Rudolf Virchow und die Rassenfrage

Rassendiskurse in Anthropologie und Politik des Kaiserreichs

Rudolf Virchow - Portrait von Hanns Fechner 1891
Rudolf Virchow - Portrait von Hanns Fechner 1891
Welchen Stellenwert hat die "Rasse" in Anthropologie und Politik? Diese Frage versuchte der Mediziner Rudolf Virchow im Sinne des Liberalismus zu beantworten.

Der berühmte Mediziner Rudolf Virchow (1821- 1902) veröffentlichte auch zahlreiche anthropologische Studien, darunter eine Aufsehen erregende Massenstudie zur rassischen Zusammensetzung des deutschen Volkes. Die Anthropologie gilt als eine der ersten Humanwissenschaften, in denen Rassentheorien eine große Bedeutung erlangten. Auch Virchow negierte die Existenz von Rassenunterschieden nicht, relativierte sie aber und wollte sie von ethnozentrischen Wertungen befreit wissen. Damit ging auch sein Engagement als liberaler Politiker für Bürgerrechte einher.

Darwinismus und Sozialdarwinismus

Virchow war grundsätzlich ein Anhänger des Darwinismus, den er insbesondere gegen die fundamentalistische Polemik der katholischen Kirche verteidigte. Er kritisierte aber auch allzu forsche Anhänger von Charles Darwins Evolutions- und Deszendenztheorie. Seinem Schüler Ernst Haeckel warf Virchow vor, den Darwinismus zu einer Weltanschauung auszubauen, anstatt ihn als wissenschaftliche Theorie zu behandeln. Außerdem bemängelte er die Verknüpfung von Darwins Theorien mit Rassenfragen. Während man Abweichungen zwischen Individuen und Generationen unterschätze, sei man allzu schnell bei der Hand aus physischen Differenzen zwischen Menschengruppen Schlussfolgerungen über deren Höher- oder Minderwertigkeit zu ziehen. Die im Zuge von Nationalismus und Kolonialismus boomenden Rassentheorien verwechselten Anpassungen an Lebensräume mit ethnozentrischen Wertungen. Rassenzugehörigkeit determiniere nicht die Kulturstufe, auf der sich Menschen bewegen.

Die „Schulkinderstudie“

Der Aufschwung des Rassismus im Zuge des Deutsch- französischen Krieges 1870/71 bestätigte Virchows Befürchtung von einer Politisierung der Anthropologie. Die Behauptung des französischen Anthropologen Armand de Quatrefages (1810- 1892), dass die Preußen eine finnisch- mongolische Rasse seien und mit der Reichsgründung die arisch- germanischen Deutschen unterworfen hätten, löste im Reich nicht nur Empörung aus, sondern auch eine wissenschaftliche Gegenoffensive. Bis 1876 wurden in einer groß angelegten Studie unter der Leitung Virchows Haar-, Augen- und Hautfarbe von sieben Millionen Schulkindern im deutschsprachigen Raum erfasst, um die rassische Zusammensetzung des deutschen Volkes zu bestimmen. Die Ergebnisse waren nicht nur für die französischen, sondern auch für die deutschen Rassisten ernüchternd. Nur ein knappes Drittel der Deutschen wiesen „arische“ Rassenmerkmale auf, 13% zählten zum „dunklen Typus“, 54% hatten gemischte Rassenmerkmale. Ein rassisches Gefälle gäbe es nicht zwischen Preußen und den übrigen Ländern, sondern zwischen Nord- und Süddeutschland (d.h. mehr „Arier“ im Norden). Darüber hinaus widerlegte die Studie die Annahme einer „jüdischen Rasse“. Die den Juden zugeschriebenen Rassenmerkmale seien in ähnlicher Häufigkeit bei Nichtjuden zu finden. Aus den Gesamtergebnissen folgerte Virchow, dass Rassen durch Mischungsvorgänge ständiger Veränderung unterworfen seien. Reine Rassen gäbe es nur als Idealtypen.

