Rüdiger Nehberg: sein Weg zum Survival

Von ersten Radtouren, den Yanomami-Indianern und einer Mundharmonika

Zunächst interessierte Nehberg der Survival-Gedanke, sich auf seine Urinstinkte zu besinnen. Eine Begegnung mit den Yanomami-Indianern machte ihn zum Menschenrechtler.

Sie haben 25 Jahre als Konditor gearbeitet, bevor Sie sich ganz Ihren Survival-Aktionen gewidmet haben. Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Sie diesen Mut haben, Außergewöhnliches zu wagen und derart an Ihre Grenzen zu gehen?

Das hat schon viel früher begonnen. Ich habe meine Reisen immer parallel zum Beruf gemacht. Mit vier Jahren bin ich das erste Mal davon gelaufen, quer durch Bielefeld zu meiner Großmutter. Ich habe mich aber verlaufen. Die Polizei fand mich nach zwei Tagen und brachte mich wieder zurück. Danach hat meine Mutter höllisch auf mich aufgepasst. Mit 12 durfte ich dann doch schon mal mit dem Fahrrad durch Nordrhein-Westfalen und nach Holland, Belgien, Luxemburg. Mit 17 bin ich nach Marokko geradelt, um in Marrakesch Schlangenbeschwörung zu lernen. Und das hat sich dann gesteigert. Vor allem, als ich in den 60er Jahren, da war ich aber schon 35, vom Thema Survival in den USA erfuhr, also diese Rückbesinnung auf Urinstinkte und Urfertigkeiten. Da hat es mich dann endgültig gepackt.

Durch Ihren Einsatz für die Yanomami-Indianer bekamen Ihre Survival-Abenteuer einen ganz neuen Sinn. Wie kam es dazu?

Das begann, als ich 1980 in Brasilien war und zum ersten Mal von den Yanomami-Indianern hörte. Es war das letzte frei lebende Volk und es wurde bedroht durch eine Armee von Goldsuchern und stand kurz vor der Ausrottung. 65 000 bewaffnete Goldsucher gegen 20 000 Indianer. Brasilien leugnete das, aber die brasilianischen Menschenrechtler haben mich davon in Kenntnis gesetzt. Und als ich diese Widersprüche hörte, da dachte ich: Das ist ein Thema für mich! Es scheint spannend zu werden, und es kommt ein Sinn hinzu. Ich habe begonnen, mich zu trainieren auf Survival im Urwald. Ich habe einen Test-Marsch gemacht von Hamburg nach Oberstdorf ohne Lebensmittel und ohne Ausrüstung, um zu erfahren, wie lange ich notfalls ohne den Luxus der Zivilisation leben kann. Obwohl ich wusste, dass es im Urwald reichlich Fische gab. Ich habe pro Tag ein Pfund Gewicht verloren. Nach 25 Tagen war ich Oberstdorf und hatte 25 Pfund verloren. Aber ich war immer noch recht fit. Da war mir klar, dass ich mit einem Mikro-Minimum an Ausrüstung im Urwald überleben würde.

Dort hatte ich dann nur eine Hängematte, einen Fotoapparat, Feuerzeug, Messer, Angelhaken, Malariatabletten - diese elementaren Dinge. Ein Fischer hatte mich, so weit es ging, die Flüsse in Richtung Yanomami-Indianer hinauf gefahren, bis wir nicht mehr weiter kamen. Dann bin ich ausgestiegen und mit dem Kompass tagelang allein in Richtung Zentrum des Indianerlandes gegangen. Es ist so groß wie die Schweiz. Alles Regenwald. Das Wichtigste, das ich dabei hatte, war eine ganz kleine Mundharmonika, auf der ich alle Viertelstunde irgendeine Melodie gespielt habe, um die Indianer anzulocken und freundlich zu stimmen.

Und wie haben die Indianer auf Sie reagiert?

Meine Strategie ging auf. Sie werteten mich nicht als Goldsucher, sondern als jemanden, der etwas von ihnen wollte. Ich wusste von einem Grundsatz, den sie pflegen: "Wer laut kommt, ist ein Freund. Wer schleicht, ist ein Feind." Ich kam laut und dann noch mit Musik, und darum haben sie mich aufgenommen. Im Zusammenleben mit ihnen stellte ich fest, dass sie tatsächlich bedroht wurden. Die Menschenrechtler hatten Recht. Die Indianer hatten null Chancen. Ich beschloss Hilfe zu organisieren. Das versuchte ich zunächst mit einem Buch. Nachdem das Buch aber nichts bewirkt hatte, habe ich mein Wissen um Survival genutzt und spektakuläre Aktionen durchgezogen. Zum Beispiel mit dem Tretboot über den Atlantik, um einen Brief von amnesty international weltweit ins Gespräch zu bringen. Dann habe ich mich als Goldsucher versucht, zusammen mit einem Münchner Filmemacher, der alles mit versteckter Kamera dokumentierte, was wir erlebten. Und über insgesamt vier Filme und fünf Bücher wurde die Lobby allmählich ausreichend groß. Im Jahre 2000, nach 18 Jahren Engagement, bekamen die Yanomami einen akzeptablen Frieden. Hätte ich den Erfolg nicht erlebt, dass ein Einzelner durchaus etwas bewirken kann, dann hätte ich mich wohl an das neue Thema, den Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung, nicht heran gewagt.

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Das Gespräch führte Suite101-Redakteurin Lisa Kreißler.

Suite101, www.suite101.de

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