Rudi Völler verdankte sein Amt als Trainer der deutschen Nationalmannschaft einem Skandal. Und schon die Vorgeschichte dazu war kurios: Nach der verpatzten Europameisterschaft 2000 suchte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) einen Nachfolger für Erich Ribbeck. Wunschkandidat war Christoph Daum. Doch Bayer Leverkusen wollte seinen Trainer nicht sofort frei geben.
Ein Krisengespräch wurde einberufen, mit am Tisch saß Bayer-Sportdirektor Rudi Völler. Der Kompromiss lautete: Daum bleibt bis zum Ende der Saison 2000/01 Trainer in Leverkusen und übernimmt dann die Nationalmannschaft. In der Zwischenzeit führt jemand das Amt provisorisch. „Auf einmal haben alle mich angeschaut und da war klar, dass ich das mache“, sagte Völler später. Udo Lattek lästerte darauf im DSF-Doppelpass: „Da bin ich mal froh, dass niemand Völlers Tochter angesehen hat.“
Der Kokain-Skandal von Christoph Daum
Dann kam der Skandal. Ausgelöst hat ihn Uli Hoeneß. Der Manager von Bayern München deutete in einem Interview an: „Wenn das stimmt, was man von Herrn Daum hört, dem ewig verschnupften, dann ist er als Nationaltrainer nicht tragbar.“ Das Interview löste ein Riesenecho aus. Hoeneß stand als Denunziant dar, der zudem nichts beweisen konnte. Daum stellte sich freiwillig einem Haartest. Als herauskam, dass die Probe positiv ist – Daum also gekokst hatte – war klar: Der im Kampf gegen Drogen engagierte DFB musste den Vertrag auflösen.
Völler war jetzt nicht mehr nur auf Zeit Trainer der Nationalmannschaft. Im Herbst 2000 war der deutsche Fußball in allen Belangen im Keller. Kritiker wie Paul Breitner forderten: Der DFB solle zu den Qualifikationen für die Weltmeisterschaft 2002 und die Europameisterschaft 2004 mit einem Jugendteam anzutreten, um dieses für die Weltmeisterschaft 2006 aufzubauen. Es kam anders.
"Rudi, Rudi"-Rufe
Rudi Völler wurde am 13. April 1960 in Hanau als Sohn eines Drehers geboren. Das Image der Chemiestadt färbte sich auf ihn ab, Völler galt in seiner aktiven Zeit bei Werder Bremen oder Bayer Leverkusen als ehrlicher Arbeiter, was bei den Fans ankam. Bei Spielen der Nationalmannschaft feierte ihn die Kurve mit „Rudi, Rudi“-Rufen. Moderator Gerd Rubenbauer kommentierte das ungeschickt: „Rudi-Rudi-Rufe, die hat es früher nur für Uwe Seeler gegeben.“
Die Popularität half Völler als Trainer der Nationalmannschaft. Das Publikum verzieh ihm das nicht immer sichere Auftreten der Elf in der Qualifikation, zumal niemand mehr verwöhnt war nach der Weltmeisterschaft 1998 oder der Europameisterschaft 2000. Letztlich durften die Deutschen, anders als Holland, zur Weltmeisterschaft 2002 fahren. Der Finaleinzug dort kam einer Sensation gleich.
Eklat mit Waldi Hartmann
Völler war auf dem Höhepunkt seiner Popularität und wurde gleichermaßen Opfer seiner eigenen Arbeit. In Asien hatten Spieler wie Michael Ballack, Torsten Frings, Oliver Kahn oder Miroslav Klose den Durchbruch in die Weltklasse geschafft. Jetzt erwarteten die Fans wieder etwas von der Nationalmannschaft.
Schon in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2004 konnte das Team die Erwartungen nicht erfüllen. Die Kritik ging Völler an die Nieren. Seine Wut entlud sich in einem spektakulären TV-Auftritt am 6. September 2003. Nach einem 0:0 gegen Island kritisierte Völler die Kritiker, wurde dabei ausfällig und warf dem Moderator „Waldi" Hartmann vor: „Du sitzt ja auch hier und hast schon drei Weißbier im Kopf.“
Stoiber für Völler
Medien wie die Bild-Zeitung versuchten ihn in den Tagen nach dem Eklat abzusägen. Doch zu ihrer Überraschung: Die Menschen standen mehrheitlich hinter Völler. In Umfragen bestätigten sie ihn, sogar Politiker wie Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) mischten sich ein und sagten, Völler habe Recht. Die Berichterstattung drehte sich noch einmal. Doch Völler wusste: Seine Medienschelte wurde ihm von den beteiligten Journalisten übel genommen. Die Heckenschützen gingen in Stellung.
Ihre Stunde kam mit der verpatzten Europameisterschaft 2004. Völler ahnte, was ihn erwartete und trat zurück: „Für die Weltmeisterschaft im eigenen Land braucht es jemand, der volles Vertrauen genießt und das habe ich nicht mehr.“ Seinen Kritikern nahm er so die Munition. Und Völler blieb beliebt. Als Gast von „Wetten, dass…“ feierte ihn das Publikum mit stehendem Applaus.
