
- Rügen im Winter: Strand des Kurorts Baabe - Kirstin Koch
Die Ostseeinsel Rügen, Anfang März 2010: Während zum meteorologischen Frühlingsbeginn normalerweise längst auch der Tourismus in Fahrt kommt und tausende Touristen per Auto, Bus, Bahn, Rad und Schiff die Insel bevölkern, liegt er in diesem Jahr noch komplett brach. Tieftemperaturen unter null Grad, ständiger Schneefall und Dauereis verhindern den rechtzeitigen Saisonstart und die Öffnung der zahlreichen Hotels, Pensionen, Restaurants, Geschäfte und Schiffs- und Fährverbindungen.
Kaum ein Besucher treibt sich in diesen Tagen auf der sonst beliebten deutschen Ferieninsel herum. Dennoch zeigt gerade dieser Ausnahmezustand eine eher unbekannte, raue Seite der Insel jenseits von Strandkörben, Ausflugsschiffen und florierenden Touristenmassen am sonnigen Sandstrand.
Rügen und Hiddensee auf Eis – der lange Winter 2010
Bereits im Februar geisterten Berichte über die eingefrorene Ostseeinsel Hiddensee durch die deutschen Medien, die als Gradmesser für den harten Winter 2010 stand. Die Ostsee war festgefroren, Schiffs- und Fährverbindungen eingestellt und die Einwohner und Besucher auf der kleinen Insel gefangen. Mit Hubschraubern versorgten Bundeswehr und Katastrophenschutz das abgeschottete Eiland mit Lebensmitteln und Medikamenten – und evakuierte ganze Touristenscharen aufs Festland.
Und während sich große Teile des restlichen Deutschlands seit Ende Februar allmählich vom Winterschock mit Dauerschnee und Permafrost erholen, scheint auf Rügen die Zeit noch im Januar stehen geblieben – und sinnbildlich festgefroren – zu sein.
Entlang der Promenaden und in den Parks türmt sich der Schnee nicht nur wenige Zentimeter, sondern gleich über einen vollen Meter hoch. Die Parkbänke sind nur noch ansatzweise erkennbar, wenn ein Teil der Lehne aus den Schneewällen heraus schaut.
Menschenleere Straßen, meterhohe Schneewälle an den Stränden
Insgesamt sind nur die wichtigsten Straßen und Gehwege freigeräumt worden, während ganze Wanderwege, Treppen und der Strand noch gänzlich unpassierbar sind. Zu glatt, rutschig und unwegsam sind hier noch die kilometerlangen Eisflächen, als dass man sie ungefährdet betreten kann.
Selbst der Strand scheint unter den Schneemassen und den Minustemperaturen erstarrt zu sein. Ganze Wellen der Ostsee liegen hier gefroren in einer Eisschicht am Strand, auf dem ausgehungerte Seemöwen Muschelschalen und Tang aufpicken. Selbst die Fußabdrücke der Vögel frieren im kalten, eisigen Sand binnen Minuten fest.
Die Schiffsverbindungen sind immer noch eingestellt, und die Ostsee beginnt selbst hier an den beliebten Touristenstränden erst langsam aufzutauen. Nur wenige Touristen hat es in die Kurorte verschlagen, zumeist nur Wochen- und Wochenendgäste aus Berlin und Ostdeutschland. Ganze Busladungen an Touristen dagegen haben ihre Reisen nach Rügen und an die ganze Ostseeküste storniert beim Blick auf die Wetterkarte und auf die Horrorbilder aus Hiddensee nur wenige Wochen zuvor.
Der Tourismus auf Rügen leidet unter dem harten Winter
Tourismus, Verkehr und Gastronomie leiden deutlich unter dem nicht enden wollenden Winter 2010. Kleine Hotels und Pensionen haben ihre Pforten mangels Touristenschwund wieder bis Ende März oder gar bis zu den Ostertagen geschlossen – in der Hoffnung, spätestens dann vom ewigen Packeis befreit zu sein.
Man kann sich kaum vorstellen, dass um diese Jahreszeit in den letzten Jahren normalerweise schon die ersten Menschen in Strandkörben liegen, sich windgeschützt sonnen oder gar den Schritt ins noch kalte Wasser der Ostsee wagen.
Auch die meisten Geschäfte sind noch geschlossen, und nur wenige hartnäckige Touristen schlendern bei eisigem Wind über die Promenaden von Binz, Sellin, Baabe und Göhren. Man kennt sich inzwischen, und schon nach zwei Tagen begrüßen sich die einzelnen Touristen, meistens ältere Semester, freundlich untereinander.
Einsame Touristenziele auf der verwaisten Touristeninsel
Auch in den Hotels, die teilweise ihre saisonalen Hilfskräfte für den Rest des Monats freistellen mussten, herrscht gähnende Leere im Speisesaal. Mit 15 Gästen zum Abendessen ist ein mittleres Hotel in diesen rauen Tagen schon gut besucht. Immerhin ist die Atmosphäre sehr herzlich, die wenigen Gäste kennen sich inzwischen gut und unterhalten sich, und nur das unterforderte Hotelpersonal langweilt sich deutlich.
Immerhin verkehren der Rasende Roland, die beliebte Dampflokomotive im Osten der Insel, und gute Busverbindungen zu größeren Reisezielen wie Sassnitz, Kap Arkona und dem Königsstuhl. Gerade die legendären Kreidefelsen zeigen sich bei dem unwirtlichen Wetter und ohne Touristenmassen von einer ganz eigenen, urigen Seite in einem monotonen Grau und Weiß, wie sie unweigerlich an das berühmte Gemälde "Kreidefelsen auf Rügen" von 1818 von Caspar David Friedrich (1774 - 1840) erinnern.
Eislandschaften an der Ostsee wie auf einem Gemälde
Der berühmte deutsche Maler reiste zu Lebzeiten häufig nach Rügen und an die Ostsee und hielt gerade im Winter die raue Eislandschaft in zahlreichen Bildern fest. Andere Reiseziele wie das Jagdschloss Granitz können dagegen nicht angesteuert werden – hier wird z.B. der Parkplatz noch als Abladefläche für die riesigen Schneemassen verwendet, die sich hier meterhoch anhäufen.
Die Räumdienste versuchen dagegen mühsam, der Schneemassen Herr zu werden, und karren mit Planierraupen, Baggern und Lastwagen die Schneeberge auf entlegene Parkplätze und Waldflächen, um sie dort ihrem "Schicksal" im anstehenden Frühling zu überlassen.
So bleiben die wenigen Touristen lieber in ihren komfortablen Hotels und genießen die warmen Mahlzeiten, Kaffee- und Kuchengedecke und Wellness-Angebote wie Sauna, Solarium und Whirlpool – oder wärmen sich bei einem Glas Friesengeist auf, einem hochprozentigen norddeutschen Schnaps, der brennend serviert wird. Quasi eine Art "Rügen on the Rocks", der den überwältigenden Anblick der Insel im Eis- und Schneegewand für einige Minuten vergessen lässt.
