"Russische Erzählungen: Von Puschkin bis Pelewin"

Russische Erzählungen: Von Puschkin bis Pelewin - Reclam Verlag
Russische Erzählungen: Von Puschkin bis Pelewin - Reclam Verlag
Russische Literatur aus zwei Jahrhunderten. Ohne Revolution, Liebe, Mensch und Traum geht gar nichts.

Russische Literatur – das heißt Endzeit-Szenarien, Revolutionsgedanken, existentielles Scheitern, aber auch tiefes Gefühl, dringende Liebe und glühende Hingabe. Nicht selten ist Magie im literarischen Spiel, Traum und Fantasie. Und oft genug steht die sehnsuchtsvolle russische Seele vor einer frostigen Winterkulisse und muss sich behaupten.

21 russische Autoren in einem Buch

Die von Christian Graf herausgegebene Anthologie "Russische Erzählungen" vereint 21 exzellente Autoren aus zwei Jahrhunderten. An erster Stelle steht Nikolaj Gogol mit seiner Geschichte "Der Mantel". Die Anekdote gilt als russischster Genius und unumstößliche Inspirationsquelle russischer Literaten. So behauptete Dostojewski einst: "Wir sind alle aus Gogols Mantel geschlüpft." In der einfachen Geschichten lernt der Leser einen treuen Beamten kennen, den niemand beachtet. Seine Armut nötigt ihn etwa dazu, beim Gehen nicht zu fest aufzutreten, um die Schuhsohlen zu schonen. Eines Tages fasst er einen großen Entschluss und gibt einen neuen Mantel in Auftrag, der während der Anfertigung zu seinem Lebenstraum wird. Als dieser ihm bereits in der ersten Nacht des Tragens gestohlen wird, stirbt er vor Kummer. Nichts hat Romantik, Traum und Wirklichkeit zu einem "magischen Realismus" derart verschmolzen, wie die Erzählung vom armen Petersburger Schreiber Akakij Akakijewitsch Baschmatschkin. Immer wieder beziehen sich russische Autoren in ihren Texten formal und inhaltlich auf ihren großen Ahnen Gogol und seine Erzählung.

Unsterbliche Namen und weniger bekannte Schriftsteller

In dieser Anthologie stehen unsterbliche und über die Grenzen Russlands hinaus bekannte Namen wie Iwan Turgenjew ("Das Ende der Welt"), Alexander Puschkin ("Der Sargschreiner"), Lew Tolstoj ("Braucht der Mensch viel Erde?"), Fjodor Dostojewskij ("Der Großinquisator"), Anton Tschechow ("Die Dame mit dem Hündchen") und Vladimir Nabokov ("Erste Liebe") neben weniger geläufigen Autoren wie Leonid Andrejew "(Der Flug") oder Iwan Bunin ("Dunkle Alleen"). Nichts desto trotz verdienen letzt Genannte wesentliche Beachtung, da auch sie einen umfassenden Einblick in die russischen Verhältnisse geben und das Zeitgeschehen widerspiegeln.

Frauen in der russischen Literatur

Auch zwei Autorinnen sind in der Sammlung vertreten: Ljudmila Petruschewskaja ("Der Gast") und Tatjana Tolstaja ("Schlaf ruhig, mein Söhnchen"). Seit Ausgang des 19. Jahrhunderts etablierten sich zunehmend Frauen in der russischen Literatur. Zunächst als Lyrikerinnen; in der Gegenwart folgten Prosaautorinnen, wie die genannten Vertreterinnen. Gehandelt werden die weiblichen Federführer als genaue Chronistinnen des sowjetischen und postkommunistischen Lebensalltags und des Landes in seiner andauernden Widersprüchlichkeit.

Stimmungsstilisten zwischen Elend und Ideal

Spürbar beim Lesen der Stimmungsstilisten, ist - durch alle Betonung des Elends, Abgründigen und Hässlichen hinweg - die Sehnsucht nach Glück, Schönheit und einem Ideal. Oft fremdartig mutet die tief dringende russische Erzählkunst an, integriert sie doch reichlich Märchen- und Fantasieelemente, um das Leben der meist verzweifelten und armen Figuren mit Licht zu erfüllen. Freiheitskämpfer, Gottsucher und überzeugte Gottlose, Liebende, Intellektuelle, wortkarge Beamte und spöttelnde Generäle sind die Handelnden. Der Alkohol einer ihrer treuesten Begleiter.

Aber auch Komik, Satire und Humor kennen die Russen. Diese Stilmittel werden beispielsweise verwendet, um die russische Kulturlosigkeit der Stalin-Ära zu entlarven oder das Scheinbild von Partei und Staat zu verzerren.

Bunter Querschnitt von Erzählungen

Symbolisten, Realisten, Neu-Klassiker und Postmodernisten – der Herausgeber Christian Graf hat einen bunten Querschnitt durch die russische Literatur zusammengestellt. Gewiss konnten nicht alle erzählenden russischen Schriftsteller für die Anthologie berücksichtigt werden, da sich manche auf Romane spezialisiert haben, die in dieser Kurz-Geschichtensammlung den Umfang gesprengt hätten.

Und auch wenn sich dieses Glanzstück am schönsten lesen lässt, wenn draußen Tiefsttemperaturen herrschen – das Buch "Russische Erzählungen" belebt das interessierte Leserherz zu jeder Jahreszeit.

Der Herausgeber Christian Graf

Christian Graf wurde 1940 geboren. Er ist Slawist, Germanist und Historiker. Zwischen 1972 und 2005 war er Lektor im Reclam Verlag.

Christian Graf (Hrsg.): Russische Erzählungen: Von Puschkin bis Pelewin. Reclam 2010. Taschenbuch, 410 Seiten. Euro 12,95.

Caroline Stern, (c)

Caroline Stern - Veröffentlichungen u. a. in: People Management, Time Out London und auf: morgenpost.de, stern.de, welt.de. Aufgewachsen in Plauen ...

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