Rugby Worldcup 2011 in Neuseeland: WM des Commonwealth?

Webb Ellis Trophy des IRB Rugby World Cup 2011 - Rugby World Cup Limited, 2011
Webb Ellis Trophy des IRB Rugby World Cup 2011 - Rugby World Cup Limited, 2011
Seit 1987 wird die Rugby Union-Weltmeisterschaft im Vierjahrestakt ausgetragen, ja gefeiert: Besonders in ehemaligen britischen Kolonien ein Großereignis.

Während die durch britische Kolonisation geprägte Hälfte der Welt alle vier Jahre angesichts der in fast alle Welt übertragenen, handgreiflichen Wettkämpfe hünenhafter Schwerathleten jubelt, ignoriert der Rest der Welt den körperbetonten Kampf um das Lederzäpfchen und die vergoldete Webb Ellis Trophy meist vollständig. Denn der britische Kolonialexport Rugby spielt in den Stadien Festland-Europas noch kaum eine Rolle, und erst recht nicht im Geschäft um die Sportübertragungsrechte. Und doch verfolgen weltweit Milliarden Zuschauer die Begegnungen der 20 Rugby Union-Nationalmannschaften, die vom 9. September bis 23. Oktober 2011 erneut in Neuseeland stattfinden werden. Damit ist die WM des Commonwealth, wenn man so will, eine der publikumswirksamsten Sportveranstaltungen überhaupt – erst recht aber im kleinen Neuseeland. Doch was unterscheidet Rugby Union von Rugby League, welche Nationen spielen überhaupt mit, und welche Nationalteams haben Titelchancen: All Blacks, Los Pumas, Roses, Springboks, Wallabies? Ein Einblick in die fremde Welt des professionellen Gedränges.

Vom antiken Rugby griechisch-römisch zum Gründungsmythos um Webb Ellis

Der Gründungsmythos ist wie so oft eine nette Anekdote – nämlich wie ein junger Schüler der Rugby School, einem mittelenglischen Internat für Jungen, 1823 seinem Drang der freien Auslegung der Spielregeln in einem Football-Match stattgab und mit dem Ball im Arm davon lief. William Webb Ellis soll es gewesen sein, der sich derart als Gründer der handgreiflichen Bewegung für die Geschichte des Sports empfahl. Auch in der anderen ur-britischen Sportart Cricket soll es der spätere Theologiestudent und Priester Ellis nicht allzu genau mit den Regeln genommen haben, und doch gilt er als Gründervater jener Ballsportart, die mehr Disziplin und Regeltreue vom Spieler fordert als viele andere. Allerdings ist aus antiken Quellen belegt, dass das klassische Ballspiel Harpastum (vom griechischen harpaston = rauben, wegnehmen) bereits vor Jahrtausenden die Grundlagen des heutigen Rugby enthielt – beispielsweise das Ziel, ein griffiges Wurfobjekt mittels Ballläufen und Passspiel sowie beträchtlichem Körpereinsatz an der gegnerischen Mannschaft vorbei ans feindliche Ende des Spielfeldes zu tragen. Doch näherliegende Ursprünge des Rugby sind sicher auch im seltsamen Shrovetide Football zu erkennen, bei dem seit Jahrhunderten ganze britische Dörfer zu hunderten Mitspielern im Gedränge verkeilt sind und den Ball ins gegnerische Tor zu »spielen« trachten.

Rugby ist nicht gleich Rugby: Von der Rugby Union bis zur Rugby League

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts formierten sich vermehrt Clubs, Ligen und Verbände um die verschiedenen Spielarten des Football- und Rugbysports. Aus heutiger Sicht interessant wurde es im Jahr 1895, als sich die Northern Rugby Football Union von der English Rugby Football Union abspaltete, und zwar innerhalb eines kleinen Klassenkampfes: Die Rugby-Amateure der Arbeiterklasse Nord-Englands betrieben das Spiel lediglich als Hobby, während die Rugby Union-Spieler im südlichen England für ihre Blessuren eine finanzielle Kompensation erhalten konnten. Innerhalb der Rugby League, die sich aus der abgespaltenen Northern Union entwickelte, wurde im Grunde der gleiche Sport betrieben, nur mit leicht geändertem Regelwerk: Die Anzahl der Spieler eines Teams wurd von 15 auf 13 reduziert, ebenso wie die Punkte für einen gelungenen Try und den Penalty. Heute ist Rugby Union weltweit etwas populärer, aber auch (historisch begründet professionell) härter, obwohl im Norden Englands der rustikale Charme des laufintensiven Arbeiterklasse-Rugby der League verehrt wird. Einen guten Überblick über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten bietet ein Interview mit Neuseelands Union- und League-Profi Henry Paul.

