
- Blaue Linien auf transparenter Haut - Dominik Krug
Fällt hierzulande der Name Murakami, ist in 99% aller Fälle Haruki Murakami (Wilde Schafsjagd, Gefährliche Geliebte, Kafka am Strand) gemeint. Ryu Murakami (geb. 1952 in Sasebo) hingegen gilt in Kennerkreisen als Harukis böser Zwilling – und das, obwohl keinerlei Verwandtschaft zwischen beiden Autoren besteht. Dabei debütierte Ryu Murakami, auch als japanischer Maradona betitelt, bereits zu Studentenzeiten Mitte der 70iger Jahre mit einem Roman, der bei Eingeweihten bleibenden Eindruck hinterlassen hat.
Almost Transparent Blue – Tokio unterm Strich
Kagirinaku tomei ni chikai buru oder Blaue Linien auf transparenter Haut handelt von einer Gruppe junger Studenten, deren Alltag aus ausschweifenden Partys, Drogenmissbrauch, Gewalt und Sexabenteuern besteht. Der Ich-Erzähler, Ryu , berichtet trocken von seinem belanglosen Leben, wobei die einzelnen Episoden eher locker miteinander verbunden sind und in sich selten eine geschlossene Narration bilden – wie ein semi-biografisches Kaleidoskop.
Rund um den 19-jährigen Erzähler rankt sich ein vielfältiges Geflecht aus ähnlich gestrandeten Existenzen der japanischen Vorstadt. Einerseits wäre da seine Beziehung zu der weit älteren Lilly, einem Call-Girl, zu der er eine intime Zweckgemeinschaft aufgebaut hat. Vorrangig geht es dabei um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse – zumindest für sie. Ryu kann sich seiner Gefühle nicht eindeutig sicher sein.
Dem entgegen steht die Zeit, die Ryu mit seinen Bekannten verbringt. 'Bekannte' trifft es am ehesten, da so etwas wie Freundschaft zu keinem Zeitpunkt präsent wird. Zu belanglos, zu losgelöst, zu oberflächlich sind die Fäden zwischen Kei, Okinawa, Reiko, Yoshiyama, Kazuo und Moko, wo jeder mit jedem schläft und jedwede Empathie am Ende des eigenen Körpers endet.
Doch selbst wenn Ryu niemanden um sich hat, ist er nie ganz allein – in diesen dunkelsten Stunden des Tages, schlägt er sich mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen herum. So verschwimmen im Verlauf der Handlung Realität und Wahn, so dass zum Schluss alles in Frage gestellt wird, was bislang zu erfahren war. Seine Mitmenschen folgen weiter bereitwillig der selbst-destruktiven Straße des Lebensüberdrusses, während seine zunehmend ernster werdende Beziehung zu Lilly an Zuneigung und Zukunftsgedanken zerbricht.
Drogen, Sex und Gewalt als Abbild der japanischen Gesellschaft in den 70igern
In schnörkelloser, fast nüchterner Wortwahl berichtet Murakami von Drogentrips, Vergewaltigung, Suizidversuchen und dem Lebensgefühl der ausklingenden 70iger Jahre. Durch diesen harschen Kontrast erfährt der Leser gleich doppelt das Leid seiner Protagonisten, die selber gar nicht dazu in der Lage sind, ihren eigenen Schmerz nachzuempfinden und deren Zukunft bis zum Schluss bestenfalls ungewiss bleibt. Man fühlt sich stumpf und leer und geht wie in Watte gepackt aus dieser Erfahrung hervor. Man wird einerseits als Spanner geoutet, und ist andererseits doch das machtlose Opfer. Eine intensive Erfahrung, die offenbar nicht jedem Leser geschmeckt hat - gerade in Deutschland.
Die Geschichte mündet in einem Abschiedsbrief, in dem Ryu, der durchgängig hauptsächlich beobachtet und kaum aktiv spricht oder handelt (eher stets auf sein Umfeld reagiert), zum ersten Mal mehrere Sätze aneinanderreiht und dadurch erahnen lässt, welch vernarbte Existenz Jahre später aus dem Studenten hervorgehen wird. Niemand geringeres als einer der erfolgreichsten zeitgenössischen japanischen Autoren.
Über den Autor: Ryu Murakami – L’Enfant terrible der japanischen Inseln
Murakami, der sein Debüt auch gleich eigenhändig verfilmte, arbeitet in seinem Heimatland heute als Entertainer, Filmemacher und ist auch weiterhin als Autor tätig. Als weitere Lesetipps sind seine Romane 69 – Sixty Nine, In der Misosuppe und Piercing zu nennen, wobei seine wohl stärksten Werke (Audition, Coin Locker Babies), weiterhin nur auf Englisch oder Französisch zu beziehen sind.
Warum das hier besprochene kleine Juwel hingegen seit der Zeit der Wende (ehemals von rororo) nicht mehr aufgelegt wird (und damit nur noch gebraucht zu erwerben ist), bleibt spekulativ. Schade ist es allemal, bietet der Roman doch einen mitreißenden Trip und den Querschnitt durch eine verkommene Gesellschaft, die ausnahmsweise jenseits von Deutschland und den USA liegt.
