
- Das ganz eigene sportliche Vergnügen des Rugby - www.hotelchatter.com
Die Götter Neuseelands tragen schwarz. Breite Nasen sitzen indirekt auf fleischigen Nacken, die in Schrankwand-ähnliche Körper übergehen, unterstützt von bizarr aufgepumpten Schenkeln. Und sie werden zu jeder Begegnung überall von den Bewohnern der Inseln im Südpazifik frenetisch gefeiert, ganz gleich welcher Hautfarbe, Herkunft oder Religion. Wenn sie gewinnen, steigt die Geburtenrate. Wenn sie verlieren, färbt die Trikotfarbe der All Blacks auf die Seele der Nation ab – Staatstrauer.
Sportlicher Nationalstolz der britischen Heimat des Rugby
Nicht jede Nation, die einen Sport als den »ihren« ausgibt und zelebriert, ist auch immer Weltmeister. Fragen Sie nur einmal Kaiser Franz von der Eckfahne. Ebenso, wie Fußball der Deutschen Beruf, Hobby und Anlass zur Prügelei ist, gehört Rugby zur neuseeländischen Identität. Zwar haben die Briten dem Sport seinen Namen gegeben. Doch die Wurzeln der uralten Körperertüchtigung sind weit verzweigt – lediglich zur Illustration soll hier ein Hinweis auf die keltische Tradition des »Caid« (auf Deutsch: Bullenhoden) genügen. Es soll der junge William Webb Ellis gewesen sein – 1823 Schüler der Rugby School in Mittel-England – der sich als erster einen greifbaren Ball unter den Arm klemmte und seinen Verfolgern davonzubückeln versuchte. Doch mit der Kolonialisierung rekrutierten die Briten ihrer Queen nicht nur viele neue exotische Untertanen, sondern auch bis heute fähige Gegner im Kampf um das Lederzäpfchen.
Ankick zum weltweiten Erfolgsrun des Rugby
Nelson, South Island. Mitten im Stadtgebiet erhebt sich der 147 Meter hohe Botanical Hill, das geographische Zentrum Neuseelands. Zu Füßen des Hügels liegt der heilige Rasen, auf dem am Samstag, den 14. Mai 1870 die erste schnurrbärtige Rugby-Begegnung Neuseelands zwischen Nelson College und Nelson Town ausgetragen wurde. Ein neunzehnjähriger Neuseeländer namens Charles Monro – gerade heimgekehrt von seiner »Overseas Experience« an einem englischen College – initiierte die Partie, stellte Lederzäpfchen und Spielregeln sowie seine eigenen Knochen auf Seiten des siegreichen Town Teams zur Verfügung. Ein paar Trainingseinheiten später dann legten die ersten All Blacks mit ihrer aufsehenerregenden Welttour 1905 den Grundstein einer Institution, die lange die Rugbywelt dominierte. Ob der vor jedem wichtigen Spiel vom Team vorgetragene, beeindruckende Kriegstanz (Haka) der Maori namens »Ka Mate« einen beträchtlichen Anteil an diesem Erfolg hat?
Volkssport der südlichen Erdkugel, einträgliche Industrie und Popstars
Heute ist Rugby eine überaus einträgliche Industrie, die besonders in den Staaten des Britischen Commonwealth ihre begeisterten Abnehmer findet. Das Rohmaterial sind Muskeln und Knochen. Erfolgreiche Spieler werden zu Volkshelden und Popstars. Allerdings ganz ohne jene Seltsamkeit, die der Weltöffentlichkeit als metrosexueller Charme eines Herrn Beckham verkauft wird. Doch befragt man die Fans des rauen Spielbetriebes in den Stadien Australiens, Südafrikas oder eben Neuseelands kritisch, müssen sie zugeben, dass beim Rugby schon mal Knochen zu Bruch gehen, die der Besitzer gar nicht kannte. Und tatsächlich ist ein verheilter Halswirbelbruch keineswegs Karriere-Killer in den höchsten Rugby-Ligen. Der Sport wird auf der südlichen Erdkugel nicht nur geliebt, sondern gelebt – mit allen Konsequenzen. Wem das zu viel Körperkontakt sein sollte, kann es mit anderen neuseeländischen Innovationen des sportlichen Miteinanders versuchen.
Zutaten für ein Rugbyspiel: Grundregeln, Platz, Ball
Eigentlich braucht es für ein zünftiges Rugbyspiel nur wenig: einen geeigneten Ball von rund 400 Gramm, ein gutes Stück Rasen und bis zu 15 regelkundige und trainierte Spieler je Mannschaft. Das Ziel eines jeden Teams ist der Punktgewinn mittels Tragen und Kicken des Balls, wobei eine der wichtigsten Regeln den Wurfpass nach vorne verbietet. Auch wenn neben Zahnschutz und Ohrenkappen keine Schutzausrüstung wie etwa beim American Football gestattet ist, kann man Rugby grundsätzlich nicht als besonders verletzungsintensiven Sport bezeichnen – sofern jeder Spieler weiß, welche Härte erlaubt ist und welche nicht. Grundbegriffe des Regelwerkes wie Offenes Gedränge, Paket und Versuch (»Try« ) sind vom International Rugby Board festgelegt.
Übermächtiger Konkurrent Fußball?
Mittlerweile haben auch in Deutschland wieder zarte Pflänzchen der Rugby-Kultur das Licht des Rasenplatzes erblickt. Doch schon im Herbst 1925 wurde ballspielsweise mit der Raute des HSV auf der gestählten Brust um jeden Raumgewinn gerungen. Heute fristet Rugby eher ein Dasein am Rande des breiten Sportangebotes – übrigens ebenso, wie es sich trotz WM-Teilnahme auch mit dem neuseeländischen Fußball verhält. Doch der ehemals harte Männersport wird tatsächlich auch zunehmend von den Damen der Schöpfung betrieben. Selbst in gemischten Teams wird zuweilen getackelt und tiefgestanden, wenn auch verständlicherweise nur auf nicht-professioneller Ebene.
Evolution ums Lederzäpfchen
Die Schimpansen haben die beste Aussicht von ihrem Felsen, der einen Großteil der neuseeländischen Hauptstadt Wellington überblickt sowie unmittelbare Einsichten in das Rugbystadion gewährt. Was sich diese dem Menschen so ähnlichen Primaten wohl denken, wenn sich zwei Horden ungeschlachter Hünen auf dem Feld unter ihnen die Schädel einschlagen bei dem Versuch, ein Lederzäpfchen von einer Seite des Rasens zur anderen zu tragen?! Muskulös und gelenkig genug wären sie allemal, um selbst eine erfolgreiche neuseeländische Rugby-Karriere inklusive Luxusvilla in Queenstown, Millionengagen in Bananen und einer anschließenden Laufbahn als Werbe-Ikone zu absolvieren.
Wahrscheinlicher aber würde sich das spielführende Männchen die angespitzte Kokosnuss schnappen und damit auf eines der H-förmigen Tore klettern, um zu testen, was denn da so drin ist, dass alle so sehr hinter dem seltsam geformten Ding her sind. Affen wissen vielleicht einfach nicht, dass nicht alles einen Sinn haben muss, was Spaß bringt.