Aus heutiger Perspektive mag das Design der Studie ethisch fragwürdig wirken, zumal Virchow seine zu Grunde gelegten Rassentypen aus zweifelhaften Quellen entlehnte, insbesondere bei Arthur de Gobineau. Die Ergebnisse waren jedoch so eindeutig antirassistisch, dass sie den Berliner Anthropologen zum Hassobjekt von Nationalisten, Rassisten und Antisemiten machten.

„Rassenfrage“ und Bürgerrechte

Nicht nur als Anthropologe, sondern auch als Politiker befasste sich Virchow mit der „Rassenfrage“. Er vertrat einen an den Idealen der 1848er Revolution orientierten Linksliberalismus, der sich vor allem um den Schutz der Zivilgesellschaft vor staatlichen und kirchlichen Eingriffen mühte. Die gesellschaftliche Stellung solle auf individueller Leistung statt auf kollektivem Herkommen beruhen.

Als Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses (1862- 1902) und des Reichstags (1880- 1893) setzte sich Virchow für die Bürgerrechte der polnischen und der jüdischen Minderheit ein. Die Germanisierungspolitik in den preußischen Ostprovinzen lehnte er ab, den Antisemitismus verurteilte er als auf Neid beruhenden Religions- und Rassenhass. 1880 unterzeichnete er eine „Notabelnerklärung“, die sich gegen die antisemitische Demagogie Stoeckers und Treitschkes richtete. 1890 gründete er gemeinsam mit anderen liberalen Politikern den Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Gleichzeitig ließ Virchow allerdings keinen Zweifel daran, dass er von den polnischen und jüdischen Mitbürgern eine möglichst weitgehende Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft erwartete.

Bewertung durch die Geschichtswissenschaft

Die plausibel erscheinende Einstufung Virchows als eines liberalen Antirassisten ist in der Geschichtswissenschaft mittlerweile ins Wanken geraten. Insbesondere die an Michel Foucault orientierte postmoderne Rassismusforschung hat sich in den letzten Jahren auf den Anthropologen Virchow eingeschossen. Er habe den Boden des Rassendiskurses nicht verlassen. Vielmehr habe er in seiner „Schulkinderstudie“ „Wissen“, Techniken und Methoden zur Feststellung rassischer Differenz erst popularisiert. Auch Virchows Anti- Antisemitismus hat keine Anerkennung gefunden. Im Gegenteil gilt er heute vielen Forschern als Musterbeispiel für die Intoleranz des Liberalismus gegenüber ethnischer Differenz, da er die vollkommene Assimilation der Juden gefordert habe.

Derartige Bewertungen messen Virchows Werk und politisches Engagement an heutigen ethischen Maßstäben, nicht aber an den durch Rezeptionsforschung zu ermittelnden Wahrnehmungen der Zeitgenossen. Übersehen wird außerdem, dass Virchow, gerade weil er innerhalb des Rassendiskurses verblieb, Rassisten und Antisemiten den Deckmantel der Wissenschaftlichkeit nehmen konnte. Während sie die ethischen und rechtlichen Vorbehalte anderer Liberaler ohnehin nicht beeindruckten, gefährdeten Virchows anthropologische Befunde die Aura der Wissenschaftlichkeit, mit der sich Rassentheoretiker zu umgeben pflegten.

Literatur

Geulen, Christian, Blonde bevorzugt. Virchow und Boas: Eine Fallstudie zur Verschränkung von Rasse und Kultur im ideologischen Feld der Ethnizität um 1900, in: Archiv für Sozialgeschichte 40 (2000), S. 147-170.

Goschler, Constantin, Rudolf Virchow. Mediziner – Anthropologe – Politiker, Köln 2002.

Kiefer, Annegret, Das Problem einer "jüdischen Rasse". Eine Diskussion zwischen Wissenschaft und Ideologie 1870- 1930, Frankfurt a.M. 1991.

Salecker, Hans Joachim, Der Liberalismus und die Erfahrung von Differenz. Über die Bedingungen der Integration der Juden in Deutschland, Berlin 1999.

Vasold, Manfred, Rudolf Virchow. Der große Arzt und Politiker, Stuttgart 1988.

Zimmerman, Andrew, Anti-Semitism as Skill. Rudolf Virchow’s Schulstatistik and the racial composition of Germany, in: Central European History 32 (1999), S. 409-429.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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