Die Weltmeisterschaft der Rugby-Nationalteams: Titelverteidiger und aktuelle Weltspitze

Titelverteidiger sind die südafrikanischen Springboks, die immer schon international erfolgreich Rugby spielten – zu Zeiten der Apartheid allerdings weitestgehend isoliert vom sportlichen Weltgeschehen durch die Gleneagles-Vereinbarung des Comonwealth of Nations. 1976 boykottierten zahlreiche afrikanische Staaten die Olympischen Sommerspiele, da das IOC keine Veranlassung sah, Neuseeland auf Grund weitergeführter Begegnungen mit den südafrikanischen »Bokke« auszuschließen – schließlich war Rugby damals nicht olympisch. 1981 dann wurde der südafrikanische Verband vom International Rugby Board (IRB) ausgeschlossen. Sportliche Gipfeltreffen mit den neuseeländischen All Blacks, lange Zeit als bestes Rugbyteam überhaupt gehandelt und beim ersten Worldcup 1987 im Endspiel über Frankreich siegreich, wurden politisch unterbunden oder waren nur unter scharfen Protesten möglich. Wie die südafrikanischen Rugby-Profis nach der Jahrzehnte andauernden politischen Isolierung 1995 wieder Anschluss an die Weltspitze fanden, erzählt der sehenswerte Spielfilm »Invictus – Unbezwungen«. Neuseeland allerdings wartet noch auf den zweiten Titel, während die australischen Nachbarn in Gestalt der Wallabies bereits 1991 und `99 die Webb Ellis Trophy nach Down Under holen konnten. England als Mutterland des Rugby war lediglich 2003 siegreich, 2007 unterlag man den Springboks im Pariser Endspiel mit 15 : 6. Als einziges amerikanisches Team konnten die argentinischen Pumas mit ihrem dritten Platz 2007 in die Finalrunde der vierjährig ausgetragenen Rugby Union-Weltmeisterschaft vordringen.

Der Gastgeber des Rugby World Cup 2011: Neuseeland

Der Erfolg der neuseeländischen Bewerbung als Gastgeber des 7. Rugby World Cup wurde bereits 2005 vom IRB bekannt gegeben, Neuseeland bekam den Vorzug vor den Mitbewerbern Japan und Südafrika. Spielerisch qualifizierten sich die neuseeländischen All Blacks durch die Finalrundenteilnahme 2007, ebenso wie die anderen sieben Viertelfinalteilnehmer sowie die vier Drittplatzierten der Vorrunde. Weitere acht Teilnehmer wurden über eine gesonderte Qualifikation zur Teilnahme am Worldcup eingeladen, wodurch man sich für ein erweitertes Teilnehmerfeld entschied – denn auch Rugby-Zwerge wie Samoa und Fidschi oder Rugby-Neulinge wie Georgien und Rumänien, aber auch Kanada und die USA haben zur Weltelite aufgeschlossen.

Die neuseeländischen Spielorte und Stadien

Allerdings war zu der Zeit der Gastgeber-Nominierung noch nicht abzusehen, dass Neuseeland, speziell der vorgesehene Spielort Christchurch, 2010/2011 schwer durch wiederholte Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen werden würde. Das Organisationskomitee gab im Februar bekannt, dass die Spiele nun in den Stadien in Auckland, Wellington, Dunedin, Hamilton, Invercargill, Napier, Nelson, New Plymouth, Palmerston North, Rotorua und Whangarei stattfinden werden. Damit ist so ziemlich jede Stadt Neuseelands, die als solche gelten kann, als Austragungsort vorgesehen. Die geplanten Kosten der Ausrichtung werden wohl die Einnahmen deutlich übersteigen, doch das Soll von rund 30 Millionen NZ-Dollar wird voraussichtlich von der neuseeländischen Regierung und der New Zealand Rugby Union übernommen werden. Die Kiwis versprechen sich durch ein solches Großereignis eben wieder mehr Tourismus auf den einsamen Inseln im Südpazifik. Es scheint also an alles gedacht – sogar an Public Viewing – so dass der Rugby Worldcup 2011 in Neuseeland tatsächlich zu einem Frühjahrsmärchen am anderen Ende der Welt werden könnte.

FxReid Ständiger Autor Australien&Ozeanien-Reisen, © FxReid

Felix Reid - Ständiger Autor im Ressort Australien- & Ozeanien-Reisen; Freier Autor für unterhaltsame Golfsport-Beiträge; Ghostwriter ...

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