Außerdem müsste das Geoffenbarte verständlich und leicht fassbar sein. Daran scheitern es jedoch bei den meisten Religionen. Schuld daran ist ihre Form der Verbreitung und der Anthropomorphismus, den sie transportieren. Vergleicht man diese Religionen mit der natürlichen Religion, die das Herz einem diktiert, ist eindeutig, welcher man folgen möchte, der Religion des Herzens. Sie wird Gott nicht zurückweisen, weil sie ehrlich gemeint ist und ihn nicht in eine Schublade steckt.
Quelle:
Jean-Jacques Rousseau: Emile, Reclam Verlag, Stuttgart 1998, 1030 Seiten, 13,80 Euro
