"Ruß", ein Ruhrpott-Roman von Feridun Zaimoglu

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In seinem neuen Roman schildert der deutsche Literat Feridun Zaimoglu Vergangenheitsbewältigung in den Kulissen des niedergehenden Ruhrgebiets.

Renz, der Held von Zaimoglus Text hält sich in seinem Alltag vor allem über Wasser. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er als Verkäufer in der Trinkhalle seines Schwiegervaters, um seiner freien Zeit eine Struktur zu geben, malt er mehr oder weniger laienhafte Ikonen. Dem Leser wird schnell klar, dass es sich hierbei nur um Plan B von Renz Existenz handelt. Im Leben nach Plan A hieß Renz Lorenz und war typischer Hoffnungsträger der Arbeiterelterngeneration. „Kindchen Renz, das fitte Arbeiterkind“ hat Abitur gemacht, Medizin studiert, als Arzt praktiziert, eine Ehe geführt. Ein Traum hätte wahr werden können, doch irgendwie fehlte es dieser Figur schon immer an Biss für seine Gattin, für seinen Beruf, für ein Leben mit würzenden Risiken. Der brutale Tod seiner Frau entreißt Renz jeden Boden unter den Füßen, es folgt eine Talfahrt in den Alkohol. Sein Schwiegervater ist es, der ihn trockengelegt und ihm als Kioskmann ein neues soziales Umfeld aus Hartz-IV-Jobbern und Flachmanntrinkern verschafft hat.

Der persönliche Niedergang einer kampflosen Generation

Renz leidet, aber er formuliert es nicht. Er stippt den Finger in die Asche seiner Frau und immer wieder fällt er in seiner Erinnerung in mit ihr erlebte Szenen zurück, die ihn aus dem Jetzt hinaus katapultieren. Von Bewältigung ist dabei keine Spur. So sind es dann auch andere, die ihn dazu drängen, Rache zu üben an dem Mörder seiner Frau. Ihm scheint das logisch, sein Rachewunsch entspringt jedoch mehr seinem Ordnungssinn, als einem Blutrausch. Mit zwei bizarren, scheinbar zufällig aufgetauchten Begleitern unternimmt Renz eine gar nicht so wilde Odyssee, die die Männer von Polen bis nach Österreich führt. Die Möchtegern-Ganoven treffen eine Prostituierte, besitzen eine Waffe, doch ihre Touren bleiben harmlos, Verfolgungsjagden bleiben ein Traum. Schimanski wohnt eben nicht mehr im Pott. Am Ende geht alles ganz harmlos aus, Renz ist und bleibt kein rachedurstiger Totschläger. Es ist vielmehr eine kleine Liebesgeschichte, die ihm hilft, den Verlust seiner Ehefrau zu bewältigen.

Renz ist kein Sympatieträger und Renz ist nicht einmal interessant. Seine enervierende Passivität macht ihn zu einem Vertreter der „Generation Ratlos“, die als Kind keinen Hunger und in der Pubertät niemanden hatte, an dem sie sich reiben konnte. Nie gekämpft haben müssen und so nie den Mut zur Handlung außerhalb der Folgerichtigkeit entwickelt haben, ist auf jeden Fall ein sehr deutsches Phänomen derjenigen deren Eltern Wiederaufbau und Wirtschaftswunder leisteten. Eltern, die als Kind Margarinebilder sammelten und manchmal hungerten, doch die die Möglichkeit hatten, sich hochzuarbeiten. 50 Jahre die Karriereleiter im gleichen Betrieb hochgeklettert und dabei immer seiner Rente sicher gewesen, jetzt gönnen sie sich Wohlstandsleiden. Ihre Kinder, die jetzigen Enddreißiger, hatten als Kind soviel zu essen, dass sie in manchen Fällen magersüchtig wurden und sind heutzutage froh, Zeitarbeitsverträge zu ergattern. Doch vor allem wissen viele von uns oft gar nicht so genau, was wir dagegen machen könnten.

Der verlorene Glanz des Ruhrreviers

Gleichzeitig wird die Geschichte des Ruhrpotts erzählt, des industriellen und kulturellen Ballungsraums mit den einst so reichhaltigen Ressourcen, mit dem es seit der Stahlkrise immer nur noch bergab geht. Chorartige Passagen in der Wir-Form schildern den verlorenen Ruhm der Arbeiter in den Kohlenschächten. Den harten Männer von einst, die nicht viel Worte machen und die sich nicht scheuen, sich die Hände schmutzig zu machen für das Bruttosozialprodukt der Republik, ihnen ist die Beschäftigung genommen worden. Noch ein Generationentrauma.

Bei aller Tragik werden Duisburg und seine Bewohner, die "Ruhrathleten", mit einer gewissen Sympatie beschrieben. Das kann vielleicht nur jemand wie Feridun Zaimoglu leisten, der seit Jahrzehnten freiwillig in Kiel lebt, wo sich bekanntlich außer den Kielern auch keiner wohlfühlt. Der Leser gewinnt angesichts von "Ruß" den Eindruck, die Menschen im Pott seien rau, sie klammern sich an den Zusammenhalt vergangener Tage und ihre Liebe entspringt Verzweiflung und Pragmatismus, kann schließlich aber auch ihr wohltuendes Gutes haben.

Der Autor, der als Neunjähriger mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland kam, lässt sich in diesem wie in jedem seiner Werke voller Enthusiasmus auf neue Experimente mit der deutschen Sprache ein. Der Fabulierfreund Zaimoglu hat für "Ruß" einen Sprachstil gewählt, der einerseits die Bilder so dicht anhäuft wie die Städte des Ruhrgebiets beieinander liegen, der andererseits von der Syntax her so karg ist wie die Existenzen, um die es hier geht. Aneinanderreihungen von Ein- bis Dreiwortsätzen machen die Lektüre mitunter zu einem Willensakt, der aber auch gerade die Faszination dieses Textes ausmacht

"Ruß" ist eine sehr deutsche Geschichte, ein gelungener Beitrag zur aktuellen Diskussion um Aufstand oder Ausharren in einer neu zu strukturierenden Welt.

Feridun Zaimoglu: Ruß. Kiepenheuer & Witsch 2011. Hardcover, 267 Seiten. ISBN 978-3-462-04329-7

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Anuschka Kirschnick - Nach einem Studium der deutschen und russischen Literaturen habe ich in verschiedenen bodenständigen Berufen wie Köchin, ...

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