
- Markt in Eutin - Eutiner Landesbibliothek
Der Arzt Christoph Friedrich Hellwag (1754 bis 1835) ist einer der bedeutendsten Gestalten der Eutiner Geschichte des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Ursprünglich Leibzart der früh verstorbenen Gemahlin des Herzogs Peter Friedrich Ludwig wurde er der erste Amtsarzt im Eutinischen. Er förderte die Einführung der Pockenimpfung, war Mitarbeiter des Rektors Johann Heinrich Voss und mit vielen der Geistesgrößen, die Eutins Glanzzeit prägten, befreundet.
Im Jahre 1811 studierte sein Sohn Ernst (1790 bis 1862) in Heidelberg im dritten Jahr Jura. Aus dieser Zeit ist vor einigen Jahren aus dem Familienbesitz ein Konvolut mit Briefen zwischen dem Studenten und seiner Familie als Leihgabe in das Ostholstein-Museum gelangt. Dieser Briefwechsel ist jetzt von dem in Malente lebenden Literaturwissenschaftler Henry A. Smith als Band 11 der „Eutiner Forschungen“ veröffentlicht worden – ergänzt durch einen weiteren Brief eines Eutiners und weitere zeitgenössische Veröffentlichungen. Eine ungeheure Fleißarbeit, denn Smith hat nicht nur diesen Briefwechsel ausführlich kommentiert, sondern auch durch eine so noch nirgends vorliegende Biografie der hier hinein spielenden Eutiner und auswärtigen Persönlichkeiten ergänzt. Hinzu kommt das vollständige Hausregister der Residenzstadt aus dem Jahre 1811. Das Buch – allein für dessen Abfassung hat Smith zwei Jahre benötigt – ist das Ergebnis einer jahrelangen Forschertätigkeit.
Als Oldenburg französisch wurde
Das Jahr 1811 war politisch überaus aufregend. Das spiegelt sich auch in diesem Briefwechsel wider. – auch wenn dieser sonst eigentlich nur Stadtklatsch und Begebenheiten aus dem Studentenleben dieser Zeit enthält. Norddeutschland war seit dem November 1806 französisch besetzt, und gerade im Dezember 1810 war bekannt geworden, dass der Elbe-Weser-Raum mit den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck in das Kaiserreich einverleibt werden sollten. Ein Schicksal, das auch das Herzogtum Oldenburg treffen sollte. Nachdem Herzog Peter Friedrich Ludwig einen Tausch gegen das Herzogtum Erfurt abgelehnt hatte, ging er in die Emigration nach Russland – war doch der Zar sein Neffe. Überdies hatte gerade ein Jahr zuvor sein Sohn Georg eine Schwester des Zaren geheiratet.
Würde auch das Fürstentum Lübeck einverleibt?
Die Eutiner – die überdies fürchteten, das Fürstentum würde ebenfalls in das Kaiserreich einverleibt – bewegte das Schicksal ihres Herzogs – der Anfang 1811 sein 25-jähriges Thronjubiläum feiern konnte – sehr. Aus den Briefen des Studenten Ernst wird deutlich, wie wenig er von dem doch überaus fortschrittlichen Code Civile im Allgemeinen und Frankreich im Besonderen hielt. Nicht einmal die schöne französische Sprache fand vor seinen Augen und Ohren Gnade. Das sah der Vater freilich anders und hätte es gern gesehen, wenn Ernst in Koblenz eben den Code Civile studiert hätte. Aber das ließ sich finanziell nicht einrichten.
Wie denn überhaupt finanzielle Probleme einen großen Teil des Schriftwechsels einnehmen. Dem alternden Arzt fiel es schwer, die hundert Reichstaler für den vierteljährlichen Wechsel für seinen Sohn aufzubringen. Er beklagt sich über die zunehmende Konkurrenz durch jüngere Kollegen, denen er schmutzige Tricks beim Abwerben seiner „Kunden“ vorwarf. Außer Hellwag gab es inzwischen in der kleinen Stadt von gerade einmal 2.000 Einwohnern die Ärzte Voss – ein Sohn des Dichters – und Völckers. Überdies einen handwerklich ausgebildeten Chirurgen. Hinzu kamen die Probleme beim Transfer des Geldes. In Eutin und wohl auch in Heidelberg gab es keine Bank. Der Wechsel musste über Lübecker und Heidelberger Kaufleute laufen. In einem Fall betont Ernst, der bezogene Kaufmann habe keine Provision abgezogen – nun, er wird sich bei der Rückrechnung schadlos gehalten haben …
Eutin feierte
Folgt man den Eutiner Briefen, dann bestand das Leben des gehobenen Bürgertums dieser Zeit aus einer ununterbrochenen Abfolge von Lustbarkeiten. Bis hin zu Liebhaberkonzerten im Rathaussaal, bei denen sich 150 Personen dort gedrängt haben sollen – wie sind die da nur untergekommen? Bei Kindergeburtstagen gab es Vogelschießen. Vor allem aber waren die Menschen gut zu Fuß. Wanderungen um den Ugleisee, den Kellersee, wohl gar den Plöner See waren nicht ungewöhnlich. Selbst von einem zweitätigen Fußmarsch nach Hamburg hören wir. Und als Ernst im Oktober 1811 nach Eutin zurückkehrt, geschieht dies über die weiteste Strecke zu Fuß.
Eutin – Heidelberg 1811. Briefwechsel des Studenten Ernst Hellwag mit seiner Familie in Eutin. Herausgegeben von Henry A. Smith. Eutiner Landesbibliothek 2009.
